Ein fliehendes Pferd
Die ewig leidliche Frage: Läßt sich Literatur verfilmen? Und wie kann der Film die enorme Bildlichkeit der Sprache in die gerahmte Sprachlichkeit des Bildes transformieren? Meistens ein undankbares Unterfangen:
Allein die zentrale Aussage in dieser Literaturadaption „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muß das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei“, zentriert eine komplexe Problematik, denn diese Worte spricht Klaus Buch in einer Schlüsselszene von Martin Walsers grandioser Novelle, in der es ihm gelingt, ein ausgerissenes Pferd zu bän-digen, aus. Im Kopf spielen sich hierbei schon unzählige variable Bilder ab, unendlich assoziativ und endlich individualisiert. Das gesehene Bild legt sich aber fest, zeigt beispielsweise in einer der wenigen dynamischen Szenen den entfesselten Ulrick Tukur im hellen Anzug auf dem galoppie-renden Pferd. Die brachialen Bilder legt Regisseur Rainer Kaufmann (“Die Apothekerin”) fest, so und nicht anders. Der Zuschauer findet sich damit ab, gibt sich zufrieden, die eigenen Phantasie-Welten ersticken im Vakuum der aufgedrängten Aufnahmen.
Auf das nötige Minimum reduziert sich auch die „Beziehung“ von Stu-dienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen, “Der Untergang”) und seiner Frau Sabine (Katja Riemann, “Rosenstraße”) seine Ruhe haben. Wie üblich geht’s zur spannenden Ehe-Erholung an den Bodensee, die jedoch diesmal gänzlich anders verlaufen wird, als gedacht. Denn dort, im vividen Ambiente einer Hansi Hinterseer-Gemütlichkeit und der Langnese-Larmoyanz auf geteerten Uferpromenaden, treffen sie Helmuts alten Jugendfreund Klaus Buch (brillant: Ulrich Tukur, „Das Leben der Anderen“). Das unerhoffte Wiedersehen ist für den eher wortfaulen und stets gereizt wirkenden Helmut nämlich alles andere als erbaulich, zumal die die Vergangenheit etwas von vielem ist, an das er ungern erinnert wird. Klaus, der alternde Playboy-Typ mit dem forschen eloquenten Charme, trumpft nicht nur mit seiner wesentlich jüngeren und hübschen „Hel“ (Helene, Petra Schmidt-Schaller) auf, sondern bringt Helmut mit den Anekdoten der von „früher“ Helmut von einer Peinlichkeit in die nächste.
Sabine hingegen ist von Klaus’ dreister Art durchaus angetan, endlich scheint wieder frischerer Wind in ihren etwas angestaubten Ehe-Alltag, denkt sich die Frustrierte im Stillen. Und Helmut lässt sich allmählich ebenso bedenklich in die gefahrvollen Gewässer von Hels Lolita-Aura treiben. Es folgen turbulente Tage, voller intensiver Dialoge, über alles, was man „Leben“ nennt und nennen könnte. Die Situationen eskalieren gar in vehementen Abneigungen wie in die Grenzbereiche erotischer Möchte-Entgleisungen: Vereiste Emotionen, tauen auf und fließen letztlich stark strömend in Richtung des fatalen und gewittrigen Horizonts…
Walsers Titel “Ein fliehendes Pferd” bezieht sich auf jene Schlüssel-Episode der Novelle, in der ein fliehendes Pferd von Klaus Buch eingeholt und gekonnt zum Stehen gebracht wird. Von Symbolischen relativiert sich diese Allegorie auf Helmut Halm und Klaus Buch, deren Flucht vor sich selbst bzw. aus der beruflichen Sphäre in dieser Novelle fokussiert wird.
Martin Walser gilt neben Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Uwe Johnson als beutender deutscher Literat des 20. Jahrhunderts. Er favorisiert die Bereiche die Liebe, Ehe und Midlifecrisis, wobei die Gesellschaftskritik bei ihm nicht als politisierendes Hauptthema zu betrachten ist, vielmehr sind seine Figuren Kleinbürger des täglichen Lebens, die Einfühlen und Mitfüh-len vom Leser, bzw. Zuschauer verlangen. Und Walser begeht glückli-cherweise nicht den Kardinal-Fehler, den pädagogisierenden Das-darfst-Du-aber-nicht-Zeige-Finger zu erheben, sondert bleibt unprogrammatisch ohne Lösungsvorschläge., obwohl die Themen wie Lust, Liebe, Freiheit, Flucht und Sexualität noch am Ende der 70er Jahre durchaus prekär und neuralgisch erschienen. Hatte sich die Republik doch noch längst nicht in der Praxis gescheiterten Utopien (wie „freie Liebe“) der 68iger-Wunsch-Weisheiten erholt…
Den didaktischen Daumen vermeidet ebenso Kaufmann; aber seine detail-versessene Adaption ist kaum für das Kino gemacht, eher für die Beson-dere-Film-Sparte der öffentlich rechtlichen Sender gezimmert. Es kommt einfach zu wenig Profundes „rüber“; wenn die Siebziger im Buch bemüht adäquat als Siebziger-Jahre-Film transferiert werden: der Film hat sich unproportional gegenüber der Sprache weiterentwickelt, neue narrative Bild-Strukturen entdeckt. Zwar wird er das Wort nie ersetzen, denn das Bild verwaist ohne das Wort, aber man kann Filme heute mit Hilfe der Technik, wie Montage, Farbdramaturgie, vor allem aber in der Nachbear-beitung wesentlich packender und intensiver gestalten. Hier fehlt einfach die vielbeschworene, „dichte Atmosphäre“. Letztlich kann man sich schwerlich vorstellen, daß Martin Walser – wie es heißt – mit seiner „Ver“filmung zufrieden ist. Einen interessanten Vergleich bietet da die gleichnamige Fernsehadaption von 1985, bei der TV-Regiemeister Peter Beauvais auf das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf zurückgriff.
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