Friedliche Zeiten – Szenen einer Ehe
In den frühen 1960er Jahren flieht Irene mit ihrem Mann Dieter und den drei kleinen Kindern aus der DDR in den Westen. Widerwillig lässt sie ihr gewohntes Zuhause zurück und findet immer wieder neue Gründe fürs Unglücklichsein. Die Kinder denken an Scheidung. Gewitzte Familiendramödie.
Der Film steht und fällt mit der Figur der Irene Striesow, deren absonderliche Gewohnheiten den beiden jungen Töchtern schon in den ersten Filmminuten den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Die Mutter ist nämlich keine besonders gute Autofahrerin und vertritt ohnehin die Ansicht, dass sie nicht besonders alt werden wird. Ute und Wasa, aus deren kritischer Sicht der Dinge die Geschichte erzählt wird, möchten ihrer Mutter etwas von ihren Ängsten nehmen und ihr dadurch den Lebensmut zurückbringen. Doch das ist bei Irene gar nicht so einfach, weil diese hinter den kleinsten Anzeichen die größten Katastrophen vermutet. Als russische Panzer 1968 in Prag einrollen, bricht für sie bereits der 3. Weltkrieg aus. Kommt ihr Mann mal nicht pünktlich nach Hause, hat er bestimmt gleich eine Geliebte. Und die Wohnungstür wird nicht geschlossen, ohne dass auch die Sicherheitskette vorgelegt wird. Als die Phobien Irenes gigantische Ausmaße annehmen, sehen die beiden halbwüchsigen Töchter schließlich die letzte Chance darin, die Scheidung der Eltern herbeizuführen.
Trotz der ernsten Thematik verbreitet Neele Leana Vollmar in ihrem zweiten Spielfilm eine ausgesprochen ausgelassene Stimmung, wenn sie die dramatischen Geschehnisse stets durch bitter-ironische Kommentare der Mädchen unterlegt oder auf Typen- und Situationskomik setzt. Wie schon in ihrem Debütfilm „Urlaub vom Leben“ ist ihr so eine reife Mischung aus Komödie und Drama gelungen, die immer wieder gut beobachtete Szenen aus der Wirklichkeit durchblitzen lässt. Und ebenso wie der Vorgänger wird auch „Friedliche Zeiten“ in erster Linie von einer starken Hauptfigur getragen, die Identifikation zulässt und durch ihre Resignation berührt. Nach Gustav Peter Wöhler in „Urlaub vom Leben“ (der hier einen netten kleinen Gastauftritt hat) ist es dieses Mal das Nachwuchstalent Katharina Schubert („Shoppen“), das die Figur trotz ihrer Ticks und Unzulänglichkeiten dem Zuschauer ans Herz wachsen lässt. Man erkennt in Irene Striesow die in der Fremde Gestrandete, die auch nach sieben Jahren ihre Nachbarinnen noch nicht kennt und ihrer Familie viel stärkere Restriktionen auferlegt als der Staat, aus dem sie eher widerwillig geflohen ist. Flankiert wird Schubert von einem bemerkenswerten Darstellerensemble, in dem auch erneut die Kinderrollen vorzüglich geführt sind und keinerlei Misstöne hervorrufen. Auch wenn „Friedliche Zeiten“ durch seinen Retrolook und seine eher aus Kindersicht erzählte Geschichte völlig anders geworden ist als Vollmars Vorgänger, lassen sich dennoch Parallelen feststellen und eine gleich bleibende Qualität attestieren.
D 2008. Regie: Neele Leana Vollmar. Buch: Ruth Toma. Musik: Oliver Thiede. Kamera: Pascal Schmit. Schnitt: Florian Drechsler. Produktion: Lunaris Film, Odeon Pictures, Royal Pony Film, BR. Mit: Katharina Schubert, Oliver Stokowski, Nina Monka, Leonie Brill, Tamino Wecker, Axel Prahl, Anna Böttcher, Doris Kunstmann. Kinowelt. 98 Min. Ab 11. September 2008 im Kino.
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