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Interview mit Emir Kusturica: Das Leben ist ein Wunder

"Ich denke, es ist ein traurig optimistischer Film." Emir Kusturica gilt als einer der kreativsten und erfolgreichsten europäischen Filmemacher. Sein Film Das Leben ist ein Wunder startet am 16. ...

Interview mit Emir Kusturica


"Ich denke, es ist ein traurig optimistischer Film."

Emir Kusturica gilt als einer der kreativsten und erfolgreichsten europäischen Filmemacher. Sein Film Das Leben ist ein Wunder startet am 16. Juni 2005 in Deutschland.

Frage: Die Liebe, von der Sie in Das Leben ist ein Wunder erzählen steht unter einem unglücklichen Stern. Sind Luka und Sabaha die Nachfahren von Romeo und Julia?

Emir Kusturica: In gewisser Weise ja. Damals, als ich Underground machte, äußerte sich Peter Handke sehr enthusiastisch über mein Vorhaben, und er sagte, mit diesem Film würde der unmögliche Versuch gemacht werden, mit den Marx Brothers im Sinn Shakespeare zu inszenieren. Nachdem er kürzlich Das Leben ist ein Wunder gesehen hat, meinte er: "Diesmal bist du sehr viel näher an Shakespeare."

Ich glaube, Luka, der Held, hat mit ein paar Shakespeareschen Konflikten zu kämpfen. Er hat die Verantwortung für eine Geisel, Sabaha, in die er sich verliebt. Er würde zwar nie von sich aus auf die Idee kommen, irgendjemanden als Geisel zu nehmen, aber er ist nun mal da reingeschliddert. Das größte Dilemma baut sich vor ihm auf, als er seine Geisel gegen seinen Sohn, der von der gegnerischen Armee gefangen genommen wurde, austauschen soll.

Was soll er machen? Er liebt Sabaha, und seinen Sohn liebt er sowieso. Was sich während des Krieges ereignete, war von Shakespeareschen Ausmaßen, aber ich habe versucht, die Dinge aus meinem Blickwinkel zu betrachten, was bedeutet, dass dabei auch viele Aspekte des Lebens eine Rolle spielen, die lustig oder ironisch sind.

Frage: Der ganze Balkan, eine Bühne?

Emir Kusturica: Absolut. Wenn Sie einen Shakespeareschen Konflikt vor dem Hintergrund des Balkan ansiedeln, sieht das zwangsläufig anders aus als vor einem dänischen oder englischen Hintergrund. Es wird immer ein bisschen heidnisch zugehen.

In den ersten Fassungen des Drehbuchs war Jadranka zum Beispiel keine Opernsängerin, aber nach und nach haben wir immer mehr Dinge geändert, um Raum zu schaffen für diese exzentrischen Situationen, wo Menschen an ihre Grenzen kommen, wo sie fast durchdrehen und Teil einer anderen Wirklichkeit werden.

Das ist ja auch die historische Wahrheit. Der Balkan ist voller talentierter Menschen, jeder für sich, aber sobald sie sich miteinander in der Gesellschaft auseinander setzen sollen, klappt nichts mehr.

Frage: Identifizieren Sie sich mit Luka?

Emir Kusturica: Sehr. Zum Beispiel mag ich an ihm, dass er sich nicht Hals über Kopf in der Liebe verliert. Er ist sehr viel altmodischer in dieser Hinsicht. Er versucht, die Liebe zu Sabaha aufzuschieben, weil er erst seinen Sohn zurück haben will. Wenn er sich irgendwann einmal hingibt, dann restlos. Das kenne ich gut. Wenn ich zusehe, wie er sich in kleinen vorsichtigen Schritten Sabaha annähert, habe ich den Eindruck, das bin ich selbst. Ich hätte mich sehr ähnlich verhalten.

Frage: Luka verweigert sich der Idee, dass es überhaupt Krieg geben könnte?

Emir Kusturica: Genau so ging es mir auch. Als der Krieg ausbrach, lebte ich in Paris. Die ersten anderthalb Monate konnte (oder wollte) ich einfach nicht glauben, was passiert war. Vielleicht war es ein Verzögerungseffekt in meinem Kopf, wie bei diesen altmodischen Fernsehkameras, wo ein Bild im Sucher einfach stehen bleibt, obwohl sich das, was sich vor der Linse tut, längst geändert hat. Ich mochte nicht glauben, dass Krieg war! Einer ganzen Generation jugoslawischer Menschen ging es ähnlich. Wir waren einfach nicht dazu in der Lage, das, was da vor sich ging, an uns heran zu lassen. Luka ist einer von diesen Menschen.

