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Interview mit Bernardo Bertolucci: Gefühl und Verführung

"In diesem Film gab es viele Überraschungen." Bernardo Bertolucci ist Regisseur der italienisch-französischen-englischen Koproduktion Gefühl und Verführung. Frage: Sie haben während der ...

* 16. März 1941 in Parma, Emilia-Romagna, Italien Regisseur, Produzent Geboren in Parma, lernte Bernardo Bertolucci während seines Studiums der Literaturwissenschaften an der Philosophischen Fakultät Rom Pier Paolo Pasolini kennen. Der Student Bernardo Bertolucci assistierte dem ... [komplette Biografie]

Interview mit Bernardo Bertolucci


"In diesem Film gab es viele Überraschungen."

Bernardo Bertolucci ist Regisseur der italienisch-französischen-englischen Koproduktion Gefühl und Verführung.

Frage: Sie haben während der Dreharbeiten gesagt, Sie könnten nur über ein Projekt sprechen, wenn Sie den fertigen Film haben. Entwickeln Filme ein Eigenleben?

Bernardo Bertolucci: Wenn man einen Film dreht, hat man ein Gefühl, als ob man ein Segelboot manövriert. Wenn man es aufs Meer setzt, muss man sich auf den Wind verlassen - bei einem Film muss man sich auf die Kreativität aller Mitarbeiter am Set verlassen. Ich bin mehr und mehr überzeugt, dass ein Film nicht das Werk einer einzigen Person ist. Es wird viel über den Macher eines Filmes geredet, und ähnliches habe auch ich gedacht, als ich vor langer Zeit anfing, Filme zu drehen.

Aber mit meiner jetzigen Erfahrung bin ich überzeugt, dass Filme von sich aus viel empfindlicher sind, als es Kodak auf die Schachtel schreibt. Eine Aufnahme vermag nicht nur die Gefühle des Schauspielers vor der Kamera, sondern auch die all jener drumherum zu absorbieren. Ich traf einmal Jean Renoir, und was er mir unter anderem sagte, war: "il faut toujours laisser une porte ouverte" - "du musst am Set immer eine Tür offen lassen", denn eines Tages, wenn du es überhaupt nicht erwartest, wird jemand unerwartet dazustoßen, und das ist dann die Realität, die ins Kino einbricht.

Lao Tze hat gesagt: "Der, der einen Film dreht, redet nicht. Der, der redet, dreht keinen Film."

Frage: Wie gestalteten sich die Dreharbeiten in der Toskana?

Bernardo Bertolucci: Zu den Schauspielern habe ich ein sehr intensives Verhältnis. Normalerweise suche ich sie nicht nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie unbedingt den geschriebenen Figuren gleichen müssen. Fast schon das Gegenteil. Ich will, dass die geschriebenen Charaktere zu den realen Menschen vor der Kamera werden, weil man die Kamera nicht belügen kann. Jede Figur ist unvorhersehbar, weil der reale Mensch vor der Kamera seine eigenen Erfahrungen und Geheimnisse einbringt.

Ich bin der Ansicht, dass man eine Art Psychoanalytiker, ein Beichtvater wird, wenn man anfängt, ein Verhältnis zu seinen Schauspielern aufzubauen. Jemand, der das Recht hat, diese Figuren vor seiner Kamera bis ins tiefste Innere zu untersuchen. Am Ende des Drehs sind da mehr Fleisch und Blut. In diesem Film gab es viele solcher Überraschungen. Weil - wie eine der Figuren im Film bemerkt - diese Leute an einer Art isoliertem Ort leben, umgeben von einer unsichtbaren Chinesischen Mauer, die aus Schönheit gemacht ist und von Schönheit infiltriert wird. Der Schönheit der Landschaft, so wie sie auf Gemälden von Sienna zu sehen ist, und natürlich der Schönheit von Liv Tyler selbst.

Frage: Welche Idee von Diebstahl verbirgt sich hinter dem Originaltitel "Stealing Beauty"?

Bernardo Bertolucci: Eine ziemlich allgemeine. Ein Maler, der ein Gesicht oder eine Landschaft porträtiert, stiehlt die Schönheit der Person, bzw. der Natur. Ebenso wird dem Mädchen, das als Teenager von New York in die Toskana kommt und sie als Frau wieder verläßt, etwas gestohlen.

Frage: Was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?

Bernardo Bertolucci: Meine letzten drei Großproduktionen waren sehr ambitioniert, sowohl was die Bandbreite der Produktion als auch die Inhalte anging. Danach wollte ich etwas Kleineres, Frischeres machen, mit einer Art Tschechovschen Atmosphäre. Aus diesem Grund stellte ich es mir interessant vor, die Geschichte eines zur Frau reifenden Mädchens zu erzählen. Und damit gegen das anzuarbeiten, was so etwas wie mein Markenzeichen des Filmemachens geworden ist - große Produktionen, historische Themen, ein existentieller oder religiöser Zugang.

Ich gebe mir immer große Mühe, hinsichtlich der Thematik nicht der Sklave meines zuletzt gedrehten Filmes zu werden. Manchmal sehe ich große Regisseure, die immer wieder den gleichen, erfolgreichen Weg beschreiten: die gleiche Atmosphäre, die gleiche Art Geschichte. Ich versuche nach wie vor, verschiedene Welten in meinen Filmen zu entdecken. Außerdem hat die Höhe des Budgets natürlich eine Auswirkung auf den Prozeß des Filmens. Mit einem kleineren Budget kann man sich viel agiler bewegen.

Frage: Wie haben Sie Liv Tyler gefunden?

Bernardo Bertolucci: Geholfen hat mir Casting - Direktor Howard Feuer. Ich habe mir eine Vielzahl amerikanischer Mädchen angesehen, denn die Figur sollte aus den Staaten sein. Zuerst versuchte ich mein Glück in L.A., wo ich aber zu viele dieser perfekt geschminkten, wenig natürlichen "Valley - Girls" sah.

Weil Susan Minot, die Drehbuchautorin, von der Ostküste kommt und ihre Figur Lucy ein Mädchen aus New York ist, sind wir eben dahin gefahren. Liv war das erste Mädchen, das ich dort sah, und ich war sofort überzeugt, dass sie die Richtige für die Rolle ist. Das habe ich ihr aber nicht erzählt - zuerst musste ich Erkundigungen einholen, aber ich war mir meiner Sache schon sehr, sehr sicher. Das erlebe ich eigentlich jedes Mal, wenn ich einen Film besetze.

Wenn das Gefühl in den ersten 30 Sekunden gut ist, weiß ich, dass ich auf der richtigen Spur bin. Was ich allerdings bei unserem ersten Treffen nicht wußte, ist, dass Liv ein unglaubliches Gefühl für die Kamera hat. Bei ihr wird die Kamera so etwas wie ein unsichtbarer Partner. Außerdem hat Liv etwas von einem Schwamm; sie will alles in sich aufsaugen und lernen. Sie ist voll von Ideen. Man kann sie über ihr Gesicht ziehen sehen wie Wolken vor dem Mond.

Frage: Waren Sie über die Ähnlichkeiten zwischen Liv und ihrer Figur der Lucy im Bilde?

Bernardo Bertolucci: Erst nach dem Casting. Sie hat mir erzählt, dass sie erst mit neun Jahren rausgefunden hat, dass der Mann, den sie solange für ihren Vater gehalten hatte, gar nicht ihr biologischer Vater war.

Frage: Wann haben Sie zuletzt in Italien gefilmt?

