Keine Sorge, mir geht’s gut
1.Vom Suchen, Finden und Verlieren des verschwundenen Bruders
2.Französische Familien Grab-Geheimnisse
Keine Sorge, mir geht’s gut
Nach seiner melodramatischen Liebesballade „Die Frau des Leuchtturmwärters” zieht es Regisseur Philippe Lioret in seiner jüngsten Symbiose aus Thriller, Teeny-Film und Familiendrama in die tristen Banlieus von Paris. In diesem gutbürgerlichen Edward Hopper-Ambiente leben die Familien in ihren gepflegten Reihenhäusern vis-à-vis mit den gefürchteten Waschbeton-Hochhäusern recht unkommunikativ vor sich hin.
„Wenn das Gute eine Ursache hat, ist es nicht mehr gut“, schrieb schon Leo Tolstoi in „Anna Karenina“: Und wenn der vermisste Zwillingsbruder postalisch kundtut, es gehe ihm „gut“, sollten die Alarmglocken schrillen:
Als die 19-jährige Lili (Mélanie Laurent, „Die Brücke von Ambreville) aus dem Sommerurlaub zurückkehrt, ist ihr Zwillingsbruder Loic plötzlich verschwunden. Die Eltern, betont normal, deklamieren, ihr aufsässiger Bruder sei heftigen Disputen mit Vater Paul (Kad Merad) ausgebüchst und spurlos verschwunden. Doch Lili spürt, dass etwas im Argen liegt, denn Loic würde nie „einfach so“ abhauen. Auch seine fehlenden Rückmeldungen nach Lilis unzähligen Telefonaten auf die Mailbox sprechen nicht gerade deutliche Worte. Endlose Wochen vergehen ohne ein Lebenszeichen, Lili befürchtet das Schlimmste. So steigert sie sich in eine apathische und lebensbedrohliche Eßstörung. Ein Hoffnungsschimmer gibt sich ihrem dunklen Depressions-Tunnel zu erkennen, als eines Tages die unerwartete Postkarte von Loic auftaucht….
Mélanie Laurent (bekannt als Gangsterbraut aus „Der wilde Schlag meines Herzens“) ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die eher schwächelnde Plot-Auflösung nicht allzu enttäuscht: Sie macht Lili zur komplexen Figur mit ihrer Zwillings-Problematik, sie prägt maßgeblich den sehenswerten und atmosphärisch fesselnden Film. Kein Wunder, dass der einer jungen Nastassja Kinski ähnelnden Mimin der „Prix Romy Schneider“ zugedacht wurde. Und die Verlorene-Sohn-Tragödie zählt mit einer runden Million Kinobegeisterten zu den großen Erfolgen des französischen Kinojahres des letzten Jahres. Auch hierzulande wurde „Keine Sorge, mir geht’s gut“ während der Hofer Filmtage 2006 mit Lobeshymnen regelrecht überschüttet: „Mélanie Laurent spielt sowohl Lilis Verzweiflung als auch ihre allmähliche Wiedergeburt mit bemerkenswerter Genauigkeit. Allein ihretwegen, wegen ihrer tränenumflorten blauen Augen, muss man sich den Film von Philippe Lioret ansehen“, forderte unter anderem französische Gazette „Figaroscope“.
Übrigens: Entdeckt wurde die 23-jährige Hauptdarstellerin im Alter von 13 Jahren von Frankreichs international erfolgreichen Leinwandstar und Charaktermonster Gérard Depardieu. Regisseur Phillipe Lioret war auf Anhieb von Mélanie Laurents charismatischer Ausstrahlung begeistert und gab ihr die Rolle der Lili ohne vorher Probeaufnahmen zu machen; ein nicht unerhebliches Risiko, das sich mehr als bezahlt machte; man darf auf weitere Rollen des französischen Film-Sterns mehr als gespannt sein.
Ähnliche Beiträge:
Keine Sorge, mir geht’s gut wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »













