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Interview mit Bertrand Tavernier: Es beginnt heute

Bertrand Tavernier führt Regie in dem Film Es beginnt heute. Frage: Diesen Film zu machen hatte offensichtlich einen nachhaltigen Effekt auf ihre Schauspieler und Mitarbeiter, wie ist das mit Ihnen ...

* 25. April 1941 in Lyon, Frankreich, Regisseur, Autor, Produzent 1941 in Lyon geboren, wuchs der Sohn eines Schriftstellers und Verlegers in Paris auf. Seine Passion war und ist das Kino. Seit der Kindheit ein leidenschaftlicher Kinogänger, gab er das Jurastudium auf und arbeitete Ende der ... [komplette Biografie]

Interview mit Bertrand Tavernier


Bertrand Tavernier führt Regie in dem Film Es beginnt heute.

Frage: Diesen Film zu machen hatte offensichtlich einen nachhaltigen Effekt auf ihre Schauspieler und Mitarbeiter, wie ist das mit Ihnen selbst?

Bertrand Tavernier: Während ich einen Film drehe, versuche ich eine kritische Distanz zu bewahren. Auch wenn mich eine bestimmte Szene oder eine Schauspielerische Leistung bewegt, so versuche ich doch, mich nicht von starken Emotionen beeinflussen zu lassen, obwohl es Augenblicke gegeben hat, die mich sehr stark berührt haben. Wenn die dramatische Struktur sehr offen ist, speziell bei einem Film wie diesem, tendiere ich dazu, zu zweifeln. Wir veränderten während der Dreharbeiten laufend das Buch, wir schrieben am Set völlig neue Szenen (zum Beispiel die DisKusssion über Gewerkschaften oder Valerias Geschenk für Daniel), und einige der Dialoge wurden von den Schauspielern einfach improvisiert. Während der Schneidearbeiten schob ich Sequenzen hin und her, wie ich es auch bei L. 627 getan habe ...

Doch habe ich dabei nie die übergreifende Vision dieses Films aus den Augen verloren. Es war eine große Erleichterung, dass ich vor diesem Film schon Dokumentarfilme und historische Drama gemacht habe: Es half mir, den Überblick zu bewahren und auch, einen Blick von innen auf die Dinge zu bekommen. Ich musss zugeben, dass ich sehr bewegt und fasziniert war, nachdem ich den Film zum ersten Mal nach der Fertigstellung sah. So viele Menschen haben so offen etwas von sich selbst für diesen Film gegeben ...

Frage: Die dramatische Struktur, die Sie benutzen, ist sehr ungewöhnlich, wenn nicht sogar eine Novität: Die Stimmung insgesamt ist realistisch, wobei der Begleitkommentar ganz bewusst poetisch gehalten ist.

Bertrand Tavernier: Diese Art des Kontrasts habe ich schon in Des enfants gates ausprobiert. Der Film bestand aus Interviews mit Kindern und einem Gedicht am Ende. Ebenso probierte ich es in Une semaine de vacances, dort wiederholen Kinderstimmen Sätze, die immer mit "Er hat Angst" oder "Ich habe geträumt" beginnen. Doch in diesem Film bin ich sehr viel weiter gegangen. Die Texte von Dominique Sampiero und Tiffany werden selbst zu einem Charakter, einer der wichtigsten Stützen des Films. Sie halfen mir diesem Film zu schaffen, der ja keinen konventionellen dramatischen Inhalt hat. Und es half mir, den Film vom Naturalismus wegzulenken.

Seitdem ich begonnen habe, Filme zu machen, habe ich nach einem gewissen erzählerischen Freiraum weit weg von dramatischen Regeln und dem Diktat der Handlung gestrebt und diesen Freiraum mal mehr, mal weniger, erreicht. Ich benötige eine Geschichte, eine dramatische Entwicklung und zwar eine, in der Emotionen der Schlüssel sind. In allen meinen neuen Filmen war der wahre (und einzige) Motor, der die Handlung voran getrieben hat, das Verständnis von und unser Beziehung zur Arbeit (die Arbeit von Polizisten, vom Militär, sogar die der jungen Erwachsenen in L'Appat). So, wie jemand in Beckers Casque D'or sagt: "Arbeit, Arbeit, hämmern, hämmern." Das ist es was die Charaktere wirklich motiviert und die Ereignisse katalysiert, ob sie nun komisch oder dramatisch sind.

Frage: Fast alle Ihre Filme haben eine soziale Resonanz, quasi einen politischen Standpunkt, der Ihre Überzeugungen durchschimmern lässt.