Frage: Halten Sie Ihren Film für optimistisch?

Emir Kusturica: Ich denke, es ist ein traurig optimistischer Film, denn für Luka öffnet sich die Perspektive der Liebe. Auf alles andere ist heute wenig Verlass. Ein Verkriechen in Pessimismus ist sicher nicht der richtige Weg, aber wir sollten gegenüber dem, was sich vor uns abspielt, realistisch sein. Das vergangene Jahrhundert war das Jahrhundert der Kriege und Konflikte, dennoch gab es bedeutend mehr Hoffnung als augenblicklich.

Es scheint, dass der Tod zu etwas ganz Banalem geworden ist, und dass er uns jederzeit und überall auflauern kann. In dieser Welt ohne zuverlässige große Utopien müssen wir uns unsere eigenen Utopien schaffen, denn mit jedem Geist, der gerettet wird, mit jeder Seele, die gerettet wird, gewinnen wir etwas.

Frage: Wollten Sie sich zum Krieg äußern?

Emir Kusturica: Sicher, aber bestimmt nicht auf die Art, dass ich sagen würde, diese Nation hat Recht und jene hat Unrecht, diese sind die Angreifer, jene die Angegriffenen. Das ist dumm, da es keine Probleme löst, sondern sie nur einfriert. Und dann vergeht etwas Zeit und jeder wird wieder so wie er war, bevor es zum Einfrieren gekommen ist.

Genau das passierte ja während des Krieges, und ich glaube, der Hintergrund des Krieges verstärkt den ideologischen Charakter, da es ein sehr schmutziger Krieg war. Es hatte nichts mit dem zu tun, was man im Fernsehen sieht. Der Krieg im Fernsehen ist so oberflächlich und so manipulativ. Ich habe versucht, tiefer in die menschlichen Reaktionsweisen einzudringen.

Frage: War es schwierig, in diesem Zusammenhang eine Liebesgeschichte zu drehen?

Emir Kusturica: Sehr schwierig. Dieser Film war auch für mich selbst ein großer Test. Ich wollte wissen, ob ich überhaupt in der Lage sein würde, einen Film zu machen, der sich hauptsächlich um zwei Menschen dreht. Als ich mit dem Filmemachen anfing, drehte ich immer wieder Szenen mit großem Tohuwabohu und vielen Leuten. Irgendwann aber sagte ich mir: "Jetzt bist du alt genug und hast hoffentlich genügend Reife, du solltest es probieren."

Ich war sehr froh, dass mir so phantastische Gesichter zur Verfügung standen: Slavko, der Darsteller des Luka, ist wie eine südosteuropäische Version von Anthony Perkins; in Sabaha ist die ganze blonde Schönheit der slawischen Mädchen eingeschlossen; der ungeschickte Briefträger; der Offizier, der nicht nur ein Soldat ist, sondern auch menschlich und verwundbar; all das aber gruppiert um ein sehr explosives Zentrum. Es war eine großartige Herausforderung. Es gab Leute, die mir sagten: "Jetzt machst du also einen ganz altmodischen Film?"

Für mich selbst stellt sich Das Leben ist ein Wunder als altmodisch-modern dar, in dem Sinne, als wir unsere Aufmerksamkeit auf Emotionen richten und nicht auf die Frage nach der Schuld, was für die westliche Welt am Beispiel des Bosnien-Krieges sehr angesagt war.

Frage: Ist es leichter, Filme über die Liebe oder den Krieg zu drehen?

Emir Kusturica: Das hat wenig miteinander zu tun, aber mit Das Leben ist ein Wunder wollte ich versuchen, das Unterschiedliche zu verknüpfen. Es gibt einige Kriegsszenen, die aber nur wie Blitze auftauchen. Sie skizzieren den Zusammenhang und Hintergrund der Geschichte und verstärken auch die sehr schwierigen intimen Szenen.

Wenn Sie darauf aus sind, von einem breiten Publikum verstanden zu werden und dabei trotzdem die Seele des Films intakt halten wollen, ist das ein gewaltiger Balanceakt. Eine zu große Öffnung Ihres Filmes in Richtung des Publikums bedeutet, dass die organischen, substantiellen Werte verloren gehen, die erst bewirken, sich mit den Personen des Films identifizieren zu können.

