Wolke 9 – Frühling im Herbst
Inge hat Schmetterlinge im Bauch, hat sich Hals über Kopf verliebt. Und sie geht auf die siebzig zu, ist seit 30 Jahren mit Werner verheiratet. Ihr neuer Freund ist fast 80 – die Probleme nehmen ihren Lauf, als Inge ihre Affäre nicht länger verheimlichen will. Minimalistisches Liebesdrama.
Sie singt im Frauenchor, verdient sich ein kleines Zubrot mit Änderungsschneidereien und geht am Sonntag mit ihrem Ehemann Werner auf Zugfahrt ohne Ziel, einfach, weil die Landschaften an den Bahngleisen viel schöner sind als die an den Autobahnen. Und dazwischen hat Inge leidenschaftlichen Sex mit Karl, der schon fast 80 Jahre alt ist und die besten Witze über Sex in diesem fortgeschrittenen Alter zu erzählen weiß. Nicht nur das Tabuthema Sex im Alter greift Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) in seinem neuen Film auf, der in Cannes dieses Jahr in der Reihe „Un certain regard“ mit dem Hauptpreis „Coup de CÅ“ur du Jury“ ausgezeichnet wurde, sondern mit dem Fremdgehen im Alter gleich noch ein zweites. In seinen letzten Filmen hatte sich Dresen mit Arbeitslosigkeit in der Mitte des Lebens beschäftigt und mit den verschiedenen Formen der Midlife Crisis, die damit einhergehen. Hier sind seine Protagonisten im Herbst des Lebens angelangt und beginnen wieder wie Teenager zu fühlen.
Dresens Inszenierungsstil ist auch hier wieder sehr zurückgenommen. Auf einen Soundtrack hat er verzichtet, auch ein striktes Drehbuch lag nicht vor, sondern er ließ seine Hauptdarsteller die Geschichte entlang einiger grundlegender Richtlinien vor der Kamera improvisieren. Dazu wurden die drei Hauptfiguren mit einer ganzen Biografie ausgestattet, die im fertigen Film gar nicht explizit thematisiert wird, die aber ein starkes Gerüst für ein lohnenswertes dramaturgisches Konzept bot. Überhaupt haben Andreas Dresen und sein eingeschworenes Kreativteam hier weitgehend darauf verzichtet, das Geschehen mit zu vielen Nebengeschichten zerfransen zu lassen. Inges Tochter ist die einzige, der im Verlauf noch ein wenig Aufmerksamkeit zuteil wird, ansonsten beschränkt sich „Wolke 9“ ausschließlich auf die drei Charaktere, deren Leben von dieser neuen Liebeskonstellation unmittelbar betroffen sind. Dieser minimalistische, sehr reduzierte Stil lenkt das Interesse der Zuschauer sehr punktgenau auf das eigentliche Anliegen Dresens: sowohl Liebe als auch Sex im Alter mit dem gebührlichen Respekt zu thematisieren und mal auf ein von der Gesellschaft verdrängtes Tabu hinzuweisen. Die drei fantastischen Hauptdarsteller, die in erster Linie durch ihre Bühnenarbeit sowie einige DDR-Filme und frühe Werke Dresens bekannt sind, haben keine Berührungsängste hinsichtlich der Nacktheit vor der Kamera und füllen ihre Charaktere mit einer zu Herzen und unter die Haut gehenden Aufrichtigkeit und Sensibilität. Dresen unterstreicht hier einmal mehr seine inszenatorische Klasse.
D 2008. Regie und Buch: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche, Laila Stieler, Jörg Hauschild. Kamera: Michael Hammon. Schnitt: Jörg Hauschild. Produktion: Rommel Film, rbb, arte. Mit: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi Kühnert. Senator. 98 Min. Ab 4. September 2008 im Kino.
Wolke 9 – Frühling im Herbst wurde bearbeitet von Frank Brenner • Permalink • Kommentar schreiben »














Sonja zu dem Thema:
Ich habe ein gutes Interview mit Andreas Dresen gefunden: Andreas Dresen
Freitag, 17 Oktober 2008 @ 10:53pm