Interview mit Christian Ulmen zu “Der Fischer und seine Frau”
DigitalVD.de: Wie haben Sie die Dreharbeiten zu Der Fischer und seine Frau in Japan erlebt?
Christian Ulmen: Es war ein für alle Beteiligten tolles Erlebnis, allein schon diese gehörige Umstellung, nichts ist wieder erkennbar, das Globale ist weg. Besonders faszinierend fand ich, dass ich nichts von einer Globalität spürte; die Japaner leben in einem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne, einerseits ist es ja das Hightech-Land, auf der anderen Seite dieses antiken Riten mit dem ständigen Schuhe ausziehen. Es ist wirklich alles völlig anders, die Schilder, der Verkehr, die Sitten. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich bin heute noch glücklich, wenn ich über diesen Aufenthalt nachdenke, denn ich hatte vorher noch nie so stark das Gefühl, ganz woanders zu sein.
DigitalVD.de: Fühlten Sie sich dadurch als Fremdkörper in einem fernen Land?
Christian Ulmen: Nein, auf keinen Fall. Während wir hier in Europa die Japaner als Exoten mit der Kamera vor Sehenswürdigkeiten angaffen und bestaunen, üben sie sich dagegen in höflicher Zurückhaltung; sie sind gegenüber uns europäische „Langnasen“ überaus höflich reserviert. Dadurch fühlten wir uns nicht als Fremde während der gesamten Dreharbeiten.
DigitalVD.de: Hatten Sie überhaupt keine Probleme?
Christian Ulmen: Doch schon, das ewig kalte und rohe Essen ist mir schon auf den Magen geschlagen, und ich musste mich schon daran gewöhnen, genau wie an das ewige Schuhe ausziehen. Zum Glück stellte man uns in manchen Restaurants heißes Wasser auf den Tisch, so konnte ich meinen Fisch nachkochen und selbst würzen. Eine neue Erfahrung war für mich in diesem Zusammenhang, dass es quasi in vornehmen Restaurants als Affront gilt, Reis oder gar viel Reis zu essen.
Das ist deren Meinung nach eine Füll-Beilage nur für arme Leute. Aber im Grunde genommen war so etwas kein Problem für mich.
DigitalVD.de: Wie war das Verhältnis zu den anderen Darstellern?
Christian Ulmen: Super! Die gesamte Crew hat nicht nur perfekt zusammengearbeitet, sondern auch extrem gut harmoniert, wobei Alexandra, Simon und ich ein eingefleischtes Trio waren, die sich freundschaftlich sehr nahe gekommen sind. Wir haben jeden Abend nach Drehschluss zusammen gesessen oder etwas unternommen. Das war eine sehr, sehr schöne Zeit, obwohl ich immer wieder dachte: „Hier bist Du wirklich ganz woanders.“
DigitalVD.de: Was Hat sie an Doris Dörrie gefallen?
Christian Ulmen: Besonders der unermüdliche Fleiß und die perfekt routinierte Arbeitsweise. Sie weiß genau, was sie will, und das mit viel Enthusiasmus und Engagement; da sprangen die Funken wirklich auf das gesamte Team über. Wir wurden ja auch besonders gut, besonders beim japanischen Filmteam akzeptiert, weil die sehr schnell merkten, wie sehr Doris dieses Land liebt und schätzt.
DigitalVD.de: Wie sehen Sie Ottos Rolle?
Christian Ulmen: Er ist ein Mann, der stehen bleibt und nicht irgendwelchen Vorstellungen nachrennt. Er lässt sich auch nicht von seiner Mutter beeinflussen, die auch immer mehr wollte, mit ihm nach Indien abhaute, in seinen Augen scheiterte. Otto jagt keinen Träumen nach und ist mit seinem Kind glücklich, er entwickelt sich aber langsamer als Ida und kommt letztlich zur Erkenntnis, dass er Zugeständnisse machen muß. Das Problem ist, dass Ida eine schnellere und größere Entwicklung durchmacht. Trotzdem ist Otto am Ende sehr zufrieden, dass er seine Frau hat. Sie träumt zwar immer, aber da muß er einfach durch.
DigitalVD.de: Sind Sie so wie Otto?
Christian Ulmen: Ja und nein. Otto hat eine andere Kindheit als ich. Meine Mutter war auch in Indien. Ich war im Großen und Ganzen auch zufrieden, aber Otto ist zu zufrieden. Das war ich in meiner Kindheit nie. Ich habe immer schon frühzeitig die Bremse getreten, wenn mir etwas nicht gefiel. Das macht Otto nicht. Der lässt sich einfach treiben. Ich hätte mich nicht so schnell mit allem zufrieden gegeben.
DigitalVD.de: Und wie sieht Otto dann Ida?
Christian Ulmen: Otto ist zunächst beeindruckt vom Elan und Tatendrang, den Ida mitbringt. Er hat nicht bedacht, dass sie immer mehr will, und er nicht mehr hinterher kommt Das nervt ihn. Aber besonders, dass er in ihren Augen wie ein Loser dasteht, der sich nicht rührt. Wäre er anders, würde sie weniger haben wollen, würde Otto vielleicht auch etwas mehr wollen. Otto will sie ja bremsen mit seinem Stillstand.
DigitalVD.de: Dieser Stillstand bringt ja alles ins Wanken…
Christian Ulmen: Ja klar, Ida ist ja auch wie Leo, der immer mehr will. Otto ist froh mit den kleinen Dingen, die er hat, während Ida und Leo sich immer mehr in ihre Wünsche versteifen und alles aufs Spiel setzen.
DigitalVD.de: Bringen denn die Ähnlichkeiten nicht unterschiedliche Resultate?
Christian Ulmen: Schon: Otto mit seinem Fachwissen und Leo mit seinem Geschäftssinn stehen in einem ähnlichen Verhältnis wie Ida und Otto. In einer Freundschaft sind solche Differenzen natürlich besser zu ertragen und zu bewältigen als in einer Liebes-Beziehung. Das ist einfacher, weil auch die Anforderungen nicht so hochgeschraubt sind. Ich finde im Allgemeinen Charaktere toll, die weniger wollen.
DigitalVD.de: Und wie finden Sie Ida in Wirklichkeit?
Christian Ulmen: Einfach klasse. Lara ist eine wunderbare Kollegin, die hervorragend spielt. Sie kann auf Knopfdruck sämtliche Emotionen vorspielen. Man merkt einfach, dass sie die ganzen Handwerklichkeiten gelernt hat. Sie ist einfach ein Profi, genau wie Doris Dörrie, die aus einem Märchen einen grandiosen Film gezaubert hat: Wie sie diese interessanten Assoziationsketten vom Buch, Drehbuch und Film unter einen Hut bringt, das ist einfach genial.
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Interview mit Christian Ulmen zu “Der Fischer und seine Frau” wurde bearbeitet von Jean Lüdeke • Permalink • Kommentar schreiben »