Heute scheint es mir, wir kehren zurück zu den Zeiten der Römer, als die Arena des Colosseums eine einzige Blutlache war. Zumindest kommt mir das aktuelle Kino so vor, oder sagen wir, das Kino der idiotischen Konflikte, die vom Fernsehen diktiert werden.

Frage: Aleksic, der Offizier, sagt Luka einmal, dass der Tod leicht wäre, das Leben sei der schwierige Teil. Es scheint, dass Sie versucht waren, Lukas Dilemma zu lösen, indem er sich selbst aus dem Gefüge der Beziehungen herausnimmt.

Mir war klar: sobald man in dieses ‚Trilemma' gerät - es ist kein Dilemma mehr - dann ist der einzige Ausweg, dass man sich vor einen Zug wirft. Allerdings glaube ich auch, dass Menschen, die etwas Gutes zustande bringen in ihrem Leben, auch einen Schutzengel haben. In Lukas Fall ist das der Esel, der vor dem Zug steht.

Das kam so: Ich hatte ein Drehbuch, das gut ausgearbeitet und strukturiert war, jeder hatte gute Dialoge, die Charaktere hatten Gestalt und Format, es war also alles bestens. Aber dann fuhr ich auf Drehortsuche, und irgendwo sah ich das Photo eines Mannes, dessen Esel auf den Schienen steht und dem Zug den Weg versperrt.

Das brachte mich dazu, mein bisheriges Ende in Frage zu stellen, denn Sie können Ihren Hauptdarsteller nicht einfach durch Selbstmord aus dem Film entlassen. Sie müssen die Türe öffnen und sagen: "Leute, es gibt Hoffnung." Ich glaube, dieser - ich möchte sagen - heilige Esel hat mich zu meiner Kernidee zurück gebracht.

Frage: Einigen Menschen wird in diesem Zusammenhang sicher Frank Capra und seine Filme einfallen. Ist Ihnen das Recht?

Emir Kusturica: Es ist mir nicht nur Recht. Es ist zugleich eine Ehre und ein Vergnügen. Die Zeit Capras war die beste Zeit von Hollywood. Und Capra war der beste Vertreter dieser Art von Hollywood-Kino. Er und Lubitsch. Ein solches Kino ist leider verschwunden. Aber für diese Energie, für diesen Geist kämpfe ich, zusammen mit einigen anderen, wie die letzten Mohikaner. Wenn es jemandem gelänge, diese Periode wieder auferstehen zu lassen, das wäre phantastisch. Wenn Sie das amerikanische Kino der vierziger und fünfziger Jahre mit dem amerikanischen Kino seit den achtziger Jahre vergleichen, ist es deprimierend.

Man fragt sich zwangsläufig: "Hat sich die Menschheit wirklich in eine solch idiotische Richtung entwickelt?" Oder ist es eine neue Ideologie, die Hollywood dazu benutzt, ihre Sicht der Welt als einer schieren Geschäftswelt zu verbreiten, worin der Konsument, nicht der Mensch und Mitmensch im Zentrum stehen und in der es besser ist, diesen Konsumenten nicht zu belästigen, ihn nicht zu einer menschlichen Reaktion zu bewegen.

Es ist eine falsche Vorstellung zu glauben, dass allein der Markt Maß und Regulator unserer sozialen und psychologischen Prozesse sein soll oder kann. Das ist eine grundfalsche Vorstellung, ein Trip in die falsche Richtung, auf dem wir uns nicht weiter fort bewegen dürfen ...

Frage: Inmitten der Kriegstragödie und den Emotionen, die Lukas und Sabahas Romanze bestimmen, gibt es viele komische Momente ...

Emir Kusturica: Das entsteht beim Schreiben. Unmittelbar. Es kommt durch die Art, wie ich die Welt wahrnehme. Ich bin der Repräsentant des Publikums am Set und ich möchte amüsiert werden. Ich möchte berührt werden von diesem unbekannten Gefühl, das aus der Interaktion zwischen Menschen, Orten und Ereignissen entsteht.

Das muss sehr sorgfältig konstruiert werden, aber Sie dürfen das Konstruierte nicht bemerken. Es ist das, was ich "unsichtbare Architektur" nenne. Die komischen Elemente kommen aus meiner Art, die Dinge zu sehen, aus meiner Art, das Leben zu leben, und wenn Sie ein ganzes Jahr lang drehen, findet das Leben irgendwann ganz selbstverständlich den Weg auf die Leinwand. (DJFL)


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