Was ist eigentlich “Gesprächs-Judo”?
Interview mit Dr. Thomas Wilhelm, Gesprächstaktik-Experte, zum Film FROST/NIXON
Sie sind studierter Philosoph und verfügen über eine lange Erfahrung als selbstständiger Trainer und Berater im Bereich Personalführung und Konfliktmanagement. Zu Ihren Publikationen zählen unter anderem die Bücher „Manipulationstechniken“, „Überzeugen“ und „Argumentieren“. Was genau verstehen Sie unter „Manipulation“ und wie wichtig ist diese im Verhältnis zum Überzeugen und Argumentieren für uns und unsere alltägliche Konversation?
Unter Manipulation verstehe ich alle Arten von unfairen Verhaltensweisen in einem Gespräch, egal ob bewusst oder unbewusst angewendet. Und unfair ist, wenn jemand „gezwungen“ werden soll sich einem Standpunkt anzuschließen. Wir haben intuitiv meist ein recht gutes Gefühl dafür, ob ein Verhalten als unfair einzustufen ist.
Ich gebe zu, die Grenzen zwischen Manipulation und Überzeugen sind fließend. Auch das Überzeugen ist eine Form der Beeinflussung. Der Unterschied ist, dass es beim Überzeugen eher ein freier Entschluss ist, ob ich einen Standpunkt akzeptiere oder nicht. Im Überzeugungsgespräch sollte der sanfte Zwang eines guten Arguments wirken.
Bitte geben Sie uns ein paar Beispiele, welche Gesprächstaktiken für welche Anlässe besonders geeignet sind. Wie kann ich jemanden am ehesten dazu bewegen, mich an der Supermarktkasse vorzulassen?
Wenn ich an der Supermarktkasse nach vorne möchte, würde ich die Person vor mir einfach nur bitten mich vorzulassen. „Entschuldigen Sie, könnten Sie mich bitte vorlassen. Sie stehen zwar auch schon gehörige Zeit in der Schlange, aber es wäre sehr wichtig für mich, wenn ich gleich bezahlen könnte. Ginge das?“ Eine Bitte wirkt manchmal Wunder.
Manipulationstaktiken können natürlich je nach Situation variieren: Im Film bringt Nixon David Frost mit der Frage aus dem Gleichgewicht, ob er am Vorabend Sex hatte. Diese sehr persönliche und natürlich unerwartete Frage diente dazu, gleich von Anfang an klar zu machen, wer hier der Herr im Ring ist. Möchte jemand von der Schwäche seiner eigenen Position ablenken, werden oft Nebenkriegsschauplätze eröffnet. Möchte jemand ein Zugeständnis erlangen, macht er vielleicht ein kleines „Geschenk“, das ihm natürlich nicht weh tut; im Gegenzug verlangt er aber einen substanzielleren Beitrag von seinem Gegenüber. Diese Taktik nennt man Gegenseitigkeitstaktik.
Wer in einer formal starken Position ist, kann beispielsweise die Garantietaktik benutzen, um „gegnerische Positionen“ von vornherein zu vermeiden. Dabei bürgt der Sprecher gewissermaßen persönlich für die Glaubwürdigkeit seiner Behauptung. Die Garantietaktik kann eingeleitet werden durch Redewendungen wie „Ich versichere Ihnen, dass…“ oder „Sie können mir getrost glauben, dass…“.
Wie sollte ich reagieren, wenn mein Gegenüber sich im Gespräch auch von meinen besten Argumenten nicht überzeugen lassen will oder unsachlich wird?
Ich stelle Fragen und versuche herauszubekommen, was los ist. Dabei stelle ich eher breit gefächerte Fragen, folge dem Gesprächsfluss und versuche durch Fragen und Zuhören des Pudels Kern (falls es denn einen gibt) herauszuarbeiten. Die Grundidee ist Gesprächs-Judo: Mit der Bewegung mitgehen. Und nicht unnötigen Widerstand dagegen aufbauen. Die meisten reagieren so: wenn sie mit ihren Argumenten nicht durchkommen, versuchen sie einfach noch mehr Argumente anzuführen. In der Regel führt diese aber nur zu einem Argumentations-Ping-Pong.
In den Interviews zwischen David Frost und Richard Nixon im Film FROST/NIXON spielen Argumente, Manipulation und Taktik für beide Seiten eine zentrale Rolle. Wie sieht für Politiker auf der einen und Moderatoren auf der anderen Seite die optimale Vorbereitung auf solche TV-Duelle aus, die wir ja auch heute vielfach im Fernsehen erleben? Legt sich da jede Seite schon im Vorfeld bestimmte Tricks zurecht und geht nach einer konkreten Taktik vor?
Zuerst muss man verstehen, dass man in solch einer Interviewsituation im Grunde nicht zum Gesprächspartner, der einem gegenübersitzt, spricht, sondern zu dem Publikum, das vor dem Fernseher sitzt. Das bedeutet, der Politiker wird versuchen, soviel Glaubwürdigkeits- und Sympathiepunkte wie möglich zu ergattern. Er wird versuchen, seine Rechtschaffenheit in den Vordergrund zu rücken und Positionen vertreten, von denen er weiß, dass sie in der Öffentlichkeit Anklang finden werden. Außerdem wird er keine Chance auslassen, seine Botschaften so eindringlich wie möglich darzustellen, egal welche Fragen kommen. Er wird versuchen, unliebsame Aspekte, die in den Fragen des Journalisten angesprochen werden, auf die Rahmenbedingungen und die gegenwärtige Situation zu schieben („Die Umstände zwangen mich…“, „Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise…“). Positive Erfolge wird er natürlich als Ergebnis seiner Politik und Weitsicht darstellen. Bei der Vorbereitung wird der Politiker daher seinen Katalog an Argumenten und Botschaften eintrainieren, und er wird auch trainieren, wie er auf kritische Fragen reagieren sollte.