Bertrand Tavernier: Meine Überzeugungen schon, aber ich möchte dem Publikum nicht eine bestimmte Botschaft aufzwingen. Ich bin aufgebrochen, ein Universum zu erkunden, einen historischen Moment, ohne irgendwelche vorgefertigten Ideen zu haben. Als ich damit begann, die Drehbücher für Es beginnt heute und L. 627 auszuarbeiten, wusste ich am Anfang nicht, wie das Ergebnis aussehen würde, welche Dinge passieren würden. Die Filme zehren von meinem Erstaunen, meinem Zorn, meinen Gefühlen, meinem Lachen ... Sie sind so undidaktisch, dass ich sehr oft das Ende während der Dreharbeiten verändere. Un Dimancha la campagne, Une semaine de vacances, La vie et rien d'autre, L. 627 und Ca commence aujourd'hui enden alle völlig anders, als im Drehbuch vorgesehen war.

Ich möchte mit meinen Filmen nichts beweisen oder systematisch Institutionen angreifen. Mein Hauptinteresse gilt den Charakteren, die ich liebe, und ich möchte das Publikum dazu bewegen, dass es sich ebenso um sie sorgt ...Ich bin interessiert an Menschen, die kämpfen, die versuchen, die Dinge um sich herum zu ändern (auch wenn sie während dieses Prozesses Fehler machen), und die ihren Job gut machen ... Ich weiß niemals, wohin ich gehen werde, wenn ich einen Film beginne ... Soviel zu Filmen mit einer Botschaft ... Ich weiß, es gibt einige Menschen, die mir sagen, dass dies zur Zeit nicht die Art von Film ist, die wir drehen sollten, es ist nur ein paar Jahre her, dass französische Filmemacher kritisiert wurden, sich nicht mit realen Problematiken zu beschäftigen und jetzt scheint es, als ob die Wirklichkeit unmodern geworden sei. Was vor drei oder vier Jahren als löblich galt hat, nun eine negative Konnotation. Ein soziales Subjekt ist plötzlich soziologisch. Die Leute fangen an, in Ken Loachs Anti-Liberalismus christliche Akzente aufzuspüren.

Mein Verständnis von Kino beinhaltet die Arbeit von Erick Zonca, Manuel Poitier und Herve Le Roux genauso wie die von Pascal Bonitzer, Claire Denis, Eric Rohmer und Robert Guediguian, Ken Loach und auch Clint Eastwood oder John Ford. Ebenso beinhaltet es die Art, Filme zu machen, die zurückgreift auf die Brüder Lumiere und die Welt so zeigt, wie sie ist. In meinem fall umfasst das Spektakel wie Caiptain Conan genauso wie Filme wie Es beginnt heute und De l'autre cote du perihp.

Als ich begann, das Drehbuch mit Dominique und Tiffany zu schreiben, habe ich nicht zu mir gesagt: "Nun werde ich das nationale Bildungssystem angreifen." Nein, wir begannen mit ein paar einfachen, bewegenden Ereignissen - eine Frau bricht auf dem Schulhof betrunken zusammen und rennt ohne ihre Kinder fort; Madame Bry und ihre 30 Francs - und untersuchten die Auswirkungen auf unterschiedliche Charaktere. Es ist, als ob man einen Kieselstein in einen Brunnen wirft. Das erinnert mich an etwas, das Alberto Cavalcanti einmal gesagt hat: Wenn du gebeten wirst, die Geschichte der Post zu erzählen dann erzähle die Geschichte eines Briefes. Wenn du es richtig tust, wirst du wirklich die vollständige Geschichte der Post beschrieben haben.

Frage: Aber ihre Filme zielen darauf ab, bestehende Probleme und Ungerechtigkeit an die Öffentlichkeit zu bringen, sie kritisieren einen nicht funktionierenden Status Quo. Als sie diesen Film begannen, waren sie sich da im Klaren über die Probleme, die die Arbeitsweise des französischen Bildungssystems und der lokalen Behörden mit sich bringen würden?

