Tangerine – Drama
In Tanger machen die deutschen Touristen Pia und Tom die Bekanntschaft mit der bildhübschen Amira. Die Faszination, die von der Marokkanerin auf Pia ausgeht, bildet die Grundlage für eine Freundschaft, die auf die Probe gestellt wird, als sich Tom in Amira verliebt. Sozialkritische Dreiecksgeschichte.
Doch hinter der harmlosen Freundschaft und dem Beziehungswirrwarr steckt noch mehr, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Irene von Albertis Spielfilmdebüt beginnt mit dem unterkühlten Wiedersehen zwischen der Deutschen Pia und Neshua, einer der besten Freundinnen von Amira. Pias Freundschaft mit Amira wird hier in Frage gestellt, es werden Vorwürfe des Verrats und des Im-Stich-Lassens erhoben. Auf diese Weise schürt die Filmemacherin schon in den ersten Szenen das Interesse an einer Geschichte, die sich auf dramatische Weise in einem langen Rückblick zu entfalten beginnt. Der Zuschauer erlebt mit, wie Amira vor ihren Verwandten flieht und bei Neshua und ihren Freundinnen Unterschlupf findet. Das Haus der sich modern kleidenden Frauen wird von den konservativen Nachbarn als Puff gebrandmarkt, und schon wenig später erkennen wir, dass diese Anschuldigungen durchaus nicht aus der Luft gegriffen sind. Die Frauen besuchen Diskotheken und Clubs, tanzen dort mit Touristen und erfüllen deren Wünsche und Begierden. Schon kurz darauf machen schließlich Pia und Tom die Bekanntschaft mit Amira und ihren Freundinnen.
Irene von Alberti schöpfte die Inspiration für ihre Geschichte aus tatsächlichen Ereignissen, die sich während eines Aufenthalts zu Dokumentarfilmdreharbeiten in Marokko abspielten. Die Tatsache, dass sie jene Prostituierten in den Diskotheken vor Ort nicht als solche erkannte, entflammte bei der Regisseurin die Faszination für das Sujet, das sie nun in ihrem ersten fiktionalen Werk umgesetzt hat. Jene Faszination kann sich aber nicht in gleicher Weise auf den Zuschauer übertragen. Vielleicht liegt es daran, dass man schon früher in die wahre Identität Amiras eingeweiht wird, vielleicht ist der Grund auch, dass die Geschichte an sich nicht sonderlich originell oder ungewöhnlich ist. Aber von Alberti gelingt es auf eindringliche Weise, die Atmosphäre und das besondere Flair von Tanger stimmig einzufangen. Es sind die scheinbar nebensächlichen Details, mit denen sie die Lebensfreude, die Existenzängste, die stillen Hoffnungen und das Knistern in der Luft zu visualisieren versteht. Auch die Ausgelassenheit der Touristen, das Sich-treiben-lassen, der Drogenkonsum und die Verlorenheit werden anschaulich in Bilder gepackt. Nicht zuletzt sind es die sozialen und kulturellen Unterschiede, ja sogar zwei gänzlich verschiedene Lebensansichten, denen in „Tangerine“ ein Gesicht gegeben wird. Mit kleineren Abstrichen ist so ein überzeugendes, vor allem atmosphärisch mitreißendes Sozialdrama entstanden, das einige gelungene Denkansätze liefert. (4/6)
D/M 2008. Regie und Buch: Irene von Alberti. Musik: Zeid Hamdan. Kamera: Birgit Möller. Schnitt: Silke Botsch. Produktion: Filmgalerie 451, Kasbah Film, ZDF Das kleine Fernsehspiel. Mit: Sabrina Ouazani, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Naima Bouzid, Nohad Sabri, Saidaa Lachir, Kawtar Hadine. Filmgalerie 451. 95 Min. (O.m.U.) Ab 14.05.2009 im Kino.
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