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Interview mit Dani Levy: Väter

Wie kann das passieren? Was ist eine Familie? Und wie funktioniert sie nicht? Dani Levy ist der Regisseur und Drehbuchautor des deutschen Kinofilms Väter. Frage: Was ist für Sie der Brennpunkt ...

* 17. November 1957 in Basel, Schweiz, Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Produzent Dani Levy ist einer der kreativen Köpfe der Produktionsgesellschaft X-Filme, mit Hauptsitz in Berlin. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat er konsequent seine persönliche Vision von Kino verwirklicht: Ein Kino ... [komplette Biografie]

Interview mit Dani Levy


Wie kann das passieren? Was ist eine Familie? Und wie funktioniert sie nicht?

Dani Levy ist der Regisseur und Drehbuchautor des deutschen Kinofilms Väter.

Frage: Was ist für Sie der Brennpunkt der Geschichte? Sozusagen die Seele von Väter?

Dani Levy: Die Liebe. Wie immer. Was tun sich Menschen an, in guten und in schlechten Zeiten? Ich finde es ziemlich schwer, heutzutage miteinander zu leben. In dieser schnellen, komplexen Zeit. Mit Kind erst recht. Die Kriegers sind eine normale Familie, mit zwei arbeitenden Ehepartnern, die sich lieben und gut verstehen und trotzdem in ihrem Zusammenleben in eine Situation kommen, in der die Frau nachts mit Polizeigewalt ihr Kind aus dem Haus holt. Wie kann das passieren? Was ist eine Familie? Und wie funktioniert sie nicht? Aber was mich am meisten interessiert, beginnt danach. Trennung mit Kind.

Für mich ist Väter ein echter Liebesfilm. Ich meine das überhaupt nicht zynisch. Trennung gehört zur Liebe, wie der Tod zum Leben. Aber Trennen muss man lernen. Marco und Melanie machen echte Anfängerfehler. Auf Kosten ihres Kindes Benny. Sie verlieren ihren Kopf, sie verlieren ihre Liebe (zumindest zwischenzeitlich) und verrennen sich im Dschungel von gegenseitigen Verletzungen, Rechthaberei und Egoismus.

Frage: Was machen die beiden falsch? Und auf welcher Seite stehen Sie?

Dani Levy: Beide verpassen abwechselnd den Moment, ihre eigene Verletzung zu vergessen und auf den anderen zuzugehen, der die Hand ausstreckt. Das Problem heisst falsches Timing. Wie mit allem. Das Schlimme daran ist, dass dabei das Kind mit reingezogen wird. Wenn ein persönlicher Streit auf dem Rücken des Kindes ausgetragen wird – das finde ich ein echtes "No! No!".

Was die Verteilung von Recht und Unrecht, Opfer und Täter, Schuld und Unschuld zwischen Marco und Melanie angeht, so hat das Projekt einen ziemlich langen Weg hinter sich. Rohrbach und Matussek entwickelten den Stoff als brisanten, politisch unkorrekten, parteiischen Film für die Väter – gegen den Rest der Welt.

Vor allem gegen Frauen. Ich wollte den Film so nicht machen. Ich glaube nicht an Schuld und Unschuld. Ich denke, in den meisten Fällen haben beide schuld. Ich wollte einen Film machen, in dem man beide verstehen kann, mit beiden fühlt, wenn auch abwechselnd. Das fand ich am reizvollsten. Trotzdem wird es bestimmt so sein, dass ein Teil der Zuschauer mit Marco fühlen wird, andere mit Melanie. Das gibt Stoff für nach dem Kino.

Ich persönlich finde, dass im Laufe der Geschichte viele Fehler gemacht werden, und zwar von beiden. Aber es gibt nur einen wirklich schlimmen Fehler und den macht Melanie, nämlich den Fehler, Marco seinen Sohn entziehen zu wollen. Ich bin also solange auf Marcos Seite, bis Melanie sich am Schluss überwindet und auf Marco zugeht. Das musste sie tun, sonst hätte ich den Film nicht gemacht.

Frage: Sie haben das erste Mal einen Film gemacht, der nicht ursprünglich von Ihnen entwickelt wurde. Wie war die Erfahrung?

Dani Levy: Schön. Spannend. Es war erst mal wie ein Geschenk, dass Günter Rohrbach auf mich zukam und mir etwas anbot, womit ich sofort andocken konnte. Realitätshaltige Geschichten über die Privatsphäre von Menschen haben mich schon immer interessiert. Ich liebe Schlafzimmer. Filme über unsere Ehen, über unsere Familien, über Beziehungen und Trennungen, sind Filme über unsere Gesellschaft. Solche – ich nenn sie jetzt mal einfach – sozialen Familienfilme gibt es in Deutschland im Kino eigentlich nicht.

Solche Geschichten sind bei uns fast ganz ins Fernsehen abgewandert – und dort in allen spektakulären Varianten. Der (politische) Gesellschaftsfilm ist bei uns einfach ausgestorben seit Kluge, Fassbinder, Hauff, Staudte, Trotta usw. keine Filme mehr machen, oder eben fürs Fernsehen. In Frankreich, England oder der USA sind solche ernsten Filme fester Bestandteil des Kinofilmschaffens. Rohrbach wollte das Genre wieder aufleben lassen und da bin ich natürlich dabei.