Bertrand Tavernier: Sehen Sie, ich höre tatsächlich Radio und lese hin und wieder Zeitung - ich bin nicht völlig zurückgeblieben (lacht). Aber es ist etwas anderes, Informationen aus zweiter Hand zu bekommen, als ein paar Monate zu investieren und mit wirklichen Lehrern zu leben und zu arbeiten. Zum Beispiel habe ich einige Zeit mit Polizisten gelebt, während ich L. 627 geschrieben habe ... Die Überraschungen bei den Vorbereitungen und den Drehabreiten zu Es beginnt heute nahmen kein Ende ... Ich habe Appartments und Wohnungsprojekte gesehen, die weitaus abgerissener waren, als alles, was ich in Rumänien oder den Vororten von Glasgow gesehen habe. Das Projekt "Grands Pechers" in Montreuil war dagegen ein Vier-Sterne Hotel. Lehrer, Direktoren und Sozialarbeiter erzählten mir entsetzlich, herzzerreißende, urkomische und ausweglose Geschichten. Aber dann gab es da auch noch den Kontakt mit den Menschen im Norden, den Bewohnern der Bergarbeiterdörfer, die so voller Wärme und Gastfreundschaft waren.

Der Prozess, einen Film zu schreiben und dann Regie zu führen, ist eine Entdeckungsreise, ein Abenteuer ... nicht eine Tour mit Reiseleitung. Hier, wie auch in all meinen anderen Filmen, habe ich meinen Teil an dramatischen Entdeckungen und wunderbaren Überraschungen mitbekommen. Die Zeit mit Dominique Sampiero, Michele Niewrzeda, den Müttern und Kindern zu verbringen, ist etwas ganz anderes, als einen Zeitungsartikel zu lesen.

Frage: Es ist schmerzhaft mitanzusehen, wie machtlos die Lehrer angesichts so vieler Probleme sind. Wie unbedeutend ihre strikt auf die lokale Ebene beschränkten Anstrengungen erscheinen.

Bertrand Tavernier: Trotzdem schaffen sie es, aufzurütteln und sie feiern auch ihre kleinen Siege: wie die medizinische Untersuchung für Vierjährige, für die Daniel kämpft, das Kind, das die Behandlung erhält, das kleine Mädchen, das in die Grundschule kommt, Daniels Entscheidung, während der Schulfeier nicht zu kündigen. Es sind diese kleinen Siege, die es den Dingen ermöglichen, sich zu entwickeln, auch wenn der Preis hoch ist. Wie schon Orwell sagt; "Revolution heißt zu allererst, die Menschen dazu zu bringen, dass sie zugeben, dass zwei und zwei gleich vier ist. Der Rest kommt von allein."

Ich denke, dass solche Charaktere - wie einige der Bewohner von "Grand Pechers", wie auch der Polizist, der von Didier Bezace in L. 627 gespielt wird - unsere einzige Hoffnung verkörpern. Sie sind mit Situationen konfrontiert, die wahrhaft hoffnungslos wären, würden sie die Dinge nicht am Laufen halten und gegen die Verzweiflung ankämpfen, auch wenn sie dabei Fehler machen oder am Ende doch scheitern. Es ist ihnen zu verdanken, dass einige Aspekte des Lebens und der Gesellschaft immer noch existieren. Sie sind diejenigen, die die Dinge wieder ins Lot bringen, obwohl die über ihnen stehenden Autoritäten entweder nicht zuhören oder sie mundtot machen wollen; die Politiker hassen sie und ignorieren ihre Nöte. Dies kann man sehr deutlich in De l'autre cote du periph beobachten. Wenn in einem Wohnprojekt nicht mit harten Drogen gehandelt wird, so ist dies ausschließlich auf die Anstrengungen zweier junger Bewohner zurückzuführen. Die Polizei hält es nicht für nötig, dort aufzutauchen, wenn es sich nicht mindestens um ein Kilo Drogen handelt. Daniel und Samia erreichen kleine, aber dennoch signifikante Siege.

Frage: Aber sie üben keinerlei Macht aus.

Bertrand Tavernier: Die Macht, die sie haben, ist, dass sie wissen, was läuft, ganz anders, als die Politiker, die ihnen mehr Respekt zollen und wesentlich bescheidener sein sollten. Die beiden machen ihren Job und erstreiten kurzzeitige Siege, na und? Wäre Ihnen lieber, sie geben ganz auf? Der ganze Film spricht aus, dass es niemals genug von solchen Menschen geben kann und dass ihren Meinungen mehr Beachtung geschenkt werden sollte, anstatt die Bedürfnisse von Lehrkräften einfach für andere Prioritäten beiseite zu schieben.

Bei allen beruflichen Auseinandersetzungen, an denen ich teilgenommen habe, wurden wir immer erst einmal als die Verlierer abgestempelt, man sagte uns, wir hätten keinerlei Chance, unserer Anstrengungen würden zu nichts führen.

