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WÜSTENBLUME (seit Donnerstag im Kino) – Interview mit Menschenrechtsexpertin Dr. Iris Breutz

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WÜSTENBLUME (seit Donnerstag im Kino) – Interview mit Menschenrechtsexpertin Dr. Iris Breutz

Letzten Donnerstag ist WÜSTENBLUME erfolgreich als bester Neustart in den deutschen Kinos angelaufen. Darüber hinaus erhielt Regisseurin Sherry Hormann auf dem Internationalen Filmfestival in San Sebastian den Publikumspreis für den besten europäischen Film.

WÜSTENBLUME ist die Verfilmung der Lebensgeschichte von UN-Sonderbotschafterin und Ex-Topmodel Waris Dirie.

Dr. Iris Breutz ist Rechtanwältin aus Hamburg, die vor einigen Jahren den Entschluss fasste, eine großzügige Kanzlei in Hamburgs Rothenbaumchaussee mit einem bescheidenen Arbeitszimmer im Sudan einzutauschen. Zum Kinostart von WÜSTENBLUME (24. September) spricht die Menschenrechtsexpertin über Menschenrechte, ihre Vorbilder und die Schwierigkeiten in ihrem Arbeitsalltag.

Liebe Frau Dr. Breutz, Sie haben vor einigen Jahren Ihren Beruf als Rechtsanwältin in Deutschland aufgegeben, um sich in Krisengebieten für Menschenrechte zu engagieren. Warum?

Die Arbeit als Rechtsanwältin in Deutschland hat mir Spaß gemacht. Aber ich hatte schon immer den Drang, über den Tellerrand hinauszugucken und in einem internationalen Umfeld zu arbeiten. Die Welt ist in Bewegung, und ich finde es spannend, vor Ort mitzuerleben, wie z.B. ein Friedensvertrag umgesetzt, ein Staat aufgebaut oder erste demokratische Wahlen vorbereitet werden. Hieran mitzuarbeiten, ist eine herausfordernde und hochinteressante Aufgabe, und zwar mit allen positiven und negativen Erfahrungen. Dafuer habe ich meinen Schreibtisch in Deutschland gern verlassen.

An welchen Projekten haben Sie in den letzten Jahren gearbeitet? Wo und woran arbeiten Sie aktuell?

In den letzten Jahren habe ich in verschiedenen Entwicklungs- , Transitions- und sog. Post-Conflict-Ländern in Afrika, Asien und Osteuropa als Rechtsberaterin gearbeitet. Dort ging es im Wesentlichen um Demokratisierungs- und Friendensprozesse, Rechtsreformen und Menschenrechtsarbeit. Derzeit bin ich Rechtsberaterin einer international besetzten Kommission im Sudan, deren Aufgabe es ist, die Umsetzung des Friedensvertrages zwischen dem Nord- und Südsudan zu untersuchen und zu evaluieren.

Welche spürbaren Erfolge haben sich durch Ihre bisherigen Einsätze eingestellt?

Es ist nicht immer möglich, in meinem Bereich den unmittelbaren Erfolg in kurzer Zeit zu messen. Ich bin in komplexe Prozesse involviert, die Zeit brauchen. Demokratisierung, Umsetzung und Achtung von Menschenrechten, der Aufbau staatlicher Institutionen und die Stärkung der Zivilgesellschaft geschehen nicht von heute auf morgen. Sie erfordern Umdenken, Aufklärung, politischen Willen und ein politisches Klima, in dem Reformen überhaupt möglich sind. Hinzu kommt, dass in der Regel viele Akteure beteiligt sind und ein Einzelner allein meist nicht viel bewegen kann. Das heißt nicht, dass es keine Fortschritte gibt, jeder auch noch so kleine Schritt in die richtige Richtug kann ein Erfolg sein. Es ist z.B. schön, zu sehen, wenn eine nationale Menschenrechtskommission, an deren Einrichtung man mitgearbeitet hat, ihre Arbeit erfolgreich aufnimmt. Oder die lange Schlange vor den Wahllokalen, wo die Menschen darauf warten, nach jahrelangem Krieg erstmals ihre Stimme abzugeben. Fuer mich ist es schon ein Erfolg, wenn unsere Arbeit dazu beitraegt, dass ein Dialog zwischen ehemals verfeindeten Gruppen beginnt oder ein neuer Konflikt, sei es auch nur in einer kleinen Kommune, vermieden werden kann.

Waris Dirie ist eine unsagbar starke Frau mit einer Geschichte, die die ganze Welt bewegt. Als Fünfjährige fiel sie der brutalen Praxis der Genitalbeschneidung zum Opfer. Heute führt Sie mit ihrer eigenen Stiftung – der „Waries Dirie Foundation“ – einen weltweiten Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Sind Frauen wie Waris Dirie Vorbilder für Sie?

