Sie befinden sich hier: Home - Interviews - M - Interview mit Eoin Moore: plus minus null

Fack Ju Göhte Fack Ju Göhte

Fack Ju Göhte

Auf sein vergrabenes Diebesgut wurde einfach eine verdammte Turnhalle gebaut. Der Ex-Knacki Zeki Müller ...
...jetzt mehr!

Interview mit Eoin Moore: plus minus null

Eoin Moore ist der Regisseur des Films plus minus null Frage: Was verbindet Sie mit Ihren Filmhelden in plus minus null? Eoin Moore: Die Figuren erinnern mich an Menschen, mit denen ich in ...

Interview mit Eoin Moore


Eoin Moore ist der Regisseur des Films plus minus null

Frage: Was verbindet Sie mit Ihren Filmhelden in plus minus null?

Eoin Moore: Die Figuren erinnern mich an Menschen, mit denen ich in Irland aufgewachsen bin - sogenannte einfache Leute aus einfachen sozialen Verhältnissen. Ich empfinde diese Menschen oft als viel zugänglicher und direkter im Umgang mit sich und ihrer Umgebung, mit einer speziellen Art des Geradeaus-Denkens.

Auf die Idee mit dem Bauarbeiter als Hauptfigur kam ich beim Drehen einer Reportage über irische Bauarbeiter in Berlin. Ausserdem lag der Potsdamer Platz auf meinem täglichen Weg zur dffb, so dass ich ständig die Veränderungen auf der Baustelle mitbekam. Auf dem gleichen Weg kam ich abends an einem großen Straßenstrich vorbei. Mit der Zeit begann ich, die einzelnen Frauen äußerlich zu unterscheiden, man spürte die einzelnen Persönlichkeiten und Schicksale. Das hat mich neugierig gemacht, und ich fing an, mir Geschichten zu den Gesichtern auszudenken.

Frage: Welche Rolle spielt Berlin, die neue Hauptstadt, in Ihrem Film?

Eoin Moore: Ich erlebe die Stadt als eine riesige Baustelle. Vieles verändert sich, viele Menschen sind quasi in der Schwebe, so wie der Bauarbeiter Alex, oder auf der Durchreise, wie Svetlana. Mich interessiert das Verhältnis dieser kleinen Leute zu ihrer Stadt und zu den Veränderungen. Armut und Reichtum stehen sich immer unvermittelter gegenüber, und beide sind in gewisser Weise in diesen gigantischen Baustellen für die neuen Machtzentralen versinnbildlicht. Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in den Arkaden am Potsdamer Platz, als ich samt Fahrrad von einer Seite auf die andere laufen wollte. Nach ein paar Metern hat mich der Wachschutz angehalten und auf die Hausordnung hingewiesen, die das Mitnehmen von Fahrrädern in den Arkaden verbietet. Man denkt, man bewegt sich im öffentlichen Raum, aber er ist privat, die Hausordnung klebt als Folie mit weisser Schrift an den Eingangstüren, dezent, aber unmißverständlich.

Frage: An Ihren Hauptfiguren fällt auf, dass sie selbst Angst zu haben scheinen vor der eigenen Veränderung.

Eoin Moore: Viele Menschen müssen sich wenig Gedanken darüber machen, was sie verändern können oder sollen, weil ihre Situation so sehr von den äußeren Umständen bestimmt ist. Zumindest glauben sie, dass es so ist, und stufen sich selbst zurück. Ich kenne diese Verhaltensweisen aus dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, aus dem Arbeiter- bzw. Arbeitslosenmilieu. Diese Tendenz, sich selbst klein zu machen, dieser übergroße Respekt vor allem, was einen Anzug anhat... das regt mich auf, gerade bei Menschen, die ich kenne und schätze. Aber ich verurteile das nicht als Schwäche, ich akzeptiere es als eine bestimmte, von vielen Erfahrungen geprägte Haltung zum Leben. Das ist eines der Themen, die mich schon immer stark interessiert haben: Leute, die von der Gesellschaft als zweitklassig eingestuft werden und beginnen, diese Einstufung selbst anzunehmen, sie zu verinnerlichen.