Aber dennoch haben wir immer gewonnen ... Wir waren 66 Filmemacher und stellten uns gegen ein Gesetz, dass wir als beschämend empfanden. Zuerst wurden wir nicht ernst genommen, doch schauen Sie, wohin das geführt hat. Das gleiche passierte mit der A.M.I.. Jahrelang habe ich Menschen gesehen - Filmemacher, freiwillige Aktivisten, Eltern, Lehrer, einige Politiker, wie den Bürgermeister von Limeil Brevanne - die Politikern Unterricht in Gemeinschaftskunde erteilt haben. Doch immer noch wird versucht, diese Leute zum Schweigen zu bringen.

Frage: Wie haben Sie es geschafft, dass all die Laiendarsteller mit den professionellen Schauspielern so gut zusammenarbeiteten?

Bertrand Tavernier: Ich habe sie nicht als Amateure gesehen, sondern ihnen die gleiche Beachtung und Aufmerksamkeit geschenkt, wie den ausgebildeten Schauspielern. Auch bat ich die Schauspieler selbst, ihnen gegenüber sehr aufmerksam zu sein, eins mit ihnen zu werden. Die Schauspieler, die kleinere Rollen hatten, bat ich, einige Tage früher zu erscheinen, damit sie sich ganz in die lokale Atmosphäre einfühlen konnten. Die Laiendarsteller waren am Set immer herzlich willkommen, waren eingeladen, sich dort aufzuhalten und mit mir, den Drehbuchautoren oder den Schauspielern zu sprechen.

Dies war Teil der Herausforderung bei diesem Film. In meinen Augen war es ein Faktor, der ganz wesentlich zum Erfolg des Films beigetragen hat. Ich versuche immer, bestimmte Grundregeln für einen Film, den ich mache, aufzustellen. In Autour de minuit entschied ich mich beispielsweise dafür, wirkliche Jazz-Musiker zu engagieren, anstatt Schauspieler einzusetzen und die ganze Musik live aufzunehmen, damit der Geist des Jazz erhalten bleibt.

Als wir mit den Dreharbeiten begannen, erfuhren wir einige Überraschungen ... Ein oder zwei Leute duckten sich vor der Kamera, weil sie uns nicht stören wollten. Aber die Menschen bekamen schnell ein Gespür dafür und ich war sehr erstaunt, mit welcher Leichtigkeit und welchem Enthusiasmus die "Amateurschauspieler" das richtige Gefühl entwickelten. Die professionellen Schauspieler waren sehr aufmerksam und nahmen in gewisser Weise die Stichworte der Einheimischen auf. Viele von ihnen hatten schon vorher in Amateurtheatern im Norden gespielt (Marief Guitier, Veronique Ataly), oder kamen aus der Region (Nathalie Becue, Francoise Bette). Andere waren Mitglied in Didier Besaces Theatertruppe (Thierry Gibault, Daniel Delabesse, Gerard Cesbron). Betty Teboulle habe ich in einer Bühnenproduktion von Xavier Durringer gesehen ...

Ich habe es immer gemocht, Persönlichkeiten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen miteinander arbeiten zu sehen. Menschen, wie Dexter Gordon und Eddy Mitchell und Louis Ducreux, und all die Schauspieler, die ihr Filmdebüt in L. 627 und La vie et rien d'autre gaben. Mir war das Privileg vergönnt, einigen Schauspielern ihr Filmdebüt zu ermöglichen, wie Christine Pascal, Philippe Torreton, Bruno Putzulu, Charlotte Kady, Brigitte Rouän und, in diesem Film, Nadia Kaci und Maria Pitarresi, die beide großartig sind.

Frage: Wie gestaltete sich die Arbeit mit den Kindern?

Bertrand Tavernier: Sehr einfach! Wir haben nicht eine Filmklasse gecastet, sondern eine schon existierende Klasse gefilmt. So war ein Teil der Arbeit schon getan, bevor wir mit dem Dreh begonnen haben. Wir fuhren einige Male in diese Gegend und Philippe Torreton leitete sogar den Unterricht. Ihr eigentlicher Lehrer, Claude, sprach sehr ausführlich mit den Schülern über den Film. Wir haben sie sozusagen gezähmt und ich glaube, dass sie uns richtig lieb gewonnen haben, weil wir uns auch die Zeit genommen haben, um uns dessen sicher sein zu können. Wir musssten alles ihrem Tagesrhythmus anpassen, ihre Ruhepausen und ihr Durchhaltevermögen berücksichtigen. Das heißt, dass wir schnell arbeiten und immer Ersatzszenen in der Hinterhand haben musssten für den Fall, dass die Kinder müde wurden oder es Zeit war, dass ihre Eltern sie abholten. (DJFL)


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