Dr. Alemán – Der gute Deutsche?
Marc ist von Frankfurt nach Cali in Kolumbien gereist, wo er im örtlichen Krankenhaus ein Praktikum absolvieren will. Das raue Pflaster, das von sich bekriegenden Banden dominiert wird, kann ihn von seiner Arbeit nicht abschrecken. Er verliebt sich in eine Kioskbesitzerin. Kulturschock im Delirium.
Er kommt aus einem Land, in dem man am Sonntag noch nicht einmal ungestraft seinen Rasen mähen kann – Deutschland, die Ausgeburt der Spießigkeit und Langeweile. In Kolumbien indes, insbesondere im verkommenen Stadtviertel Siloé der Metropole Cali, quellen die Krankenhausflure über vor Patienten, die aufgrund der vielfältigsten Schussverletzungen um ihr Leben kämpfen. Marc ist noch nicht recht im südamerikanischen Land angekommen, da wird er beim Antritt seines Praktikums im Hospital auch schon dazu eingesetzt, einem Angeschossenen die Kugel aus der Lunge zu operieren. Seine Gastfamilie und die Arbeitskollegen raten Marc davon ab, den Weg zur Arbeit zu Fuß zurückzulegen, denn die Gegend sei viel zu gefährlich. Doch Marc sucht das Abenteuer und begibt sich hinab auf das Niveau der Ärmsten der Armen, freundet sich mit der hübschen Besitzerin eines Ghetto-Kiosks an und gerät dabei mehr und mehr zwischen die Fronten der sich bekriegenden Straßengangs.
Regisseur Tom Schreiber („Narren“) hat seiner Aussteigerstory tatsächliche Begebenheiten zu Grunde gelegt, die er von einem Freund in Briefen aus Kolumbien mitgeteilt bekommen hat. Schreiber stellte fest, dass sich die Wahrnehmung seines Freundes vor Ort im Laufe der Zeit massiv verändert hat, von der eines abenteuerversessenen Romantikers hin zu der eines orientierungslosen Getriebenen. Es gelingt dem Regisseur auf eindrucksvolle Weise, diese Erfahrungen auch für seine Zuschauer erlebbar zu machen. Marc experimentiert mit Drogen und verliert mehr und mehr die Kontrolle über die Ereignisse. Wie der Protagonist treibt schließlich auch das Publikum durch einen Strudel aus Ereignissen, deren Bedeutung sich nicht erschließen mag und die einen immer hilfloser zurücklassen. Diese Erzählstruktur hat etwas Beunruhigendes, zumal August Diehl in der Titelrolle nicht gerade das Potenzial einer Identifikationsfigur besitzt. Vordergründig mag es sich bei dem Sozialarbeiter zunächst um einen guten Deutschen handeln, doch je weiter er sich und seine Einstellungen entblößt, desto unsympathischer und arroganter wirkt er. Wer mit August Diehls Rollenstereotyp seine Probleme hat, wird vermutlich auch mit „Dr. Alemán“ nicht so einfach warm werden können. Ungeachtet der Tatsache der empathischen Hürden, die der Film einem auferlegt, gelingt es Tom Schreiber auf authentische, detailgenaue und überzeugende Weise, die ganz eigene Atmosphäre eines uns fremden lateinamerikanischen Landes erstehen zu lassen und die Gesetzmäßigkeiten der dortigen Gesellschaft als Motor für einen gut funktionierenden Krimisubplot auszunutzen.
D 2008. Regie und Buch: Tom Schreiber. Buch: Oliver Keidel. Musik: Josef Suchy. Kamera: Olaf Hirschberg. Schnitt: Andreas Wodraschke. Produktion: 2Pilots. Mit: August Diehl, Marleyda Soto, Andrés Parra, Hernán Méndez, Victor Villegas, David Steven Bravo. Zorro. 106 Min. Ab 14. August 2008 im Kino.
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