Bernardo Bertolucci: Mein letzter italienischer Film war "Die Tragödie eines lächerlichen Mannes" aus den Jahren 1980/81. In den darauffolgenden Jahren vagabundierte ich durch China, die Sahara und den Fernen Osten. Dieser Film handelt aber nicht von Italien, sondern von einer Gruppe von Leuten, die Italien lieben und in einer Art kosmopolitischen Gemeinschaft in einem Haus auf einem toskanischen Hügel leben. Es gibt schon Italiener in dem Film, aber es geht nicht um die derzeitigen Zustände und Unruhen in diesem Land. Für mich war es eine vorsichtige Heimkehr.

Frage: Erzählen Sie uns etwas über die Figuren.

Bernardo Bertolucci: Der Film hat auch leichte komödiantische Töne, um die Balance zur Figur des todkranken Schriftstellers Alex (Jeremy Irons) halten zu können. Alex ist sehr krank und verbringt die letzten Wochen vor seinem Tode bei Freunden. Hier trifft er Lucy (Liv Tyler), die eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft auf ihn ausübt und ihn durch ihre Art bewegt. Als er von ihrem Geheimnis erfährt, hier in der Toskana ihre Jungfräulichkeit loswerden zu wollen, hat das eine starke wiederbelebende Wirkung auf ihn; er ermutigt sie vehement, endlich ihre ersten Erfahrungen zu machen.

Interessant ist die Tatsache, dass er gerade dann stark zu verfallen beginnt und uns Krankenhausmuss, als er glaubt, Lucy hätte endlich diesen entscheidenden Schritt gemacht. Das ist ein bißchen so, als hätte er urplötzlich die Motivation verloren, sich ans Leben zu klammern. Was Ian, den Bildhauer im Film angeht, war ich schon fast verzweifelt, nicht den geeigneten Schauspieler zu finden. Ich hatte viele gesehen, konnte aber keinem so recht den Künstler abnehmen - entweder waren sie zu schön oder zu klischeehaft "künstlerisch". Dann sah ich Donald McCann auf der Bühne. Er erinnerte mich an einen Strafgefangenen, und da wußte ich, dass ich ihn gefunden hatte. Er war wild, geheimnisvoll und ständig in eine gewisse Gefährlichkeit eingehüllt.

Die Idee von dem Künstler-Kriminellen gefiel mir sehr. Donald ist Ire, und zufälligerweise habe auch ich ein Viertel irisches Blut in mir. Meine Großmutter hieß Evelyn Milligan. Sinead hatte ich ausgesucht, bevor ich Jeremy gecastet habe. Ich wollte jemand Bodenständiges, eine Frau, die im Gegensatz zu ihrem Künstler - Ehemann gut mit dem wirklichen Leben zurechtkommt und viel Wärme ausstrahlt. Ich glaube, manchmal ist es wichtig, weit weg von deinen Wurzeln zu sein, um sie zu erkennen. Das passiert Sineads Figur.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Susan Minot, der Drehbuchautorin?

Bernardo Bertolucci: "Gefühl und Verführung" ist die Geschichte eines amerikanischen Mädchens - von daher lag es nahe, eine amerikanische Frau als Drehbuchautorin auszuwählen. Ich hatte vorher ihren Roman "Monkeys" gelesen, der mir sehr gefiel. Wir haben zusammen über ein Jahr an dem Skript gearbeitet. Das Schwierige daran war, diese Leichtheit hineinzubringen, die diesen Film von meinen anderen unterscheidet. Susan mag Lyrik - ich vermute, dass sie heimlich selbst sehr schöne Gedichte verfaßt - und deshalb beschlossen wir, dass die Mutter des Mädchens Dichterin ist.

Genauso wie Lucy selbst kleine Verse schreibt, die sie später verbrennt oder in Fetzen zerreißt und in den Wind wirft. Susan hat einen Ruf als Minimalistin, während ich mich mehr zu italienischem Barock und zum Melodrama hingezogen fühle. Deshalb war die Zusammenarbeit mit ihr so faszinierend - die Herausforderung, aus einem Drehbuch, das leicht sehr sachlich - ökonomisch hätte werden können, ein Skript voller Poesie zu gestalten. (DJFL)


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