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Schattenzeit – Aufklärung und Information über ein tabuisiertes Volksleiden

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Schattenzeit – Aufklärung und Information über ein tabuisiertes Volksleiden

Schattenzeit 150x212 Schattenzeit   Aufklärung und Information über ein tabuisiertes VolksleidenFür eine kurze Zeit wurde in der deutschen Öffentlichkeit ein Tabu gebrochen. Nach dem freiwilligen Tod des ehemaligen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke gab es einen Medienhype um die Krankheit Depression. Mittlerweile sind wieder andere Themen in den Blickpunkt gerückt. Eine rühmliche Ausnahme ist der Dokumentarfilm „Schattenzeit“, der bei mindjazz pictures im Vertrieb der AL!VE AG erstmals auf DVD erscheint. Regisseur Gregor Theus und seinem Team ist es auf einfühlsame Weise gelungen, in der Berliner Charité drei Patienten mit schweren Depressionen in einer Langzeitstudie zu beobachten. Noch nie zuvor hat es etwas Vergleichbares gegeben. Nach zwei Jahren Drehzeit und insgesamt vier Jahren mit Vor- und Nachbereitung ist eine Dokumentation entstanden, die auf die Bedeutung dieser Krankheit und erfolgversprechende Behandlungsmethoden aufmerksam machen will. Ohne Behandlung führen schwere Depressionen oft zum Suizid der Patienten. Wenig bekannt ist, dass diese unterschätzte Krankheit in Industrieländern mehr an Lebensqualität und Lebensjahren kostet als Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Die Hälfte der Patienten unternehmen Selbstmordversuche, von denen 15% tödlich enden.

Schattenzeit

Auf das Thema war Theus gekommen, als er von umstrittenen Behandlungsmethoden mit Elektroschocks wie im Spielfilm „Einer flog über das Kuckucksnest“ erfuhr. Darüber wollte er einen kritischen Film machen. Zur Recherche hat er fast ein halbes Jahr in der Psychiatrie der Berliner Charité verbracht. Dabei lernte er, dass die moderne Form der Elektroschocks, die EKT (Elektrokrampftherapie) ihren Schrecken verloren hat und mit Erfolg bei der Behandlung schwerer Depressionen eingesetzt wird. Bei dieser Methode werden unter Vollnarkose mit Strom kontrollierte epileptische Anfälle stimuliert. Nach vielen Gesprächen mit Kranken und Angehörigen kam Theus die Idee, einmal einen Film aus Sicht der Erkrankten zu machen. Denn bisher standen immer die Therapeuten im Mittelpunkt. Schließlich gaben die drei Patienten Maria, Mona und Olaf ihr Einverständnis. Das ist sehr mutig, denn wer will schon in aller Öffentlichkeit zeigen, dass er in psychiatrischer Behandlung ist. Dabei ist Depression keine psychotische Erkrankung wie Schizophrenie. Es gibt externe Auslöser wie der Verlust des Arbeitsplatzes, Trauerphasen oder ein Verkehrsunfall wie bei Olaf. Doch sie kann auch von alleine kommen wie bei Maria, die plötzlich nicht mehr lesen konnte. Sie kann auch parallel zu einer körperlichen Erkrankung auftreten oder eine solche auslösen. Ursache ist ein Mangel an Botenstoffen wie Serotonin im Gehirn. Hauptsymptome sind Schlaf- und Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Appetit- und Libidoverlust, Abnahme des Selbstwertgefühls oder unbegründete Schuldgefühle, wie sie Mona gegenüber ihrer Familie empfindet.

Die Ärzte und Psychologen in der Charité stellen ihren Therapieplan auf mehrere Säulen. Neben medikamentöser Behandlung wird eine begleitende Psychotherapie, in Berlin kognitive Verhaltenstherapie, angewandt. Wenn das alles nichts nützt, kommen elektrische Verfahren wie EKT zum Einsatz. Nachdem bei Mona Medikamente und 64 EKTs zu keiner Verbesserung geführt haben, wird die tiefe Hirnstimulation (DBS) angewendet. Bei der Operation, die die Patientin bei vollem Bewusstsein erlebt, werden Elektroden in eine im vorderen Stirnlappen gelegenen Region eingeführt. Diese „Hirnschrittmacher“ wurden bislang nur bei Parkinson-Patienten eingesetzt. Während der Operation werden die Parameter geändert und der Patient jedes Mal nach seinem Befinden gefragt. In zwei von drei Fällen kann so die Stimmungslage verbessert werden. Bei der Therapie müssen neben den neurobiologischen Ursachen auch die psychosozialen Folgen der Depression berücksichtigt werden. Wenn eine depressive Verstimmung über zwei Wochen anhält, ist ein Arztbesuch angeraten. Hausärzte stellen oft Fehldiagnosen, weil sie nicht alle Symptome dieser Krankheit kennen. Der Film kann am Schluss ein ziemlich positives Ergebnis zeigen, denn der Zustand der drei Protagonisten hat sich deutlich verbessert. Olaf singt selbst komponierte Lieder vor, Mona und Maria finden bei der Tanz- oder Ergotherapie wieder mehr Sinn im Leben. Wie es weitergeht, bleibt offen, Rückschläge sind nicht auszuschließen.

Der einstündige Film wird ergänzt um ein doppelt so langes Bonusmaterial. Es zeigt Referate und eine Diskussion mit Ärzten und Psychologen der Charité anlässlich der Premiere von „Schattenzeit“ in der Urania Berlin und somit als Ergänzung zum Film die andere Seite des Klinikalltags. Zunächst wird die oft verharmloste und verschwiegene Volkskrankheit Depression näher erläutert. Zurzeit leiden in Deutschland vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. 10.000 Suizide und 150.000 Suizidversuche jährlich beweisen die tödliche Gefahr dieser Krankheit. Die Folgekosten durch depressionsbedingte Frühberentungen liegen bei 1,5 Milliarden Euro jährlich. In nur wenigen Jahren werden Depressionen weltweit bei den Todesfällen unheilbare Leiden wie Krebs und AIDS überholt haben. Die Therapeuten geben Tipps für Angehörige, um nicht von der pessimistischen Weltsicht der Patienten angesteckt zu werden. Man sollte kranken Angehörigen keine Ratschläge geben oder über die Krankheit diskutieren. Jedoch gilt es, Anzeichen von Suizidplänen wie ein erhöhter Alkohol- und Drogenkonsum oder ein Testament zu beachten. Bei einer akuten Eigengefährdung muss an eine Zwangseinweisung in eine Spezialklinik gedacht werden. Dem Film, der von der Filmbewertungsstelle das „Prädikat besonders wertvoll“ bekommen hat, ist eine große Verbreitung zu wünschen, um diese gefährliche Volkskrankheit endlich aus ihrem Schattendasein zu führen. (Johannes Kösegi)

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