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Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ mit Fischer-Dieskau und Brendel auf DVD

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Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ mit Fischer-Dieskau und Brendel auf DVD

Winterreise 150x223 Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ mit Fischer Dieskau und Brendel auf DVDFranz Schubert gilt mit über 600 Liedkompositionen als der Meister dieser Gattung. Höhepunkt seines Liedschaffens ist der Zyklus „Winterreise“, der für jeden Sänger und Klavierbegleiter eine große Herausforderung darstellt. Kein ernsthafter Sänger kommt um dieses Werk herum. In geradezu idealer Weise hat der Bass-Bariton Dietrich Fischer-Dieskau immer wieder die „Winterreise“ interpretiert. Unzählige Schallplattenaufnahmen mit verschiedenen Begleitern zeugen davon. Erstmals sang er diese Lieder eines von der Liebe Enttäuschten und in eine einsame Winterlandschaft Fliehenden im Alter von 18 Jahren im Kriegswinter 1943. Schuberts 24 Stationen eines Weges ins Nichts waren seitdem des zentrale Werk Fischer-Dieskaus, der über 3000 Stücke von über 100 Komponisten beherrschte, von Bach und Händel bis Henze und Reimann. Als vielseitige Künstlerpersönlichkeit ist er auch Maler, Autor, Rezitator und Dirigent.

Ein einmaliges Bild-Ton-Dokument dieses Jahrhundertkünstlers bringt Arthaus Musik jetzt auf DVD heraus. Es zeigt Fischer-Dieskaus Interpretation der „Winterreise“ während eines Livemitschnitts in der Berliner Siemens-Villa von 1979. Begleitet wird er von dem ebenso vielseitigen österreichischen Pianisten Alfred Brendel, der für seine mustergültigen Schubert-Interpretationen bekannt ist. Zwei Meister ihres Faches treffen sich hier auf dem gemeinsamen Nenner Schubert und ergänzen sich dabei ideal. Beide wollen sich nicht eitel in Szene setzen und den anderen übertrumpfen, sondern allein der Musik dienen. Bei Fischer-Dieskau bilden Stimmführung und Artikulation eine gelungene Synthese. Jedes Wort ist verständlich, jede Silbe bekommt bei Schuberts genialer Umsetzung der Texte von Wilhelm Müller seine Bedeutung. Die Souveränität der Textausdeutung hat Fischer-Dieskau im Lauf der Jahre derart verinnerlicht, dass er eins mit dem traurigen Ich-Erzähler zu sein scheint. Man hört an einigen Stellen, vor allem in der höheren Lage, dass sein Stimme nicht mehr so frisch klingt wie in früheren Jahren, doch die Reife seines Ausdrucks, in der die Erfahrung eines langen Künstlerlebens steckt, erreichen hier einen Höhepunkt. Fischer-Dieskaus helle und lyrische Stimme ist so wandelbar, dass sie leicht innerhalb eines Liedes verschiedene Ausdruckscharaktere darstellen kann. Besonders deutlich wird dies in „Gute Nacht“ und „Am Fluss“. Ständige Stimmungswechsel von schnell/langsam oder Dur/Moll treiben den Zyklus so intensiv voran, dass man mit dem armen Wanderer mitleiden muss. Schön kommt das in „Frühlingstraum“ zum Ausdruck. Dabei gibt es abgesehen von einigen Strophenliedern keine Wiederholungen, jedes Lied hat seine Individualität. Die Klavierbegleitung sorgt für Drive („Erstarrung“), Dramatik („Rückblick“) und bizarre Töne („Letzte Hoffnung“). Scheinbar mit Leichtigkeit überwindet der Sänger in „Irrlicht“ einen enormen Tonumfang, und die sprechenden Pausen in „Der greise Kopf“ können als Hoffnung oder Resignation gedeutet werden.

Neben der Aufführung, von der Regie in klugen Überblendungen und Schnitten mit mehreren Kameras für den Sender Freies Berlin ins Bild gesetzt, ist als Bonus ein etwa einstündiges einzigartiges Dokument über die Probenarbeit enthalten. Hier wollten die Kameraleute und Tontechniker die Einstellungen testen und fingen nebenbei, von den Künstlern so gut wie unbemerkt, alles von der unbefangenen Arbeitsatmosphäre ein. So kann man sehen, wie auch so ausgereifte Künstler immer wieder nach Perfektion streben. Jedes abgesprochene Detail vermerken sie mit Bleistift in ihren Noten. Brendel brummt ab und zu eine Oktave tiefer die Sängerrolle mit, gegenseitig spricht man sich respektvoll mit „Sie“ an, was heute unter Künstlerkollegen kaum noch Brauch ist. Bei unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen finden sich schnell gemeinsame Lösungen, weil beide auf die Vorschläge des anderen eingehen können. Dabei geht es um den Feinschliff wie Phrasierung, Übergänge, Betonungen oder Ritardandi. Erst die Synthese all dieser Kleinigkeiten macht eine große Interpretation aus. Und so wird man bei den Proben und dem Konzertmitschnitt Zeuge einer seltenen Sternstunde der Liedinterpretation mit zwei Künstlern auf der Höhe ihrer Kunst. (Johannes Kösegi)

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