Der Fall Chodorkowski – eine Dokumentation von Cyril Tuschi
Nichts ist spannender als die Realität, vor allem, wenn es um die politisch russische geht. Der Berliner Independent-Regisseur Cyril Tuschi („Sommerhundesöhne“) wagte sich an ein schier unmögliches unterfangen heran. Es geht um einen der kontroversesten Männer der Sowjetunion. Nowosibirsk am 25. 10 2003. Eine russische Spezialeinheit stürmt den Privatjet von Michail Borissowitsch Chodorkowski, um ihn zu verschleppen. Damit endete brachial die einzigartige Karriere des reichsten Manns Russlands. Tuschi dokumentiert Stationen: Aus dem Chemiestudenten jüdischer Herkunft, dem Komsomol Aktivisten und ersten Gründer einer russischen Privatbank wird schnell ein einflussreicher Banker und Geschäftsmann, der von Gorbatschow und Jelzin protegiert wird. Chodorkowski übernimmt die Mineralölfirma YUKOS, die er nach westlichem Vorbild transparent führt. Dabei wird er immer reicher und mächtiger. Er gründet Stiftungen wie „Offenes Russland“ und unterstützt die politische Opposition. Als er sich öffentlich mit Präsident Putin anlegt und die Amerikaner bei YUKOS einspannt, platzt dem Kreml der Kragen. Nach einigen Warnungen und Einschüchterungsmanövern lässt der Staat Michail Chodorkowski wegen Korruption und Steuerhinterziehung verhaften und verurteilen. Bis voraussichtlich 2016 sitzt er noch in Haft. Für viele ist er der prominenteste politische Gefangene in Russland, andere nennen ihn schlicht einen Kriminellen. Diese Frage bleibt offen, verliert sich im nebulösen Dickicht von Intrigen, Falschaussagen und Macht-Mechanismen. Fünf Jahre lang recherchierte und drehte der Filmemacher in Russland, Deutschland, Israel und den USA. Er interviewte Zeitzeugen, Freunde, Kritiker und Familienmitglieder Chodorkowskis. 180 Stunden Interviews wurden zu packenden zwei Kinostunden kulminiert.
Hintergrund: Der Konzern Jukos wurde unter Chodorkowski zum führenden russischen Rohstoff-Konzern. Chodorkowski zentrierte Corporate Governance, forderte das russische Unternehmertum mehr Verantwortung auf.Mit der Zeit involvierte sich der Oligarch zunehmend in die russische Innenpolitik. Er finanzierte Oppositionsparteien, wie 1999 zur Wahl der Duma die liberale Partei Jabloko, aber auch die Kommunistische Partei. Schließlich verdächtigte er den Kreml öffentlich der Korruption. Immer deutlicher stilisierte sich Chodorkowski selbst als Mann des Westens. Er versuchte, US-Unternehmen an Jukos zu beteiligen. Nach einem ersten Prozess wurde er im Mai 2005 in Moskau wegen Steuerhinterziehung und planmäßigen Betrugs zunächst zu neun, in einem Revisionsverfahren zu acht Jahren Haft verurteilt. Von Oktober 2005 an war Chodorkowski im Straflager in Krasnokamensk im Länderdreieck Russland-China-Mongolei untergebracht, bis er im Dezember 2006 in ein Untersuchungsgefängnis nach Tschita verlegt wurde. Im Februar 2009 wurde er nach Moskau überstellt, wo er erneut angeklagt und im Dezember 2010 wegen Geldwäscherei und Unterschlagung verurteilt wurde. Seit Juni 2011 darbt er sich in einem Straflager in Karelien.
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