Sweet Mud – Im Himmel gefangen – Cyrano de Kibbuz
Mitte der 70er Jahre in einem israelischen Kibbuz: Dvir steht kurz vor seiner Bar Mizvah, die aus dem Jungen einen Mann machen soll. Doch auch das goldene Leben im Kollektiv hat seine Schattenseiten, wie Dvir nicht zuletzt an seiner alkoholkranken Mutter merkt. Komplexes Gesellschaftsporträt.
Dror Shaul weiß offensichtlich, von was er in seinem zweiten Spielfilm (nach „Sima Vaknin, Hexe“) erzählt: Wie sein jugendlicher Held Dvir ist auch Shaul in den 70er Jahren in einem Kibbuz aufgewachsen und hat das Leben dort aus nächster Nähe beobachten können. Ein Kibbuz, was ein hebräischer Ausdruck für gemeinschaftliche Siedlung ist, verstand man seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine im Kleinen umgesetzte Form des Sozialismus. Die Mitglieder dieser ländlichen Gemeinschaften lebten zusammen und packten auch alles gemeinschaftlich an. Jeder sollte so gut er konnte dem Kibbuz dienen, seine Arbeitskraft der Gemeinde zur Verfügung stellen und die landwirtschaftlichen Erzeugnisse gleichmäßig unter allen verteilen. Ein lobenswertes System, das aber trotz all seiner Vorteile offensichtlich auch Schattenseiten bereithielt.
So ist es in der Filmhandlung für die verwitwete Mutter Dvirs, Miri, eine echte Herausforderung, ihren neuen Freund in die Gemeinschaft des Kibbuz zu integrieren. Stephan ist nicht nur deutlich älter als Miri, sondern, was in der streng reglementierten Gesellschaft einen viel größeren Affront darstellt, noch nicht einmal Jude. Seine Anwesenheit im Kibbuz hält Miri von ihrer Arbeit ab und bedeutet eine weitere Person, die es zu ernähren gilt. Dementsprechend reserviert begegnet man dem charmanten Rentner, jede Gelegenheit wird für eine offene Ablehnung genutzt. Stephan wird von der Kommune verstoßen und die wieder einmal allein gelassene Miri flüchtet sich erneut in den Alkohol. Dvir, der eigentlich mit seiner Pubertät genug zu tun hätte, schlüpft für seine Mutter in die Rolle eines Cyrano von Bergerac, indem er für sie glühende Liebesbriefe an Stephan schreibt und diesen bittet, sie aus dem Kibbuz zu befreien.
Dror Shaul spricht hier eine ganze Vielzahl von Problemen an, die in ihrer Kombination ein komplexes Gesellschaftsdrama ergeben, das Interesse weckt und zu überzeugen versteht. Indem er das Kibbuz als Ort des Geschehens gewählt hat, bringt er seinem Publikum jene unbekannte, in sich geschlossene Welt nahe, von der es in der Regel nicht allzu viel wissen dürfte. Neben den Initiationsriten eines pubertierenden Jungen beschäftigt sich Shaul aber auch mit Fragestellungen zu psychischen Erkrankungen und Depressionen und thematisiert auch eine Liebe, die von der Gesellschaft stigmatisiert wird. Trotz all dieser Facetten ist sein Film inhaltlich nicht überfrachtet, sondern es ergibt sich ein rundes und geschlossenes Bild der beschriebenen Gemeinschaft, klar von einer subjektiven Sichtweise geprägt, aber trotzdem nicht weniger sehenswert.
ISR/D/J 2006 (Adama Meshuga’at/Sweet Mud) Regie und Buch: Dror Shaul. Musik: Tsoof Philosof, Adi Rennert. Kamera: Sebastian Edschmid. Schnitt: Isaac Sehayek. Produktion: Sweet Mud Ltd., Heimatfilm, Pictorion Pictures, Das Werk. Mit: Tomer Steinhof, Ronit Yudkevitch, Henri Garcin, Shai Avivi, Gal Zaid, Sharon Zuckerman, Pini Tavger. W-film. 97 Min. Ab 7. August 2008 im Kino.
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