Selbstgespräche
Ein altes Sprichwort behauptet, „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Doch der Alltag in Callcentern lehrt uns stets aufs Neue, dass man mit viel Geplapper zu noch mehr Geld kommen kann. Profis am Telefon werden darauf geschult, den Kunden ein Ohr abzukauen und sie letztendlich dazu zu bewegen, einen Vertrag abzuschließen oder etwas zu kaufen, das sie gar nicht benötigen. „Selbstgespräche“ nimmt dieses Szenario als Ausgangspunkt für eine Tragikomödie über die Leistungsgesellschaft der Gegenwart. Geplappert wird hier am Headset so allerhand, doch bei den zwischenmenschlichen Belangen ist oftmals Funkstille angesagt – insbesondere beim Callcenter-Chef Richard, der seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzusticheln versteht, zu Hause bei seiner Frau aber vollkommen desinteressiert wirkt. Oder bei Primus Adrian, der den Rekord bei den Vertragsabschlüssen hält, aber dermaßen beziehungsgestört ist, dass er Frauen bei Gesprächen noch nicht einmal in die Augen schauen kann. Vor dem Hintergrund einer besonders toughen Zeit, in der die Durchschnittsquote bei den Vertragsabschlüssen über die Zukunft der Abteilung entscheiden soll, nähert sich Debütregisseur André Erkau seinen Hauptfiguren nacheinander an, greift deren private Probleme auf, die nicht selten in einer Wechselwirkung zu den beruflichen Herausforderungen stehen und entwirft so ein stimmiges Soziogramm. Die Gags, die er zur Auflockerung immer wieder eingeflochten hat, funktionieren mal mehr, mal weniger gut. August Zirner kann endlich sein komisches Talent ausschöpfen und sein Gespür für Timing unter Beweis stellen. So manch andere humorvolle Zwischentöne, vor allem die um den schüchternen Adrian und seinen wesentlich selbstbewussteren neuen Kumpel Sascha, sind allzu sehr mit dem Holzhammer gezimmert. Hier vermisst der anspruchsvollere Kinozuschauer die leiseren Zwischentöne. Insgesamt kann sich das Ensemblestück aber durchaus sehen lassen und ist besonders für ein Erstlingswerk erstaunlich rund geworden.
D 2008. Regie und Buch: André Erkau. Musik: Dürbeck & Dohmen. Schnitt: Oliver Grothoff. Kamera: Dirk Morgenstern. Produktion: Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion, ZDF. Mit: Maximilian Brückner, August Zirner, Johannes Allmayer, Daniel Drewes, Antje Widdra, Heinz-Werner Kraehkamp, Robert Meller. 96 Min. Filmlichter ab 31. 7.08.
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