Mich beeindrucken grundsätzlich Frauen und Männer, die unter den widrigsten Bedingungen ihr Leben meistern, die sich mit friedlichen Mitteln für ihre und die Rechte anderer einsetzen, dabei oftmals persönliche Risiken eingehen und Opfer bringen müssen. Dies sind oft Menschen, die nicht im Lichte der Öffentlichkeit stehen. Viele Menschen müssen jeden Tag aufs Neue wieder einen Kampf für ihre fundamentalsten Rechte aufnehmen: etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Davor habe ich Respekt, ebenso für alle anderen, die sich im Rahmen ihrer Moeglichkeiten fuer die Freiheit und das Wohl anderer einsetzen.

Der Film WÜSTENBLUME (Kinostart: 24. September) erzählt Waris Diries beeindruckenden Weg vom afrikanischen Nomadenmädchen zum internationalen Topmodel. In den Medien wird sie häufig als „Wesen zweier Welten“ bezeichnet. Fühlen Sie sich als Deutsche im Sudan auch häufig zwischen zwei Welten hin- und hergerissen?

Ja und nein. Wenn ich im Sudan bin, ist Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes weit weg, und ich habe mich an das Leben hier gewöhnt. Ich merke aber auch, dass mein Lebensmittelpunkt nicht mehr dort ist, wo ich meine Wurzeln habe. Es ist schwer, mit Familie und Freunden in Deutschland mein Leben im Ausland zu teilen und ihnen zu vermitteln, wie ich lebe und was genau ich tue. Ebenso nehme ich nicht mehr in demselben Maße an ihrem Leben teil. Durch meine Arbeit im Ausland hat sich sicherlich auch der Blick auf das Leben in Deutschland verändert. Ich bin aber auch kein Sudanese, Vietnamese oder Liberianer und kann das Leben dort nicht vollständig durch deren Brille betrachten. Ich lebe und arbeite aber mit ihnen, so dass ich mich täglich bemühe, mich in ihr Leben und ihre Probleme hineinzuversetzen und zu verstehen. Vor diesem Hintergrund bin ich schon ein Wanderer zwischen den Welten.

Der Name Waris bedeutet Wüstenblume. Dies ist eine Blume, die auch unter sehr rauhen Bedingungen blüht und gedeiht. Mit welchen rauhen Bedingungen und Schwierigkeiten haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag zu kämpfen und wie gehen Sie damit um?

Es gibt viele gute Momente, aber natürlich auch schwierige Bedingungen. Ich sehe Ungerechtigkeiten und menschliches Elend und erkenne, dass meine Möglichkeiten dagegen etwas zu tun, begrenzt sind. Das ist schwer zu verdauen. Es kommt auch vor, dass unsere Arbeit und Anwesenheit in einem Land von den Menschen vor Ort mit Argwohn betrachtet oder gar abgelehnt wird. Dies bekommt man zu spueren. Auch nicht einfach, aber manchmal nachvollziehbar, wenn man die Hintergruende versteht. In manchen Laendern ist es nicht moeglich, sich so frei zu bewegen, wie wir es gewoehnt sind. Es gibt Sicherheitsprobleme, Ausgangssperren und andere Beschraenkungen der persoenlichen Freiheit. Dagegen ist wenig zu machen. Je haerter die Bedingungen sind, desto wichtiger ist es, ab und zu mal rauszukommen. Aber auch unter rauhen Bedingungen kann etwas wachsen.

Was denken Sie, wer die Situation in Ihren Einsatzgebieten am ehesten beeinflussen kann ? Leute wie Sie? Die Bewohner des Landes? Die internationale Staatengemeinschaft?

Ich bin der Meinung, dass Veränderungen in einem Land nicht von außen erzwungen oder diktiert werden können. Daher sollten zunächst die Bewohner entscheiden, wie sie leben möchten, ihr eigenes Schicksal bestimmen und an Entwicklungen in ihrem Land aktiv mitarbeiten können. Die jeweilige politische Führung des Landes ist ein entscheidender Faktor. Die internationale Gemeinschaft kann sicherlich auf politischer und diplomatischer Ebene Einfluss ausüben, Hilfe leisten und vor Ort unterstützen. Es ist eine gemeinsame Anstrengung. Es kommt aber immer auf die Umstände in dem jeweiligen Land an. Jene Umstände sind entscheidend dafür, welche Akteure am ehesten positiven Einfluss ausüben können.

Was empfehlen Sie Menschen, die sich selbst für Menschrechte engagieren möchten? Welche Möglichkeiten gibt es?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich für Menschenrechte zu engagieren, im In-und Ausland, durch Spenden oder aktive Mitarbeit. Man kann nationale oder internationale Menschenrechtsorganisationen finanziell unterstützen oder für diese arbeiten. Viele Organisationen und Projekte haben eigene Homepages, die über die Möglichkeit der Unterstützung informieren. Es sind ja aber nicht nur die großen Organisationen, die etwas bewirken können. Menschenrechte sind universal, fangen aber um die Ecke an. Oftmals gibt es in der eigenen Nachbarschaft lokale Projekte, die sich z.B. für Minderheiten oder sozial Benachteiligte einsetzen und großartige Arbeit leisten. Man kann eigene Initiativen gründen und Mitstreiter suchen. Man kann auf Missstände aufmerksam machen und die Stimme erheben, sich politisch engagieren oder ehrenamtliche Arbeit leisten. Die Liste ist endlos. Jeder kann etwas tun.

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