GURU BHAGWAN His Secretary And His Bodyguard
Götter, Götzen und Gurus schreiben maliziöse Weltgeschichte: “Gib’ Dich mir hin, und ich werde Dich transformieren!“: Nein, das ist nicht die neuste, esoterische Annmache auf Ü-60-Restevögel-Veranstaltungen, bei denen angejahrte Fokuhilas mit Oberlippenbärtchen in weißen Motiv-Socken und College-Slippern mit Leder – Bömmelchen einsame Damen im hochgefönten Pudel-Look und Ausschnitten bis zum Bauchnabel in die Horizontale verfrachten wollen, sondern eines der markigen Leitsätze eines spirituellen Demagogen, der eine gesamte Generation verblendete. Die wilden Siebziger Jahre. Auf der Flucht vor nachkriegsverbrämten Spießertum, Angst vor Atomkraft und verkrusteten Lebensformen suchten sie ihr Seelenheil weiter ferne, eine neue Dimension und vor allem auchdie sexuelle Befreiung. Daß die letztlich in einer devoten Hörigkeit zum großen Meister enden würde, ahnte indes niemand. In England lauscht der junge Hugh auf einer Audiokassette den spirituellen Lehrer Bhagwan Shree Rajneesh. Er tripte, wie Tausende seiner Generation nach Indien, um sich selbst zu finden. Irgendwie suchen sie alle heute noch selbst vergeblich. Die junge Inderin Sheela wird von ihrem Vater zu dem charismatischen Guru gebracht und wähnt sich mit naiven 21 Lenzen in besten Händen. In seinem Ashram in Poona hält Bhagwan seine Jünger zu Meditation und tantrischer Sexualität an, um sie in die 7.Dimension eines höheren Bewusstseins zu entführen und verführen. Hugh erlebt den Aufstieg des bärtigen Predigers als Leibwächter. Sheela wird zur persönlichen Sekretärin und zur mächtigen Chefin von Bhagwans Modell-Kommune, die in den Achtziger am Fuße der Berge Oregons entsteht: 5 000 junge Menschen wollen allein hier eine ideale Lebensgemeinschaft bilden, die der Welt als Beispiel dienen soll. Dass sie sieben Tage die Woche für einen Hungerlohn schufteten, wird dabei weniger agitiert. Der Guru, in der westlichen Presse der siebziger Jahre als Sex-Guru gehuldigt, macht nun mit seiner Rolls-Royce-Flotte und seiner grenzpädophilen Vorliebe zu mehreren Schäfchen gleichzeitig Schlagzeilen. Der Traum endet im psychischen Desaster, für Hugh in einem seelischen Breakdown, für Sheela hinter gar hinter schwedischen Gardinen. Der Miester selbst kann sich noch mit seinem angescheffelten Reichtum absetzen. Wie immer. In dieser um Authentizität bemühten Dokumentation werden die Hintergründe, freilich aus der Sicht der Ex-KommunardInnen anhand zahlreicher Original-Aufnahmen erleuchtet. Es ist schon sehr befremdlich aus heutiger Sicht, einen ekstatisch zuckenden und hysterisch kreischenden Haufen nackter junger Menschen zu betrachten, die derart gehirngewaschen wurden, dass sich ähnlich gebärdetem, wie eine zeitgenössische Gruppe von Klosterschülern auf ihrem einmaligen Freigang zum Münchener Oktoberfest samt Einnahme von je 5 LSD-Pillen, 8 Maß Weizen und sechs Marihuana-Tüten im Andechser-Bierzelt nachts um halb vier. Man erinnere sich auch an die Jünger, die zuhauf in orange drapierten Tüll-Togas auf ihrer Mission barhäuptig in Europa einfielen, um ihre Hare-Krishna-Gesangsgebete ins urbane Panorama zu trällern. Im Grunde genommen war Bhagwan und Co Eine massive Gefahr wie heuer Scientology, und zwar dergestalt, dass selbst ein erfahrener Reporter, wie Jörg Andrees Elten 1977 in Indien für das „Stern“- magazin auf Tour, und gleich dort blieb. Und lauscht man den Berichten in dieser sehenswerten Softabrechnung, so kommen einem Sheela und Hefner immer noch verstrahlt und verklärt vor. In ihren Ausführungen ist weder Reue, noch Zorn zu erkennen. Ja, wenn Frau/man einmal die cerebrale Festplatte gelöscht und neuprogrammiert bekommen hat, bleiben die Infos eben im Cache. Am besten ist aber, kein(e gibt sich niemandem hin, weder einem Baghwan, den Scientologen und Zeugen Jehovas oder sonst irgendweinem sektiererischen groß-Verein, sondern nur sich selbst, seinen eigenen, möglichst wenig manipulierten Erfahrungen. Denn manipuliert, vor allem medial, ist die Welt schon über beide Ohren. In französischen Krimi „Adieu Bulle“ rechnete Lino Ventura einstens auf seine Weise mit den glatzköpfigen, androgynen Boten ab. Er warf die herumlungernde Meute einfach von der Treppe seines Kommissariats.
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