Saint Jacques…Pilgern auf Französisch
Wo hier kein Wille ist, ist auch ein Weg: und zwar der ziemlang lange Jakobsweg zum Grab des Apostels Jakobus in spanischen Santiago de Compostela. Aber für die französische Regisseurin Coline Serreau („Drei Männer und ein Baby“) bedeutet der Weg das Ziel: Sie schickt nämlich gleich drei zutiefst unterschiedliche, völlig zerstrittene Charaktere auf dreimonatige Wanderschaft bis in den berühmten Wallfahrtsort. Den Geschwistern geht es keineswegs um religiöse Motive: „Ich schlafe doch nicht in Läusepensionen“, heißt es. Die Slow-Motion-Walker starten beleibe unter keinem guten Stern. Neid, Hass und Missgunst treiben sie an. Es geht immerhin um eine Erbschaft von einer runden Million Euro samt 750 00 Euro-Riesenvilla der verstorbenen Mutter. Die Pfründe der alten Dame sollen jedoch erst fließen, wenn Lehrerin Clara (Muriel Robin), Geschäftsmann Pierre (Artus de Penguerin) und Kampftrinker Claude (Jean-Pierre Darroussin) zuvor zusammen bis nach Santiago de Com-postela gepilgert sind. So sieht es die schier unmöglich erfüllbare Klausel im Testament eben vor.
Da sie allesamt mit einer unheilbar gesunden Gier gesegnet sind, schließen Sie sich einem bunt durcheinander gewürfelten Marsch-oder-verliere-Trüppchen an: Der junge Araber Saïd (Nicolas Cazalé) will seiner seiner Liebe (Marie Kremer) nahe sein, die nebst Freundin (Flore Vannier-Moreau) den ihr geschenkten Trip antritt. Sein unbedarfter Cousin Ramzi (Aymen Saïdi) hingegen fiebert dem „Santiago de Mekka“ entgegen. Und die von Chemo-Bomben gezeichnete Mathilde (Marie Bunel) hofft, nach diesem gravierenden Einschnitt neue Lebenskraft zu finden.
Aber Reiseleiter Guy (Pascal Légitimus) muß schnell feststellen, daß alle viel zu viel Gepäck auf dem Rücken, aber keinerlei Gruppendynamik im Kopf haben. Die mühseligen Bergwege nähren hier eine Kraft der Anti-freude, und gemeinsam sind sie anfangs alles andere als stark: Von Etappe zu Etappe aber, mit Blasen an den Füßen, Stechen in der Brust und Schmerzen in der Wirbelsäule, werden sie nicht gerade befriedet durch kalte Bäder in Bächen oder spartanische Menüs aus der Konserve. Allmählich aber entwickelt sich gerade durch die logische Bedingung, Probleme und Strapazen wahrend des Laufens gemeinsam bewältigen zu müssen, ein nebulöses „Wir-Gefühl“: Denn der Weg nach Santiago de Compostela ist lang und die Reise dahin birgt ohnehin überraschende Ein- und Ansichten.
Überraschend vor allem, mit welch formaler filmischer Virtuosität Komö-dien-Spezialistin Serreau den Jakobsweg beschreitet. Wunderschöne Landschaftspanoramen, im Wechsel von kärglich-desolaten Hügel-formationen und pittoresken Ortschaften drücken der augenzwinkernden Ensemble-Burleske einen intensiven Stempel auf. Insbesondere die fantastisch inszenierten, geradezu kafkaesken und felliniesken anmutenden (Alp-)Träume der einzelnen Tippel-Teilnehmer werden noch lange in der Filmgeschichte ihresgleichen suchen: Groteske Kamera-Takes, bizarre Verkleidungen, und kühne computergenerierte Tricks münden in einen ekkletischen Mystizismus, der die Wünsche und Ängste, Träume und Sehnsüchte der einzelnen widerspiegelt.
Coline Serreau verstrickt sich in diesem Zusammenhang in zahllosen Episoden, die sie alle nicht zu Ende erzählen will, gerät aber nicht in die Gefahr, den Hauptweg zu verlieren. Denn der schlechteste Weg, den sie hätte wählen können, wäre jener, keinen zu wählen. Ihr neuester Kinostreich, von allen scheinheiligen Soßen übertriebener Religiosität entfettet, fokussiert das Motto des cherubinischen Wandersmanns Angelus Silesius: „Der nächste Weg zu Gott ist durch der Liebe Tür.“
Aber ist dieser Weg noch so mit so viel Liebe gepflastert? Nach der Reanimation der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den 1970er und 1980er Jahren wurde der spanische Hauptweg 1993 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen. Wanderwahn und Massentourismus hat im wahrsten Sinne des Wortes einen neuen, ausgewalzten Weg gefunden: Pilgerreisen, Pilgerkarten, Pilgermusik und Pilgerschmuck werden wohlfeil angeboten für die kostbarsten Wochen des Jahres auf dem eigentlich friedvollen, versöhnlich beabsichtigten Jakobsweg. Eine bedächtige Reise sollte es sein, ein Wanderzirkus durch ganz Europa ist daraus geworden…
Saint Jacques…Pilgern auf Französisch wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »












