Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra – Italienische Verhältnisse
Scampia ist ein Stadtteil Neapels, in dem raue Sitten herrschen. Das Viertel ist fest in der Hand neapolitanischer Gangs, die hier Camorra heißen. Sogar der Junge, der die Einkäufe in die Häuser liefert, steht in der Schusslinie – und muss Stellung beziehen. Authentische Gewaltstudie.
In den 1980er Jahren sorgte der politisch engagierte italienische Filmemacher Damiano Damiani mit einer mutigen Fernsehserie weltweit für Schlagzeilen – und konnte einen seiner größten Publikumserfolge verbuchen. In „Allein gegen die Mafia“ schilderte er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, den zermürbenden Kampf gegen die berüchtigte italienische Gangsterorganisation. Damiani zeigte auf, in welche gesellschaftlichen Bereiche die Beziehungen hinaufreichten und wie groß und gefährlich der Sumpf des Verbrechens tatsächlich ist. Denn an den Verhältnissen in Italien hat sich bis heute nichts geändert. Statistisch noch „erfolgreicher“ als die sizilianische Mafia ist die neapolitanische Camorra, die es in den letzten 30 Jahren auf 4000 Morde brachte – das entspricht einen Toten an jedem dritten Tag, wahrlich ein heißes Pflaster!
Matteo Garrones Film ist die Adaption eines auch in Deutschland überaus erfolgreichen Buches. Dessen Autor Roberto Saviano, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat, spricht dabei aus eigener Erfahrung, weil er inmitten der Camorra und ihren Taten in den 80er Jahren aufgewachsen ist. Da seine rigorose Offenheit so manchem Clanchef ein Dorn im Auge ist, steht Saviano mittlerweile unter Personenschutz und muss seinen Aufenthaltsort geheim halten. Was er und Garrone ihrem Publikum quasi unter Einsatz des eigenen Lebens vor Augen führen, sind die katastrophalen Zustände in dieser Betonburgen-Siedlung Neapels. Scampia ist nicht nur der größte Drogenumschlagplatz weltweit, hier werden auch die Weichen gestellt für die illegale und höchst gefährliche Entsorgung giftiger Chemieabfälle: Landwirte mit akutem Geldmangel stellen der Camorra gerne mal ein Stück Land zur Verfügung, wo die Fässer dann nicht ganz fachgerecht ihr Endlager finden. Saviano und Garrone haben ein Figurengeflecht entworfen, bei dem im Wechsel die Geschichten der einzelnen Protagonisten erzählt werden. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein sehr plastisches Gesellschaftsporträt, dessen Authentizität außer Frage steht. Erstaunlicherweise durfte das Filmteam tatsächlich on location drehen, weswegen so manche der Szenen, die auch mit etlichen Laiendarstellern bevölkert sind, eine semi-dokumentarische Ausstrahlung entwickelt. Dadurch erhält man auch eine Idee davon, wie die Jugendlichen des Viertels schon so früh auf die gleiche Schiene geraten können, in denen ihre Eltern gefangen sind. Fast schon nebenbei funktioniert „Gomorrha“ auch als packender Genrefilm mit seiner exzellenten Spannungsdramaturgie – wie seinerzeit „Allein gegen die Mafia“!
I 2008 (Gomorra) Regie und Buch: Matteo Garrone. Buch: Maurizio Braucci, Ugo Chiti, Gianni Di Gregorio, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano. Kamera: Marco Onorato. Schnitt: Marco Spoletini. Produktion: Fandango, RAI Cinema. Mit: Salvatore Abruzzese, Gianfelice Imparato, Maria Nazionale, Toni Servillo, Carmine Paternoster, Salvatore Cantalupo, Marco Macor, Ciro Petrone. Prokino. 135 Min. Ab 11. September 2008 im Kino.
Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra – Italienische Verhältnisse wurde bearbeitet von Frank Brenner • Permalink • Kommentar schreiben »