Der Journalist wird es als wichtigen Teil seiner Aufgabe sehen, kritisch die Position des Politikers zu überprüfen. Deshalb wird er vor allem versuchen, mögliche Widersprüche aufzudecken („Vor zwei Jahren sagten Sie…, heute sagen Sie…“). Zu seiner Vorbereitung gehört daher im Wesentlichen, nach Widersprüchen im Reden oder Handeln des Politikers zu forschen.
Was würden Sie sagen, wo wird am meisten mit Worten manipuliert – in der Politik, in der Geschäftswelt oder vielleicht doch im ganz normalen Alltag?
Ich vermute, die häufigsten Manipulationen haben wir im Alltag. Nur haben sie weitaus geringere Konsequenzen. In der Geschäftswelt oder auf der politischen Bühne haben Manipulationen einfach eine größere Wirkungsmacht.
Wie durchschaut man die Manipulationsversuche seines Gegenübers und wie reagiert man am besten darauf?
Ein wichtiger Aspekt bei der eleganten Reaktion auf Manipulationen ist natürlich, dass man sie erkennt. Deshalb ist es ganz hilfreich, wenn man die Bandbreite an möglichen Manipulationen kennt, wenn man sie sozusagen beim Namen nennen kann. Die wichtigste Regel für den Umgang mit Manipulation ist: Nicht kausal reagieren! Das ist einfacher gesagt als getan, aber die Grundidee ist, eben nicht das Verhalten zu zeigen, das der Manipulator wahrscheinlich provozieren möchte. Was man dann im Einzelnen tut, hängt natürlich von der ganz individuellen Taktik ab.
Auf Nixons Frage im Film „Hatten Sie gestern Sex?“ hätte sich wahrscheinlich angeboten, einfach mitzuspielen: „Ja, mehrfach. Danke der Nachfrage. Und Sie?“.
Kompromisslose Offenheit und Totschweigen sind zwei Varianten des Konfliktmanagements, die allen Menschen wohl bekannt sind – ob nun aus der Arbeitswelt, der Familie oder der Politik. Anhand welcher Punkte entscheidet man, welche Lösung die beste für einen bestimmten Konflikt ist?
Das zentrale Enzscheidungskriterium für die Güte einer Lösung ist: werden die zentralen Anliegen der Konfliktparteien getroffen und stehen sie im Einklang mit den unveränderlichen Rahmenbedingungen. Ziel einer Konfliktlösung ist es, die Kernanliegen der beteiligten Parteien unter einen Hut zu bringen.
Welche sind für Sie die zwei bemerkenswertesten Beispielfälle für gutes bzw. schlechtes Konfliktmanagement in der internationalen Politik?
Beispiele für gutes Konfliktmanagement sind für mich: die Lösung des Israel-Ägypten-Konflikts unter der Moderation von Jimmy Carter und auch die Beilegung des Nordirland-Konflikts. Beispiele für schlechtes Konfliktmanagement: der Irak-Krieg, der Kosovo-Krieg 1999.
Was kann ich machen, wenn ich mich auf eine Diskussion einlasse und irgendwann merke, dass ich eigentlich keine guten Argumente auf Lager habe bzw. die Gegenseite tatsächlich Recht hat?
Ich gebe zu, dass die andere Seite Recht hat.
Nennen Sie uns zum Abschluss bitte einmal die fünf typischsten Fehler, die man in einem Streitgespräch unbedingt vermeiden sollte.
1.) In seinem Standpunkt verharren
2.) Übermäßig emotional werden
3.) Schuldzuweisungen aussprechen
4.) Lügen oder Manipulationstaktiken einsetzen
5.) Die beleidigte Leberwurst spielen
FROST/NIXON
Ein schonungsloses Duell, das Geschichte schrieb.
Oscarpreisträger Ron Howard („A Beautiful Mind“) bringt Peter Morgans („Die Queen“, „Der letzte König von Schottland“) Interpretation eines der faszinierendsten Duelle des Talkshow-Journalismus in die Kinos. Drei Jahre lang schwieg Richard Nixon nach seinem Rücktritt in Folge der Watergate-Affäre, doch im Sommer 1977 ließ sich der stahlharte und überaus redegewandte Ex-Präsident auf eine exklusive Reihe von Fernsehgesprächen ein, um über seine Amtszeit zu sprechen. Die Erwartungen waren hoch, Einzelheiten über die Hintergründe des Spionagefalls zu erfahren.
Nixons überraschende Wahl für den Moderatoren der Sendereihe fiel auf den bis dahin eher als windig bekannten britischen Moderator und Entertainer David Frost – wahrscheinlich in der Hoffnung, leichtes Spiel mit ihm zu haben, um sich so ohne große Gegenwehr einen Platz in den Herzen und Köpfen der Amerikaner zurückerobern zu können. Frost/Nixon blickt vor und hinter die Kulissen dieser denkwürdigen Begegnung, die für beide zum öffentlichen Moment der Wahrheit wurde.
Wie auch in der Broadway-Inszenierung von Morgans Stück spielen der mit einem „Tony“-Award ausgezeichnete Frank Langella und Michael Sheen die Hauptrollen als Richard Nixon und David Frost. Eines der schmachvollsten Kapitel amerikanischer Geschichte spiegelt sich ebenso spannend wie menschlich in diesen Momenten wider – einfühlsam und kraftvoll auf die große Leinwand gebracht von Ron Howard.
Was ist eigentlich “Gesprächs-Judo”? wurde bearbeitet von Patrick Fiekers • Permalink • Kommentar schreiben »






