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Interview mit Bertrand Tavernier: Der Lockvogel

Bertrand Tavernier führt Regie in dem Film Der Lockvogel. Frage: Vor dem Film Der Lockvogel gab es einen realen Fall, dann das Buch von Morgan Sportes: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihrem Film ...

* 25. April 1941 in Lyon, Frankreich, Regisseur, Autor, Produzent 1941 in Lyon geboren, wuchs der Sohn eines Schriftstellers und Verlegers in Paris auf. Seine Passion war und ist das Kino. Seit der Kindheit ein leidenschaftlicher Kinogänger, gab er das Jurastudium auf und arbeitete Ende der ... [komplette Biografie]

Interview mit Bertrand Tavernier


Bertrand Tavernier führt Regie in dem Film Der Lockvogel.

Frage: Vor dem Film Der Lockvogel gab es einen realen Fall, dann das Buch von Morgan Sportes: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihrem Film und diesen Quellen?

Bertrand Tavernier: Der Fall Valérie Subra hatte Colo Tavernier O'Hagan fasziniert. Sie hatte den Prozeß verfolgt und in seiner dramatischen Entwicklung und in seinen Verwicklungen ein potentielles Filmthema gesehen. Colo fand besonders wichtig, dass Menschen, die einzeln niemals einer Fliege etwas zuleide tun würden, zusammen entgleisen und all ihre moralischen Bremsen verlieren, als würde ihr Zusammensein ihr Verantwortungsgefühl löschen und sie zu Ausgleitungen ermutigen.

Ich habe schon früher Polizeimeldungen benutzt, in "Der Uhrmacher von Saint-Paul" und "Der Richter und sein Mörder".

Ich habe die Rechte für das Buch von Morgan Sportes gekauft. Es handelt sich um eine genaue Dokumentation des Falles mit spannenden Einzelheiten. Colo Tavernier hat eine erste Drehbuchfassung geschrieben, mit ihren Erinnerungen an den Prozeß und den Fakten aus diesem Buch ... danach haben wir zusammen mit großer Leidenschaft eine zweite Fassung geschrieben.

Frage: Was haben Sie in der zweiten Fassung geändert?

Bertrand Tavernier: Ich habe Colo gesagt, man muss freier mit der Realität umgehen, den Fall in der Zeit verschieben. Was in 1984 eine Ausnahme war, ist jetzt beinahe - ich zögere ein wenig, dieses Wort zu benutzen - "alltäglich" geworden. Dieses Jahr hat es hier mindestens vier oder fünf ähnliche Fälle gegeben. Manchmal, selten, ist das Drehen eines Filmes eine Frage von Leben oder Tod. Ich weiß schon, dass es übertrieben klingt, aber so ist es mir mit dem Lockvogel ergangen. Ich musste diesen Film drehen, weil ich reagieren musste gegen die ständige Aggression der Diktatur des Geldes, gegen dieses Gefühl kollektiver Resignation, gegen das Schwinden der moralischen Werte.

Frage: Was sind die Unterschiede zu dem realen Fall?

Bertrand Tavernier: Zuerst die Zeitverschiebung. Das hat die Dialoge geändert. Dann die immer größer werdende Bedeutung von Amerika in der Bilderwelt der Jugendlichen. Früher war es nur ein faszinierender Traum, heute ist es ein Zwang: Auf allen Ebenen, kulturell, sozial und ideologisch, muss man sich auf Amerika beziehen.

Wir haben den sozialen Hintergrund der Protagonisten übernommen. Ich habe den Prozeß weggelassen, dafür im ersten Drittel die Beziehungen und Konflikte zwischen den Protagonisten vertieft und sie in ihrem Alltag gezeigt. Da habe ich Einzelheiten, die Morgan Sportes beschrieben hat, übernommen.

Frage: Man hat den Eindruck, dass Sie sich um die Person von Eric weniger bemühen ...

Bertrand Tavernier: Weil er der Anführer ist. Aber auch er zögert, hat Brüche, spürt Zärtlichkeit. In manchen Momenten ist es ihm zuviel, er möchte aufhören. Aber er ist in seiner "Anführerrolle", die er sich selber auferlegt hat, gefangen.

