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Interview mit Christian Carion: Eine Schwalbe macht den Sommer

Gespräch mit dem Regisseur Christian Carion über den Film Eine Schwalbe macht den Sommer Frage: Wie kam es zu diesem Film? Christian Carion: Mein Produzent riet mir, zuerst das Projekt in ...

Interview mit Christian Carion


Gespräch mit dem Regisseur Christian Carion über den Film Eine Schwalbe macht den Sommer

Frage: Wie kam es zu diesem Film?

Christian Carion: Mein Produzent riet mir, zuerst das Projekt in Angriff nehmen, das ich am aufrichtigsten vertreten könnte, und das war eindeutig Eine Schwalbe macht den Sommer, allein schon wegen meiner Herkunft aus einer nordfranzösichen Bauernfamilie. Außerdem fühlte ich mich Sandrine sehr nahe, weil sie sich nicht scheute, alles hinzuwerfen, um ein neues Leben zu beginnen. Erst kürzlich ist mir bewusst geworden, wie sehr ich mich selbst in diese weibliche Figur hineinprojiziert habe. Und Adrien ist ein Abbild meines Vaters. Der Film konnte also gar nicht anders als aufrichtig werden.

Frage: Was hat Sie zu dieser Begegnung zwischen einer jungen Frau, die alles aufgibt, und einem alten Bauern, der einfach nicht mehr weitermachen will, inspiriert?

Christian Carion: Bevor ich Filmemacher wurde, habe ich meinem Vater zuliebe das Abitur gemacht und eine Hochschule für Ingenieurwesen besucht, die dem Landwirtschaftsministerium angegliedert war. Dort hatte ich insbesondere mit Leuten zu tun, die Bauern werden wollten, spielte also im realen Leben die Rolle von Marc Berman, der im Film Sandrine und Adrien einander vorstellt. Als Spross einer Bauernfamilie hatte ich am Anfang gedacht, dass solche Projekte bei Menschen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, nicht funktionieren könnten. Dann aber zeigte es sich, dass gerade die interessiertesten Menschen die sind, die vorher nie etwas mit dem Landleben zu tun hatten. Gerade sie waren nämlich frei von Vorurteilen und entwickelten ihre Ideen vollkommen unvoreingenommen. Dabei haben mich gerade die Frauen immer wieder verblüfft, die den Entschluss gefasst hatten, aus der Stadt zu ziehen und - manchmal ganz auf sich allein gestellt - einen Landwirtschaftsbetrieb zu leiten.

Frage: Ist Sandrine Dumez in ihrem Freiheitsdrang eine typische Vertreterin ihrer Generation?

Christian Carion: Ich glaube, sie gehört zu den Frauen, die das Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen. Sie hat ein Projekt, das sie selbständig verwirklichen will, und lässt sich, ohne sich beirren zu lassen, auf dem Gebirgsplateau des Vercors nieder.

Frage: Wie würden Sie die Figur des Adrien charakterisieren?

Christian Carion: Er ist der Vertreter einer Generation von Landwirten, die allmählich verschwindet. Sie haben in den sechziger Jahren das goldene Zeitalter der Landwirtschaft erlebt, als die Bauern im Gegenzug für ihre hohen Erträge von enormen finanziellen und materiellen Vergünstigungen profitierten. Die Bauern aus Adriens Generation stellten wirtschaftlich gesehen eine regelrechte Macht dar. Heute hat sich die Situation grundlegend verändert, insbesondere durch das Aufkommen des Rinderwahns, der seinerseits nur eine Folge des Produktivitätswahns ist. Die Bauern treten nun unter Schimpf und Schande von der Bühne ab: Man tötet ihre Herden, während das Volk mit erhobenem Finger auf sie zeigt und sie beschuldigt, es vergiftet zu haben. Der Kontrast könnte kaum schärfer sein.

Frage: Warum konkretisiert sich Sandrines erste Begegnung mit dem bäuerlichen Leben im Anblick eines Schweins, das geschlachtet wird?

Christian Carion: Der Vorspann zeigt den Traum, den Sandrine im Auto hat. Das ist ein sehr beschönigendes und touristisch geprägtes Bild vom Leben auf dem Land, so wie es in etwa den Vorstellungen von Leuten entspricht, die mal kurz aus der Stadt herauskommen. Ich denke, den Zuschauern dürfte es zu diesem Zeitpunkt noch etwas schwer fallen, wirklich daran zu glauben, dass sie sich ernsthaft als Bäuerin versuchen wird. Deshalb brauchte ich eine Szene, bei der man sich plötzlich sagt: "Ja, doch, sie wird es schaffen!"

Abgesehen davon entspricht diese Szene auch der Wirklichkeit: Wer Bauer werden will, der arbeitet in der Regel zunächst als Praktikant auf einem Hof, und die Landwirte muten ihm dann oft harte Bewährungsproben zu. Man lässt sie die unangenehmsten Arbeiten verrichten, wie beispielsweise das Blut eines geschlachteten Schweins aufzufangen. Es ist aber zweifellos auch richtig, dass Leute, die sich nicht überwinden können, so unangenehme Tätigkeiten zu verrichten, später nicht in ihrem Beruf bestehen werden. In gewisser Weise tut man ihnen also einen Gefallen.

Frage: Haben Sie schon beim Schreiben des Drehbuchs an Mathilde Seigner und Michel Serrault als Hauptdarsteller gedacht?

Christian Carion: Es war Christophe Rossignon, der Produzent, der Michel Serrault schon frühzeitig vorgeschlagen hat. Ich fand dass die Rolle so gut zu ihm passte, dass ich mir niemanden besseren vorstellen konnte, auch wenn mir bei dem Gedanken, in meinen ersten Film mit einem Darsteller dieses Kalibers zu arbeiten, schon etwas mulmig wurde. Auf Mathilde Seigner sind wir erst später gekommen. Sie verkörpert die notwendige Stärke, um in dieser Rolle glaubhaft zu sein, vor allem in der Szene mit dem Schwein. Andererseits ist sie aber auch sehr feminin, und diese Kombination ist recht selten.

Frage: Da der Film im Sommer und im Winter spielt, wurden die Dreharbeiten für mehrere Monate unterbrochen. Welche Schwierigkeiten haben sich daraus ergeben?

Christian Carion: Das waren vor allem logistische Probleme. Wir mussten den Set, den wir im Sommer aufgebaut hatten, über mehrere Monate hinweg instand halten. Ich denke aber, dass der Film auch davon profitiert hat, dass er in zwei Phasen gedreht wurde: Als wir im Sommer mit den Aufnahmen begannen, hatte das Verhältnis zwischen Michel Serrault und Mathilde Seigner durchaus Ähnlichkeiten mit dem, der beiden Filmfiguren. Als wir dann fünf Monate später im Winter unsere Arbeit fortsetzten, freuten sich die Darsteller richtig über das Wiedersehen, und waren sich viel näher.

Frage: Warum haben Sie im Vercors gedreht?

Christian Carion: Ich hatte diese Gegend erst kurze Zeit zuvor entdeckt und war auf Anhieb fasziniert von den Felsen, von dem stellenweise recht schroffen Landschaftsbild und von den Straßen, die sich mühsam in die höheren Lagen hinauf winden. Außerdem fand ich, dass das Vercors Adriens Persönlichkeit spiegelt. In dieser ausgesprochen rauhen Landschaft bedeutet es wirklich eine große Anstrengung, von einem Ort zum nächsten zu gelangen, doch am Ende wird man stets dafür entschädigt. Und mit Adrien verhält es sich ähnlich: Wie das Vercors, so will auch er erst einmal "erobert" werden.

Frage: Und das Haus?

Christian Carion: Ich habe im April mit der Suche begonnen, bin aber erst im September fündig geworden. Weil ich es müde war, die Straßen des Vercors abzuklappern, mietete ich schließlich für zwei Stunden ein Flugzeug. Und dabei entdeckte ich diese beiden Gebäude, als wären sie plötzlich vom Ende der Welt her erschienen. Nie im Leben hätte ich dieses Gehöft vom Auto aus finden können, so gut fügt es sich in die Landschaft ein.

Frage: In dem Film gibt es auch eine Anspielung auf den Rinderwahn ...

Christian Carion: Das ist zwar nicht das zentrale Sujet des Films, dennoch ist die besagte Szene wichtig. Für Adrien ist das Auftreten von Rinderwahn auf seinem Hof die größte Tragödie seines Lebens. Ich hatte öfters mit Leuten zu tun, die davon betroffen waren, und fand die Methoden, die in solchen Fällen angewendet werden, immer zutiefst erschütternd. Da kommen Leute in den Stall herein, nehmen alle Tiere mit und verstreuen überall ungelöschten Kalk. Es lag mir am Herzen, diese Dinge aus der Perspektive eines Tierhalters in einem Kinofilm zur Sprache zu bringen. Und ich denke, dass auch die aktuellen Probleme mit der Maul- und Klauenseuche durch diese Szene gut reflektiert werden würden.

Frage: Wie erklärt sich der Titel des Films, der auf ein uns allen wohlbekanntes Sprichwort anspielt?

Christian Carion: Zu Beginn des Films tut Michel Serrault so, als lasse ihn Mathilde Seigner völlig kalt. Während er ihr bei der Arbeit zusieht, sagt er: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer" - und täuscht sich dabei. Gerade diese Frau macht nämlich den Sommer des alten Mannes. Ich glaube, er wäre wohl gestorben, wenn er ihr nicht begegnet wäre. Sie hat ihn auf seinem Hof wachgerüttelt und ihn in seinen Überzeugungen ins Wanken gebracht. Und das hat ihn letztlich gerettet. Ich wollte einen optimistischen Film drehen, deshalb kehrt sie am Ende zurück. In diesem Film hat wirklich eine Schwalbe den Sommer gemacht! (DJFL)


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