Kinotipp: Immer Drama um Tamara
Der britische Regie-Ikone Stephen Frears schlägt ungewohnt zu, und zwar mit einer amüsanten Provinzposse, in der seine männlichen Figuren im Fegefeuer der Eitelkeiten schmoren. Was geschieht, wenn eine reizvolle Journalistin namens Tamara Drewe (Bondgirl Gemma Arterton) in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um das Haus ihrer verstorbenen Mama zu verkaufen? Sie manövriert sie sich selbst in die Grauzone zwischen Reiz, Respekt und Rechtfertigungen vor und von den machoiden Mannsbildern. Frears (“Gefärliche Liebschaften“) stürzt dabei den Zuschauer in die sonst so beruhigende Bilderbuch-Behaglichkeit der Grafschaft Dorset. Dort wirbelt der vollbusige Belzebub Tamara als personifiziertes Aphrodisiakum geschlechtliche Gewohnheiten geehelichte Gesetze durcheinander. Sie hat sich aus dem ehemaligen, unscheinbaren Entlein zum erotisierenden Paradiesvogel gemausert. Die Eingeborenen von Ewedown trauen nun ihren Augen nicht, und flugs wird die Fremde zum obskuren Objekt chauvinistischer Begierden. Man(n) verstrickt und verhaspelt sich in amüsante Katz-und-Maus-Spielchen, die von „Liebe“ und Libido, vor allem durch heimtückische Intrigen befeuert werden. Da wären beispielsweise der Drummer Ben (Dominic Cooper), den gleich in die Horizontale befördert, der verdruckste Schriftsteller mit Schreibblockade Glen (Bill Camp) oder der nette Andy, (Luke Evans), ihr ehemaliger Jugendfreund. Mit typisch britischem Humor fokussiert der 1941 geborene Frears die irrwitzige Ménage à tous um den komischen und frivolen Rachefeldzug einer Frau, der an Originalität seinesgleichen sucht. Dabei hat er sich aus der Vorlage brillant bedient; am Anfang war Thomas Hardys Roman “Am grünen Rand der Welt”. Daraus kreierte die britische Cartoonistin Posy Simmonds den Comicstrip “Tamara Drewe, der in der Tagesgazette “The Guardian” und als Graphic Novel publiziert wurde. Das respektable Resultat ist ein larmoyanter und hintergründiger Blick auf das ach so idyllische Universum einer ländlichen Gemeinde, die durch den Besuch der Sirene in ein bittersüßes und gefahrvolles Gefühlschaos stürzt. Maliziöse Moral und miserabler Machismos, Lügengespinste und Liebesfallen schicken dabei den Betrachter in den unheilbar gesunden Zwiespalt von Erstaunen und Gelächter. Es sind gerade die minutiös porträtierten Figuren dieser grotesken Szenerie, die hier ein kaleidoskopartiges Panoptikum von Nonchalence und Nihilismus in Gang setzen: Gerade weil Tamara im Epizentrum sexistischer und dramatischer Verwicklungen weilt, hängen Herz und Hirn des Regisseurs vor allem an Tamaras Antagonistin, der liebenswerten Sympathieträgerin Beth alias Tamsin Greig: Die gehörnte Ehefrau leitet mit ihrem Mann, dem Krimiautoren und notorischen Fremdgeher Nicholas Hardiment (Roger Allam), eine Pension für Schriftsteller. Frears Kunst besteht darin, Komik zu kreieren, ohne in Albernheiten abzudriften. Seine Expedition in dieses Sub-Genre gehört sicherlich zu einer der erfrischenden Produktionen des Jahres 2010.
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