Livekonzert mit Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ an historischer Stätte neu auf DVD
Joseph Haydn hielt sein Oratorium „Die Schöpfung“ für eines seiner gelungensten Werke. Schon zu seinen Lebzeiten erreichte es eine große Beliebtheit, die ersten Drucke trugen Haydns Ruhm in alle Welt. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt ein Jahr vor seinem Tod wurde er bei der Aufführung dieses Werkes mit „Vivat“-Rufen bedacht. Sie fand im Festsaal der Alten Universität in Wien statt. Im März 1982 fand am selben Ort anlässlich des 250. Geburtstages des Komponisten eine denkwürdige Aufführung seiner „Schöpfung“ statt. Den Mitschnitt des ORF bringt jetzt Arthaus Musik erstmals auf DVD heraus.
Nicht nur der historische Raum, sondern auch der Klang und Musizierstil aus Haydns Zeit sind in dieser Aufnahme festgehalten. Die historische Aufführungspraxis, mittlerweile vielfach praktiziert von Nikolaus Harnoncourt bis John Eliot Gardiner, war vor 30 Jahren noch wenig verbreitet. Damals wurden berühmte Chorwerke aus Barock und Klassik in der Tradition des 19. Jahrhunderts mit romantischem Klanggewand und Chören von 100 Sängern oft in riesigen Konzerthallen aufgeführt. Hier klingt jedoch eines der berühmtesten und meistaufgeführten geistlichen Chorwerke möglichst wie zu seiner Entstehungszeit. So werden Instrumente von damals eingesetzt, Chor und Orchester bestehen aus etwa je 40 Personen, was für mehr Transparenz im Klangbild sorgt. Im Orchesterklang gibt es eine gute Balance zwischen den obertonreichen Streichern und den vielfältigen Farben und Registern der Blasinstrumente. Das zahlt sich besonders aus, weil Haydn die musikalischen Bilder der Schöpfungserzählung lautmalerisch instrumentiert hat. So hört man die Nachtigall, die Lerche oder den brüllenden Löwen und schnellen Hirschen. Neben den Klangfarben der Instrumente ist auch die Klangbalance zwischen den Gesangssolisten und dem Chor in dieser Besetzungsstärke ideal. Selten zuvor klangen die Dissonanzen des anfänglichen Chaos so überzeugend, waren der Überraschungseffekt bei der Lichtwerdung und das Crescendo bei „In vollem Glanze steiget jetzt die Sonne“ so überwältigend. Für diese Festaufführung vor höchsten Vertretern aus Politik und Gesellschaft wurden die besten Sänger aufgeboten, die es im Konzertgesang damals gab: Arleen Auger (Sopran), Peter Schreier (Tenor) und Walter Berry (Bass) als die drei Erzengel Gabriel, Uriel und Raphael, außerdem Gabriele Sima (Sopran) als Eva und Roland Herrmann (Bariton) als Adam. Das Collegium Aureum, das sich aus deutschen und österreichischen Spezialisten für historische Aufführungspraxis zusammensetzt, spielt unter der temperamentvollen Leitung von Gustav Kuhn. Der hochmotivierte Arnold Schoenberg Chor singt alles auswendig, was bei einer Liveaufführung sehr ungewöhnlich für einen Konzertchor ist. Man kann dem ORF und Arthaus Musik nur danken, dass sie dieses bedeutende Konzertereignis an historischer Stätte jetzt dem modernen Medium DVD zugänglich gemacht haben.
Eine interessante Dokumentation als Bonus führt in das Werk und den historischen Kontext seiner Entstehungszeit ein. Haydn behauptete, nie so fromm gewesen zu sein wie bei der Komposition seiner „Schöpfung“, die zwar ein christliches, jedoch kein kirchliches Werk ist. Sie ist ein Bekenntnis zu Gott als Schöpfer, zur Natur und zum Menschen. Der Textdichter Gottfried van Swieten steht in der Tradition der Aufklärung und vertritt die Gedankenwelt der Freimaurer. Durch die ständige Gefahr eines Angriffs Napoleons solidarisierte sich die Wiener Bevölkerung damals besonders mit ihrem Kaiser. In dieser Stimmung komponierte Haydn auch die Kaiserhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser“, deren Melodie heute als deutsche Nationalhymne gesungen wird. In den Chorsätzen verwendet Haydn besonders virtuos Händels barocken Stil mit prächtigen homophonen und polyphonen Elementen. (Johannes Kösegi)
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