DIE ELEGANZ DER MADAME MICHEL / Zum Mythos der Concierge
Im Mai 1990 rief die nationale Concierge-Gewerkschaft ihre Mitglieder auf, sich vor dem Festivalpalais in Cannes zu versammeln. Wollte man rasch noch mal über die Stufen der großen Freitreppe wischen, bevor die Stars anrauschten? Im Inneren des Palais kaputte Glühbirnen austauschen? Oder die Nachnahmelieferung der wertvollen Goldenen Palmen quittieren? Mitnichten. Die Gewerkschaftler beabsichtigten einen Protest gegen das (Zerr-)Bild der Concierge, mit dem die Filmbranche ihrer Meinung nach eine Art cineastischen Rufmord betrieb.
Tatsächlich ist der/die Concierge – ein Wort, das Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals in der französischen Sprache auftauchte und sowohl für Männer wie für Frauen gebräuchlich ist – aus Frankreichs Alltag und seiner Kultur nicht mehr wegzudenken. Schon Honoré de Balzac und Eugène Sue, zwei der erfolgreichsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, setzten der Concierge in ihren Romanen ein wenig schmeichelhaftes Denkmal, denn sie schilderten sie als geschwätzigen Hausdrachen, der mit Vorsicht zu genießen ist. Ob Literatur, Malerei, Fotografie, Karikatur, Comic, Theater oder Film – nahezu jede Kunstgattung knöpfte sich in den vergangenen 150 Jahren die weibliche Concierge vor, und selten zeichnete man ein positives Bild. Dass männliche Vertreter eine eher untergeordnete Rolle spielen, mag verwundern, hat aber einen realen Hintergrund: In Pariser Wohnhäusern wurden und sind vor allem Frauen als Hausmeister beschäftigt. Das „typische“ Bild der vierschrötigen Concierge, die wie ein Wachhund in ihrer Loge thront, haben bis heute vor allem die in den 1950er bis 1970er Jahren entstandenen Schwarzweißbilder des legendären Fotografen Robert Doisneau geprägt. Doisneau, dessen 16. Todestag am 1. April 2010 kurz bevorsteht, hätte für ein weiteres Schwarzweißmotiv mit Sicherheit auch Gefallen an Josiane Balasko gefunden: Denn die beliebte französische Schauspielerin wird ab dem 06. Mai auf der Leinwand als Concierge „Madame Michel“ zu sehen sein…
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Die Concierge kümmert sich um die Post und bringt die Mülleimer raus, sie fegt den Bürgersteig und erledigt kleine Reparaturarbeiten, wacht mit Argusaugen darüber, wer das Haus betritt und verlässt. Vor allem aber mischt sie sich, ob ungefragt oder dazu aufgefordert, in das Leben der Hausbewohner ein. Je nach Standpunkt ist sie deshalb eine liebenswürdige, unentbehrliche Perle – oder ein tratschendes, hässliches altes Weib in Kittelschürze.
Die Concierge – ein aussterbender Berufszweig? Ohne Zweifel. In Gefahr ist aber auch das Wort selbst. Viele Hausmeisterinnen sind es nämlich leid, dass Concierge zu einem Synonym für Hausdrachen geworden ist. Deshalb wollen sie wertneutral „gardienne“ genannt werden. Dem Mythos der Concierge dürfte diese schleichende Veränderung nichts anhaben. So wie das ewige Klischee der Männer mit Baskenmütze, im Mundwinkel die obligatorische Gauloise, Bestand hat, wird auch im 21. Jahrhundert die typische Concierge weiterleben. Umso schöner, wenn dabei überraschend mit Klischees gespielt und das alte Bild inhaltlich auf den Kopf gestellt wird – wie es DIE ELEGANZ DER MADAME MICHEL auf wunderbare Weise vormacht.
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