Fliegende Fische müssen ins Meer
Poetische Peinlichkeiten aus der deutsch-schweizerischen Provinz. Güzin Kars prämiertes Debüt-Tragikömödie fokussiert die doppelte Coming of Age Geschichte einer entwurzelten Mutter und ihrer resoluten Tochter auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Zweisame Mutter und Tochter suchen einsamen Mann zum harmonischen Dreisamen. Das wahre Leben jedoch versperrt sich mit seinen irritierenden Imponderabilien auch gegen dieses gern genommene Filmgenre. Im Gegenteil, „Roberta ist wohl die peinlichste Figur im Universum und auch die unfähigste Mutter aller Zeiten”, giftet die 15-jährige Nana (grandios: Elisa Schlott), über die von allen Soßen des Glücks und entfetteten Vorlieben ihrer Frau Mama (professionell: Meret Becker), die für drei Kinder drei Väter benötigte und nun für kurze und unglückliche Liebschaften verdammt ist. Deshalb hat Nana deren Pflichten im Haushalt übernehmen müssen; aufopfernd versorgt sie die beiden jüngeren Geschwister Tatjana und Toto (Alia Duncan, Joseph Sunkler) und verdingt sich als Schleusenwärterin in jenem kleinen Kaff am Rhein. Vom Jugendamt droht stets Ungemach, weil man der vividen Prolo-Polygamistin, die unausgebildet und ungebildet als Reiseführerin auf ihrem Bötchen Geld verdienen und den Mann an Land ziehen will, das Sorgerecht für die Kleinen bald entziehen werde. Die hingegen schwört jedes Mal baldige Besserung und abstinente Askese, was sich aber als bare Lippenbekenntnisse einer abgestürzten Frau entpuppt, die kontinuierlich in liebenswürdiger naiver Lebens- und Liebeslust via hirnloser One Night Stands in wirkungsloser Wohlgefälligkeit auflösen. Also nimmt Roberta, die von Freiheit und Abenteuer als Kapitän träumt, selber das Zepter in die zu früh erwachsen gewordenen Hände, um den „passenden“ Typ zu finden. Frisch und optimistisch präsentiert sich das Spielfilmdebüt von Güzin Kar, einer Schweizerin mit türkischen Wurzeln, die alle drei “Wilden Hühner” – Drehbücher tippte und mit elliptischen Realismus, perfekten Protagonistinnen, satten Farbkontrasten, witzigen Pointen ein kleines meisterliches und magisches Meisterwerk kreierte. Witzig, wunderbar und wirkungsvoll mit viel Liebe zum Detail und noch mehr Lust zum Fabulieren inszeniert. Krasse Charaktere, die von Paula als ironisierende Ich-Erzählerin den unkonventionellen Handlungsablauf herzerfrischend und sarkastisch kommentiert, gemahnen dabei an die längst vergessenen narrativen Methoden des französischen und deutschen Autorenfilms, der hier freilich arg komödiantisch aufgetunt wurde.
Tragikomödie: Schweiz/Deutschland 2011
Regie.: Güzin Kar
Drehbuch: Güzin Kar
Kamera: Benjamin Dernbecher
Musik: Fabian Römer
Länge: 84 Minuten.
Mit Meret Becker, Elisa Schlott
Barnaby Metschurat Hanspeter Müller-Drossaart.
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Fliegende Fische müssen ins Meer wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »












