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Interview mit Christophe Barratier: Monsieur Mathieu

"Ich glaube, man kann leicht erraten, welche der Figuren ich wohl bin." Christophe Barratier ist Regisseur und Drehbuchautor des französischen Kinofilms Die Kinder des Monsieur Mathieu. Frage: ...

Interview mit Christophe Barratier


"Ich glaube, man kann leicht erraten, welche der Figuren ich wohl bin."

Christophe Barratier ist Regisseur und Drehbuchautor des französischen Kinofilms Die Kinder des Monsieur Mathieu.

Frage: Warum haben Sie als Vorlage für Ihren ersten Spielfilm Jean Drévilles Film "Der Nachtigallenkäfig" aus dem Jahre 1945 gewählt?

Christophe Barratier: Nach meinem ersten Kurzfilm, "Les Tombales" habe ich für meinen ersten Spielfilm nach einem guten Stoff gesucht. Es fiel mir auf, dass fast alle meine Notizen irgendwie mit meiner frühen Kindheit in Verbindung standen, mit den Emotionen, die ich im Alter zwischen vier und acht Jahren verspürte. Außerdem wollte ich, aufgrund meiner musikalischen Vorbildung, wirklich gerne eine Geschichte mit musikalischen Elementen verfilmen. Also führte mich die Kombination aus Kindheitserinnerungen und Musik auf ganz natürlichem Weg zu "Der Nachtigallenkäfig". Ich habe diesen Film damals auf einem der einzigen beiden existierenden TV-Sender gesehen, als ich sieben oder acht Jahre alt war, also 1970 oder 1971. Als Kind war ich davon tief bewegt. Der Film ist heutzutage zwar in Vergessenheit geraten, aber sein Charme hat überlebt. Und da der Film auch nicht als "Meisterwerk" des französischen Kinos mit Lobgesängen überschüttet wurde, schien es mir weniger gefährlich, eine Adaption zu wagen.

Die beiden lebhaftesten Erinnerungen, die mich geprägt haben, waren die Emotion, die durch die Stimmen der Kinder ausgelöst wurden, und die Figur des gescheiterten Musikers, der allen Widerständen zum Trotz versucht, die Welt der Menschen um ihn herum zu verändern. Das ist es, was ich an Filmen mag. Und eigentlich haben alle Filme, die mich beeinflusst haben, das Eine gemeinsam, nämlich wie es einem Individuum gelingt, die Welt lebenswerter zu machen. Ich weiß zwar, dass ein Film die Welt nicht verändern wird, aber er kann dazu führen, dass man es versuchen möchte. Ich komme gerne aus dem Kino mit dem Gefühl, dass ich mich mit der Hauptfigur gerne identifizieren würde. Clément Mathieus Unterricht beschränkt sich nicht auf Musikstunden, sondern beinhaltet auch eine Lehre für das Leben. Der Film umfasst ja drei Themenkreise: frühe Kindheit, Musik, und den Versuch, Kindern die richtigen Werte zu vermitteln.

Frage: Waren Sie nie in Versuchung, die Geschichte in der Gegenwart spielen zu lassen?

Christophe Barratier: Niemals. Aus einem ganz einfachen Grund: Eine Geschichte darüber zu erzählen, wie ein Mann heutzutage Kindern das Singen beibringt, würde bedeuten, erst einmal etwas darüber zu berichten, wer diese Kinder eigentlich sind. Man müsste Themen aufgreifen wie sozialer Wohnungsbau, Langzeitarbeitslosigkeit, Integration, Jugendkriminalität, und das war nicht das, was ich machen wollte… Außerdem ist da die Position des Protagonisten: Als zeitgenössischer Lehrer hätte Clément Mathieu heutzutage ganz andere Prioritäten. Er wäre ganz anders als ein Musiklehrer aus den 50ern.

Frage: Warum dieser Fokus auf die Kindheit?

Christophe Barratier: Weil sie ein universelles Thema ist - jeder erinnert sich doch an das Gefühl von Ungerechtigkeit und Verlassenheit, das ein Kind empfindet, wenn seine Eltern abwesend oder verstorben sind, sowie an die Aufsässigkeit und Hemmungen, die daraus entstehen können. Ganz egal aus welchem sozialen Hintergrund die unterschiedlichen Kinder stammen, die für den Film gecastet wurden - sie mussten nur in die Kostüme schlüpfen, und schon waren sie alle Kinder mit den gleichen Ängsten, Wünschen und Sorgen.

Frage: Warum spielt der Film im Jahr 1949?

Christophe Barratier: Das war Absicht. Tatsächlich wurden kurz nach dem Weltkrieg in Frankreich etliche Re-Integrationszentren, "Besserungsanstalten" genannt, errichtet. Die Jugendfürsorgebehörde (Protection Judiciaire de la Jeunesse) wurde etwa um die gleiche Zeit gegründet und verlieh Kindern einen anderen Rechtsstatus als Erwachsenen. Das war der Ursprung einer Art von amtlicher Kinderpsychologie, mit all ihren Irrungen und Wirrungen. Es war auch der Beginn der Erstellung von psychologischen Profilen, motiviert durch den wohlmeinenden Wunsch, diese Jugendlichen zu "überwachen". Diese Methoden, die im Film angedeutet werden, erscheinen uns heute natürlich äußerst problematisch. Schließlich waren die späten 40er Jahre eine Zeit der Traumata. Wir hatten den Krieg gerade hinter uns, und wie in allen Krisenzeiten mussten sich die Eltern um viele andere Dinge kümmern als nur um die Erziehung ihrer Kinder.

Frage: Haben Sie gleich an Gérard Jugnot für die Rolle des Clément Mathieu gedacht?

Christophe Barratier: Ja. Ich vertraue sehr auf sein Urteil - er ist ein ausgezeichneter Leser. Er hat alle drei Fassungen des Drehbuchs unter die Lupe genommen, und mir jedes Mal wichtige Ratschläge gegeben. Er verfügt über einen ungewöhnlich hoch entwickelten Instinkt für Probleme im Drehbuch, und er nimmt die Publikumserwartungen schon vorweg und zwar im besten Sinne des Wortes - das heißt, er gibt dem Publikum die Filme, die sie mögen können und nicht die, die sie bereits mögen. Seine Beiträge waren immer absolut treffsicher. Er hat mir Philippe Lopes-Curval (Drehbuchadaption/Dialoge) vorgestellt, mit dem er gerade "Monsieur Batignole" verfasst hatte. Philippe hatte einige sehr gute Ideen, besonders für die Entwicklung der Psychologie der Figuren - sowohl für den Schuldirektor, gespielt von François Berléand, für den die Kinder das Symbol einer gescheiterten Karriere sind, als auch für Chabert, gespielt von Kad Merad.

Frage: Wie haben Sie die Kinder gefunden?

Christophe Barratier: Allen voran wollte ich, dass die Rolle des kleinen Solisten von einem echten Sänger gespielt wird. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, so jemanden zu finden, aber wir hatten unglaublich großes Glück. Auf unserer Tour durch Frankreich haben wir große Kinderchöre gehört, um einen für den Soundtrack des Films auszuwählen - und dabei haben wir den jungen Solisten Jean-Baptiste Maunier entdeckt. Er singt bei den Petits chanteurs de Saint-Marc in Lyon, verfügt über eine außergewöhnliche und sehr berührende Stimme. Als er auch das Vorsprechen als Darsteller brillant meisterte, habe ich mich für ihn entschieden.

Für die übrigen Chor-Mitglieder wollte ich keine "professionellen" Kinderdarsteller engagieren, denn ich wollte nicht in die Falle der "dressierten Seelöwen" tappen. Wir haben in der Auvergne, in der Gegend, wo wir drehten, nach geeigneten Kindern gesucht. Sylvie Brocheré und ihre Assistentin versammelten Kinder - in Altersstufen von der Grundschule bis zur sechsten Klasse - aus der Gegend von Clermont-Ferrand. Nach über 2.000 Castings habe ich genügend "geborene", natürliche Kinderdarsteller gefunden. Nur die aus Paris stammenden Théodule Carré Cassaigne und Thomas Blumenthal verfügten bereits über Schauspielerfahrung, haben sich aber reibungslos in die Reihen der Anfänger eingegliedert. Was Maxence Perrin (Pépinot), den Sohn von Jacques, angeht, so war dies natürlich seine erste Erfahrung. Zunächst haben alle bei Playbacks mitgesungen, die wir mit dem Chor in Lyon mitgeschnitten hatten - aber schon nach kurzer Zeit war das nicht mehr nötig. Obwohl sie alle völlige Anfänger waren, lernten sie alle Stücke auswendig, und haben sie mit unglaublichem Elan vorgetragen.

Frage: Welche waren, neben dem Casting, die wichtigsten Elemente der Produktion?

Christophe Barratier: Die Sets. Ich wollte einen wirklich asketischen und bedrohlichen Ort kreieren - und dabei statt Realismus lieber der Emotion den Vorrang geben. Denn wenn man sich die Fotos aus der damaligen Zeit anschaut, waren die Gebäude eher typische öffentliche Schulgebäude, ganz normal und beruhigend. Ich aber wollte ein überdimensionales Gebäude, bedrohlich und ungastlich, wirklich übertrieben, damit die Perspektive der Kinder vermittelt wird - denn auf sie wirkt ja alles noch größer und beeindruckender.

Frage: Für welche Vorgehensweise haben Sie sich als Regisseur an diesen Sets entschieden?

Christophe Barratier: Zunächst wollte ich es Cinemascope drehen, um die niederschmetternde Isolation dieser kleinen Kinder darzustellen, die in der Bildmitte zu sehen sind. Wir brauchten ja ein recht großes Bildformat, um das gesamte Hauptset, das Klassenzimmer, einfangen zu können. Wir waren auch bereit, etwas von der Realität abzuweichen, um zu vermitteln, dass wir uns nicht einfach in einem Klassenzimmer befinden, sondern in einer von ganz besonderen Menschen bevölkerten Welt.

Ich bin auch ein großer Fan eines Stils, der in der Musiksprache als legato bezeichnet wird - also "verbunden" oder "fließend". Ich ziehe dies dem hektischen oder zittrigen Stil vor. Also weniger Einstellungen, mehr Kamerafahrten, Schwenks, Überblendungen und Schwarzblenden. Außerdem wollte ich elegante Übergänge zwischen den Szenen, besonders bei den Gesangssequenzen - sie mussten mit schnellen Schnitten funktionieren, indem sie einem bestimmten Rhythmus folgten. Beim Abmischen des Sounds haben wir an der Entwicklung der Stimmen des Chors gearbeitet, und die Sound-Qualität sowie die musikalische Qualität für unsere Zwecke eingesetzt. Wir mussten dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, dass die Zeit vergeht, während sich die Stimmen im Chor weiterentwickeln.

Frage: Und die Musik?

Christophe Barratier: Bruno Coulais und ich haben im September 2002 begonnen, an der Musik zu arbeiten, neun Monate vor Beginn der Dreharbeiten. Ich wollte unbedingt das "Kinderchor"-Gefühl, mit den typischen Weihnachtsliedern und ähnlichen Dingen, vermeiden. Die Musik musste wirklich aussagekräftig sein, fast völlig neu und nicht aus einem bestehenden Repertoire. Die Musik, die wir in der Geschichte hören, ist die von Clément Mathieu - also haben wir die Genres und musikalischen Stimmungen der Entwicklung der Figur im Film angepasst. Dieser Film entstand fast wie ein Musical.

Frage: Was nehmen Sie nun, nach der Fertigstellung des Films, daraus mit?

Christophe Barratier: Das Gefühl, dass ich diese Geschichte im Unterbewusstsein lange Zeit mit mir herumgetragen habe. Sie zu erzählen, hat es mir vielleicht möglich gemacht, manche Ereignisse meines eigenen Lebens zu verarbeiten, denn ich war selbst als Kind schon Musiker. Der Film war eine gute Therapie, erlaubte mir einen neuen Blick auf meine Kindheit, die zwar ganz und gar nicht unglücklich verlief, manchmal aber durchaus schwierig war - und das hat mich, wie so viele andere Menschen auch, verletzlich gemacht.

Außerdem bekam ich mit diesem Film die Chance, über Musik zu sprechen, die nach wie vor eine meiner großen Leidenschaften ist. Genau wie Clément Mathieu hatte ich selbst nie eine Musikkarriere. Irgendwann habe ich es einfach aufgegeben. Und ich habe gewusst, dass ich irgendwann darüber würde sprechen müssen - und sei es auch nur, um zu entscheiden, ob ich damals mutig oder feige gehandelt hatte. Ich glaube, man kann leicht erraten, welche der Figuren aus Die Kinder des Monsieur Mathieu ich wohl bin ... den Schuldirektor eingeschlossen! (DJFL)


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