Die Ehe als Auslaufmodell? Paartherapeut Robert Coordes im Interview
In dem holländischen Film-Highlight LOVE LIFE – LIEBE TRIFFT LEBEN (Kinostart: 29. September 2011) hat sich Carmen damit abgefunden, dass ihr Mann Stijn eben einfach nicht treu bleiben kann. Doch dann erkrankt Carmen an Krebs und die beiden müssen ihre Beziehung neu definieren. Aus diesem Anlass wollten wir gern wissen, was ein Paar- und Sexualtherapeut zum Thema “Offene Beziehung” zu sagen hat.
Robert Coordes ist Diplompsychologe und Leiter des Berliner Instituts für Energetische Paartherapie, Sexualtherapie und Beziehungstherapie. Seit 2006 werden dort Paar- und Sexualtherapie sowie spezielle therapeutische Gruppen für Männer, Frauen, Paare und Singles angeboten. Hier sehen sie einen Auszug aus dem Gespräch. Das vollständige Interview finden Sie im Anhang dieser Mail.
Gibt es eine feste Fachdefinition für die „offene Beziehung“? Bzw. wie definieren Sie diese?
Eine Beziehung wird meistens als “offen” bezeichnet, wenn sich ein Paar darüber verständigt hat, auch andere (Sexual-)Partner haben zu dürfen. Oft wird der Begriff „polyamore Beziehung“ damit gleichgesetzt. “Polyamory” bedeutet allerdings, neben dem sexuellen Aspekt auch weitergehende Bindungen emotionaler Natur zuzulassen.
Gibt es viele Menschen, die eine „offene Beziehung“ führen?
Statistiken darüber gibt es keine. Allerdings dürfte es in großen Städten mehr Menschen geben, die diese Beziehungsform gewählt haben – dort sehen sich Paare seltener moralischen und gesellschaftlichen Einschränkungen gegenüber.
Denken Sie, dass es heutzutage schwieriger ist, eine langfristig glückliche und erfüllte Partnerschaft einzugehen? Sind offene Beziehungen deswegen möglicherweise häufiger anzutreffen?
In früheren Generationen war eine Trennung selbst bei unglücklicher Ehe kaum vorstellbar. Heutzutage hingegen streben wir in Beziehungen nach persönlicher Erfüllung und Glück und übertragen diese Bedürfnisse und Sehnsüchte auch oft auf den Partner. Dies führt oft zu Belastungen der Beziehungen, da nur sehr Wenige sich die eigenen Erwartungen bewusst machen und in der Lage sind, eine Beziehung selbstbestimmt zu führen und zu gestalten. Das mag eine Erklärung dafür sein, weshalb immer mehr Menschen eine offene Beziehung suchen. Ob dies allerdings zu mehr Glück und Erfüllung führt, ist zu bezweifeln. Die Erfahrung von Glück und Erfüllung ist ja keine Frage der Quantität. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, sich auf den anderen ein- und von den Erwartungen an den Partner ab-zulassen und ihn in seiner Eigenständigkeit respektieren und begehren zu können.
In LOVE LIFE – LIEBE TRIFFT LEBEN ist es ja ausschließlich Stijn, der sich sexuelle Eskapaden erlaubt. Geht eine offene Beziehung allgemein eher vom Mann aus?
Männer nutzen häufiger andere sexuelle Möglichkeiten außerhalb der Beziehung als Frauen (z.B. Pornos, Bordellbesuche o.ä.), aber in Bezug auf die Öffnung mehreren Partnern gegenüber beobachten wir kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Es gibt einige reißerische Bücher, die erklären, dass der Mensch – vor allem der Mann – von Natur aus polygam veranlagt ist und die Monogamie rein gesellschaftliche Ursachen hat. Wie sehen Sie das?
Es gibt sehr überzeugende Argumente dafür, dass die heutige als „normal“ definierte Art Beziehungen zu führen gesellschaftlich-politische Grundlagen hat. Allerdings helfen uns intelligente, historische und biologische Abhandlungen selten, die für uns passende Beziehungsform zu gestalten und zu führen, sondern dienen häufig eher dazu, persönliches Verhalten zu rechtfertigen und abzusichern.
Was sind die absoluten Beziehungskiller für die normale bzw. für die offene Beziehung?
Heimlichkeit ist einer der größten Beziehungskiller in jeglichen Beziehungen. Sie führt häufig dazu, dass die Partner sich betrogen fühlen. Ihr liegt zudem die Befürchtung zugrunde, man könne den anderen nicht mit seiner Wirklichkeit behelligen, weil man ihn nicht verletzten oder Konflikte vermeiden will. Doch der Andere wird dadurch meist misstrauisch und beginnt zu kontrollieren. Manche fühlen sich klein gehalten, nicht gesehen oder als würde ihnen das Wesentlich vorenthalten: Die Wahrheit des anderen. Dadurch entsteht ein Beziehungsklima des Misstrauens, in dem eher Machtkämpfe den Alltag bestimmen, als dass sich zwei Menschen in Liebe und Respekt begegnen.
Wie Carmen und Stijn ihre Beziehung – ganz ohne Paartherapeuten – meistern, das könnt ihr ab 29. September 2011 in LOVE LIFE – LIEBE TRIFFT LEBEN im Kino sehen.
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Die Ehe als Auslaufmodell? Paartherapeut Robert Coordes im Interview wurde bearbeitet von Patrick Fiekers • Permalink • Kommentar schreiben »