Ich versuche, die Personen frei zu betrachten, ohne Vorurteil. Ich möchte, dass man sich ihnen nahe fühlt, dass man ihre Gefühle versteht, ohne sie je zu entschuldigen.

Sie selber lösen den Vorgang aus, der sie zerstören wird, durch ihre Dummheit, ihre Naivität, ihren Mangel an Verantwortung, oder weil sie gefangen sind von einer Scheinwelt, von Bildern, die nichts mit dem realen Leben zu tun haben.

Frage: Der Film zeigt eine bestimmte Verwandlung der Gesellschaft ...

Bertrand Tavernier: Ja, die Werbung, das Fernsehen und ganze Teile der Kultur beruhen nur auf Geld und Erfolg und vermitteln jedem das Bild einer reichen Gesellschaft, auch den Außenseitern, die arbeitslos sind, sich wertlos und nicht existent fühlen, weil ihnen die Bestätigung des Geldes fehlt. Ich sage nicht, dass wir keine Verantwortung tragen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle Geländer abgeschafft sind, die Erziehung, Religion, politischer Einsatz, gewerkschaftliches Engagement und Familie bilden konnten. Übrig bleibt nur die Lust am Verhöhnen und eine vage In-Frage-Stellung der etablierten Gesellschaft, wie in dieser Jugendzeitschrift mit dem Titel "Wie betrügt und beklaut man seine Eltern", oder dieser Radiomoderator, der sagt "Einen Bullen umzubringen ist geil" ...

Frage: Die Filmpersonen sind aktuell, ohne zu Symbolen zu werden.

Bertrand Tavernier: Ich hasse Klischees. Es stimmt, dass die drei Hauptpersonen keine Einzelfälle sind. Sie funktionieren nach einer herrschenden Stimmung, die verheerend ist und sie zum Entgleisen verführt. Aber ihr Geschmack, ihre Leitbilder, ihr Mangel an moralischen Kriterien kommen von den Erwachsenen, und ihre Zerbrechlichkeit wird von ihren Ängsten verschlimmert.

Frage: Der Filmrhythmus ...

Bertrand Tavernier: Jeder Film ist eine Reise, ich hasse Pauschalreisen, bei denen man beim ersten Bild weiß, wohin man fährt. Heute muss man sich die Frage nach dem Rhythmus stellen, besonders wegen der allgemeinen Niedergeschlagenheit. Man darf nicht einfach die Leichen im Fluß vorbeiziehen lassen. Man muss handeln, Pflastersteine in diesen Fluß werfen, damit sich der Zorn und die Leidenschaft auf die Zuschauer übertragen.

Seit "Das Leben und sonst nichts" möchte ich, dass meine Filme schnell und atemlos werden, mit Szenen, die abrupt enden. Hier dreht alles durch.

Frage: Erzählen Sie uns etwas über Ihre jungen Schauspieler!

Bertrand Tavernier: Ich habe es geliebt, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Ich finde sie phantastisch. Marie Gillain, das ist die Wahrheit pur, 24 mal pro Sekunde. Im Leben ist sie weit entfernt von Nathalie, aber sie hat sie mit einer außerordentlichen Tiefe und Ehrlichkeit gespielt. Seit ich ihr bei einem Festival in Japan begegnet bin, habe ich gewußt, dass ich einen Film mit ihr machen muss. Außerdem hat sie sich bestens mit Olivier Sitruk und Bruno Putzulu verstanden, und das spürt man in jeder einzelnen Szene. Ich könnte stundenlang über Marie, Olivier und Bruno schwärmen. Ich war glücklich beim Drehen. Wenn man sich mit Abgründen beschäftigt, ist das noch lange kein Grund, sich hineinzustürzen.

Die Schauspieler durften nichts über den Fall lesen oder versuchen, die Realität nachzuahmen. Ich wollte die Personen neu erfinden. Und die Opfer auch. Seit langem wollte ich mit Richard Berry zusammenarbeiten. Ich wußte, dass er einen erschüttern konnte. Patrice Duclas war mit in "La Sentinelle" aufgefallen, Clotilde Courau, eine wunderbare Schauspielerin, in "Der kleine Verbrecher". Marie Ravel ist genau wie Olivier Sitruk von Shula Siegfried entdeckt worden. (DJFL)


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