Liebe auf den zweiten Blick
Harvey ist aus den USA nach London gereist, um an der Hochzeit seiner Tochter Susan teilzunehmen, von der er sich entfremdet hat. Kate ist ein einsamer Single, und es fällt ihr schwer, sich wieder neu zu binden. Zufällig begegnen sich die beiden einsamen Seelen. Liebevoller Midlife-Liebesfilm.
Sowohl Harvey als auch Kate fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut. Das bringt einem Joel Hopkins’ zweiter Film (nach dem hierzulande nicht ausgewerteten „Jump Tomorrow“) schon in den ersten Filmminuten nahe, wenn er die Schicksale seiner beiden Protagonisten als Parallelmontagen inszeniert. Harvey musste gerade auf der Hochzeit seiner erwachsenen Tochter Susan die Erfahrung machen, dass er nicht mehr zur Familie dazugehört und dass die Bande zwischen Susan und ihrem Stiefvater Brian enger sind als die zu ihrem leiblichen Vater. Kate wurde von ihrer Kollegin ohne Vorwarnung zu einem Blind Date geschleppt, auf dem sich die Endvierzigerin auch nicht so richtig wohl fühlt. Zudem ruft immer wieder ihre ebenso einsame Mutter an, um sich nach Kates Wohlergehen zu erkundigen. Das Schicksal will es, dass sich Harvey und Kate ein zweites Mal über den Weg laufen, nachdem die erste, berufliche Begegnung auf dem Flughafen nicht besonders höflich wirkungslos verpufft war. Doch anders als der etwas banale deutsche Filmtitel dies bereits zum Anlass für eine stereotype Plakativität nimmt, legt der Originaltitel mit „Letzte Chance für Harvey“ nahe, dass dieser eine solch vorbestimmte Gelegenheit besser am Schopfe packen sollte.
Ausgangspunkt hierfür ist zwar zunächst ein berufliches Ultimatum, dass dem Werbejingle-Komponisten von seinen Auftraggebern gesetzt wird. Doch als Warnung für die letzte Möglichkeit, das versemmelte Leben in den Griff zu bekommen, taugt der Titel schließlich auch noch. Mit leichter Hand hat Joel Hopkins hier das Aufeinandertreffen zweier einsamer Herzen mit einigen routinierten Kabbeleien zu Beginn ins Rollen gebracht. Natürlich ist erst einmal Skepsis angesagt, wenn zwei Fremde so unbedarft miteinander ins Gespräch kommen. Doch mit Hilfe seiner beiden exzellenten Hauptdarsteller konnte Hopkins hier nicht viel passieren. Sowohl Emma Thompson als auch Dustin Hoffman, dem man seine 70 Lenze noch nicht im Geringsten ansieht, gelingt es spielerisch, Sympathien für ihre Figuren aufzubauen. Wie bei einer entsprechen Teenieliebeskomödie fiebert man mit, wünscht sich, dass die beiden sich nicht aus den Augen verlieren und dass aus dem zurückhaltenden ersten Flirt zwischen den beiden Menschen mittleren Alters doch noch mehr entstehen kann. Ein liebenswerter und geschmackvoller Film über eine Liebe zwischen zwei reiferen Menschen, der kurzweilig unterhält und den Zuschauer mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Kinosaal entlässt. (4/6)
USA/GB 2008 (Last Chance Harvey) Regie und Buch: Joel Hopkins. Musik: Dickon Hinchliffe. Kamera: John de Borman. Schnitt: Robin Sales. Produktion: Overture Films, Process Productions. Mit: Dustin Hoffman, Emma Thompson, Eileen Atkins, Liane Balaban, James Brolin, Richard Schiff, Kathy Baker. Concorde. 92 Min. Ab 16.04.2009 im Kino.
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