Hollywood an der Ruhr – Zur Eröffnung der Ruhrfestspiele 2009
Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen (http://www.ruhrfestspiele.de/) boten in den vergangenen Jahren schon des Öfteren Hollywoodstars aus allernächster Nähe, wenn sich auf der Bühne des großen Hauses des Festspielhauses Größen wie Kevin Spacey und Jeff Goldblum die Klinke in die Hand gaben. So hat man auch in diesem Jahr wieder Einiges an internationaler Prominenz für die sechs Veranstaltungswochen aufgeboten, die 2009 passenderweise unter dem Motto „A World Stage“ stehen. Zur Eröffnung am 3. Mai brachte man in Zusammenarbeit mit dem BAM New York, dem Old Vic Theatre London und den Neal Street Productions „The Bridge Project: Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow auf die Bühne. In der Inszenierung des gefeierten britischen Theaterregisseurs Sam Mendes, der vor zehn Jahren mit seinem Kinodebüt „American Beauty“ direkt den Regie-Oscar einheimsen konnte, trat hier ein hochkarätiges angloamerikanisches Ensemble auf, dessen prominentestes Zugpferd fraglos Ethan Hawke sein dürfte. Der 38jährige Mime hat nach seinem internationalen Durchbruch im „Club der toten Dichter“ in einer Vielzahl unterschiedlicher Filmrollen überzeugt, vom Liebesdrama „Before Sunrise“ über den philosophischen Science-Fiction-Thriller „Gattaca“ bis hin zum aktuellsten Werk von Regielegende Sidney Lumet, „Tödliche Entscheidung“. Auf der Großen Bühne der Ruhrfestspiele ist Hawke nun an der Seite von Sinéad Cusack („Tödliche Versprechen“) und Rebecca Hall („Vicky Cristina Barcelona“) im letzten Stück des russischen Dramatikers Anton Tschechow zu sehen, der kurz nach Fertigstellung im Jahr 1904 verstarb.
„Der Kirschgarten“ handelt vom Untergang einer aristokratischen russischen Familie, die sich nach Jahren der Verschwendungssucht mit der Zwangsversteigerung ihres Anwesens und der damit einhergehenden Abholzung des Kirschgartens auseinandersetzen muss. In diese Thematik hat man zur Uraufführung vielfach den körperlichen Verfall Tschechows durch seine Tuberkulose-Erkrankung hineininterpretiert. In der heutigen Zeit liegt die Parallele zur Finanzkrise nahe, wenn das gesicherte Leben in Saus und Braus plötzlich in die Unsicherheit und Ungewissheit abdriftet. Doch in Sam Mendes’ Inszenierung stecken diese Assoziationen lediglich zwischen den Zeilen, weil er sich bei dem Vierakter betont klassisch gibt. Die vier Bilder im Schlafzimmer, im Garten, im Ballsaal und in der Empfangshalle sind ebenso vorlagentreu gehalten wie die Kostüme und die englischen Dialoge, zu denen es eine deutsche Übertitelung gibt. Diese Werktreue hinterlässt bei einem Regisseur wie Sam Mendes einen etwas schalen Nachgeschmack, weil man hier gerne etwas mehr Innovation oder Einfallsreichtum gesehen hätte. Optisch am stärksten ist der dritte Akt nach der Pause, dessen originelle Ausleuchtung die Schatten der Protagonisten als übergroße Abbilder auf die schlichte weiße Rückwand der Bühne wirft. Gerade der Eröffnungstanz des gesamten Ensembles erhält hier eine sehenswerte Dynamik und visuelle Verspieltheit, die man auch aus Mendes’ filmischen Arbeiten kennt. Doch auch das fesselnde Spiel einer durchweg erstklassigen Darstellerriege lohnt den Abstecher an die Ruhr. Dort wird „Der Kirschgarten“ noch bis zum 6. Mai aufgeführt und im Anschluss am 9. Mai von einer weiteren Produktion des gleichen Ensembles abgelöst: Mit „The Bridge Project: Ein Wintermärchen“ bringt Sam Mendes mit seinen New Yorker und Londoner Darstellern dann ein spätes Stück des britischen Barden William Shakespeare auf die Bühne des Recklinghausener Festspielhauses.
Auch in den folgenden Wochen geht es bei den Ruhrfestspielen hochkarätig weiter. U.a. stehen zum 160. Geburtstag des schwedischen Autors August Strindberg die Stücke „Ein Traumspiel“ von Festspielleiter Frank Hoffmann sowie seine Inszenierung des Maximilian-Schell-Abends „Lieben Sie Strindberg…“ auf dem Programm. Nordisch angehaucht schließen „Der Prinz von Dänemark“ mit TV-Lästermaul Harald Schmidt und zwei Stücke aus der Feder des Norwegers Henrik Ibsen an, „Peer Gynt“ in der Fassung des Münchner Volkstheaters mit Maximilian Brückner und „John Gabriel Borkman“ mit Josef Bierbichler und Angela Winkler in den Hauptrollen.
Aber auch fernab der etablierten Ruhrfestspiele buhlt ein neues Theaterfestival an der Ruhr mit großen Namen um seine Aufmerksamkeit: Ab dem 19. Juni lässt das Schauspielhaus Bochum für zwölf Tage seine Spielzeit 2008/09 mit internationalen Gastspielen bei „K 15 – Bretter, die die Welt verleugnen“ ausklingen. Die medienwirksamste der achtzehn anstehenden Produktionen dürfte dabei die Deutschlandpremiere von Peter Sellars’ Inszenierung von Shakespeares „Othello“ sein. Denn in der Rolle von Othellos Gegenspieler Jago wird vom 25. bis 28. Juni Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman („Capote“, „Glaubensfrage“, „Magnolia“) ins Große Haus an der Königsallee 15 kommen. Eine weitere günstige Gelegenheit für die Menschen in NRW also, einen wahren Könner seines Fachs mal live und aus nächster Nähe zu erleben (http://schauspielhausbochum.de/festival/).
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