Frage: Und dann sind Sie ja auch noch selber Vater geworden ...

Dani Levy: Oh ja. Das kann man wohl sagen. Das hat meinen Blick natürlich geschärft. Ich weiss jetzt, wie sehr man ein Kind lieben kann und wie stark man auch dafür kämpfen würde. Ich mache meine Erfahrungen, wie belastend ein Kind manchmal für eine Beziehung ist, für meine Arbeit, für mein psychisches Gleichgewicht. Ich kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn die Batterien leer sind und man einfach nie genug Schlaf kriegt.

Auf der anderen Seite steht da die krasse Realität, die Väter bei einer Trennung erleben können, wenn die Frau verrückt spielt (nicht ohne Grund, wie gesagt). Das hat sich seit der veränderten Gesetzeslage bezüglich des Sorgerechts nicht geändert. Die Mutter – das Kind bleibt ja in unserer Gesellschaft traditionell bei der Mutter – kann den Umgang des Vaters mit seinem oder seinen Kindern extrem verkomplizieren und blockieren – da muss der Vater erst mal vor Gericht. Das kann dauern. Das heisst: Der politische Hintergrund, den Matussek 1997 losgetreten hat, war mir natürlich auch sehr wichtig.

Frage: Hatten Sie keine Angst vor der "Normalität" der Geschichte?

Dani Levy: Was ist "normal"? Wiedererkennbar? Banal? Nachfühlbar? Wir haben ganz bewusst auf eine spekulative Ausgangslage verzichtet, niemand ist todkrank, es geht weder um Kindesmisshandlung, noch um Drogen, es geht um eine Familie, die man kennt und mag. Es ist einfach eine Tatsache, dass sehr viele junge Familien riesige Probleme haben und dann explodieren. Ich möchte, dass man das im Kino sehen kann und dann darüber redet oder streitet. Oder sich versöhnt. Oder sein Kind wieder sehen will.

Das Projekt sollte ja ursprünglich auf 35 mm mit Hilfe von Filmförderungen entstehen – aber die Förderungen haben einhellig befunden, dass eine solche "normale" Geschichte ins Fernsehen gehört und haben das Projekt abgelehnt. Da haben wir bei uns in der Firma gesagt: Nicht mit uns. Dann drehen wir den Film eben so, dass wir ihn selbst und mit Hilfe von Referenzmitteln der FFA bezahlen können.

Frage: Digital. Hatten Sie als Kinofreak keinen ästhetischen Vorbehalte?

Dani Levy: Wieso denn? Ich finde viele Filme, die auf DV gedreht wurden ästhetisch unbefriedigend, das stimmt. Und natürlich hat DV seine Grenzen. Aber die Möglichkeit, den ganzen Film im Computer zu bearbeiten, dass heisst den Look, die Farben, die Kontraste, die Künstlichkeit etc. wirklich neu schaffen zu können, hat mich sehr gereizt. Und natürlich bin ich als alter Low-Budget-Filmer immer an neuen, ökonomischen Möglichkeiten interessiert. Ich wollte mit mehreren Kameras drehen können, soviel ich wollte, ich wollte Fehler machen können. Und ich hatte ein sechsjähriges Kind, mit dem ich nicht endlose, spontanitätsvernichtende Proben machen wollte.

Also DV. Ich habe dann erst beim Drehen gemerkt, wie schwierig das spontane Drehen wirklich ist. Wir wollten ja keinen Dokumentarfilm machen. Wir hatten ein klares Drehbuch, viele Drehorte, ein relativ grosses Team. Ich habe jeden Tag gegen diesen Perfektionsdruck gekämpft, den man beim Film einfach hat. Alle denken extrem resultatorientiert. Und genau das macht den Freiraum zum Ausprobieren so klein. Aber ich glaube, wir haben alle viel dazugelernt.

Frage: Wie war Ihre erste Arbeit mit einem Kind? Wie war der Dreh für Ezra Valentin Lenz?

Dani Levy: Davor hatte ich am meisten Angst. Den richtigen Jungen zu finden und ihn irgendwie natürlich und trotzdem emotional auf die Leinwand zu kriegen. Ich habe mich entsprechend auch erst drei Tage vor Dreh für Ezra entschieden. Manuela Stehr war das schon viel früher klar. Ich muss gestehen, ich habe Ezra beim Casting eindeutig unterschätzt. Einfach auch weil ich keine Erfahrung hatte. Beim Drehen hat mich der Junge umgehauen. Der war einfach gut.

Er war gut vorbereitet, das hat Sabine Frielinghaus super gemacht, und er hatte genau die richtige Mischung aus Disziplin und Rebellion. Das war Glück. Ich hab eigentlich nur dafür gesorgt, dass die Stimmung für ihn gut war. Dass er wusste, er musste arbeiten, aber trotzdem genug Freiraum hatte, er selbst zu sein. Ich finde der Regisseur ist dann eigentlich nur noch eine Art Vater, der im Hintergrund sitzt und schaut, dass seine Kinder schön miteinander spielen. (DJFL)


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