In plus minus null fällt nur Svetlana aus diesem Schema. Sie hat ein klares Ziel und kämpft dafür. Bei Alex und Ruth geht es mehr darum, sich irgendwie über Wasser zu halten. Ruth hat ja die Chance auszusteigen, sie hat das Geld, um den Imbißwagen zu kaufen, und Alex würde ihr helfen. Sie geht zur Bank und stellt fest, dass sie geschlossen hat - im Film zeigen wir nur diese Szene und dann das Resultat: Sie hat den Plan aufgegeben, und ihre einzige Erklärung Alex gegenüber ist 'deswegen'. Sie hat selbst keine echte Erklärung dafür, es ist einfach so. Deswegen.

Für eine Geschichte mit solchen Leuten haben wir eine besondere Erzählweise gebraucht, eine besondere Dramaturgie, die weniger vom plot bestimmt wird als von den Figuren, von der inneren Logik, manchmal auch Unlogik der Figuren. Wir haben versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, nahe an den Figuren zu sein und so das Publikum zu fesseln.

Frage: Das soziale Umfeld, in dem plus minus null spielt, die Erzählweise und die Figuren selbst sind für den deutschen Film der Gegenwart eher ungewöhnlich. Sehen Sie sich mehr in der Tradition des britischen und irischen Films?

Eoin Moore: Natürlich hat mich der britische Film geprägt, ich bin damit aufgewachsen. Die Serienhelden im irischen Fernsehen sind stinknormale Leute, Arbeiter, Briefträger, Taxifahrer, und im Kino geht es oft um Geschichten, in denen die Leute sich und ihre Umgebung wiedererkennen. In Deutschland scheint der Schwerpunkt mehr auf der Traumwelt zu liegen, der Flucht in die Kino-Traumwelt. Vielleicht hat es mit dem Wohlstand zu tun. Die Filmhelden sind Anwälte, Ärzte, Werbedesigner, und sie sprechen eine sehr stilisierte, fast theatralische Sprache. Ich kann mit dieser Art zu spielen wenig anfangen, mich interessiert das naturalistische, direkte Spiel. Die Gewöhnung von Publikum und Schauspielern an das stilisierte Spiel ist allerdings sehr groß. Es gibt nicht viele deutsche Schauspieler, die von sich aus naturalistisch spielen. Aber es gibt sie.

Frage: Wie muss man sich die Arbeit an einem Film vorstellen, der ohne komplett ausgearbeitetes Drehbuch entstanden ist?

Eoin Moore: Am Anfang standen eigentlich nur zwei Dinge fest: Ich wollte mit Andreas Schmidt zusammen arbeiten, mit dem ich bereits zwei Kurzfilme gemacht hatte und der ein einzigartiger Mensch ist. Und ich hatte die Idee für das Milieu und die Atmosphäre. Mit Andreas zusammen habe ich zuerst die Figur des Alex aus den dunklen Stellen unserer eigenen Biographien und aus Charakterzügen verschiedener Typen, die wir kennen, zusammengesetzt. Es ging uns darum, eine Art Gedächtnis für Alex zu schaffen, ihn mit einer Biographie auszustatten, die weit über die Filmgeschichte hinausreicht. Es ist das, was Mike Leigh 'den Eisberg einer Figur bauen' nennt: Im Film sieht man nur die Spitze, nur einen kleinen Teil dessen, was man entwickelt hat und was in der Figur steckt. Hat man diesen Eisberg gebaut, dann muss man im Film nicht jede einzelne Handlungsmotivation erklärt. Die Figuren erklären sich und ihre Handlungen selbst. Man stellt sich nicht die Frage, ob es glaubwürdig ist, dass Alex Svetlana nichts von seiner Ehe und seinem Kind erzählt, man denkt vielleicht eher, Mann, du Penner, nun erzähl’s ihr doch endlich.

Die Geschichte von plus minus null war zunächst nur mit einer Prostituierten geplant. Beim Casting war ich dann aber von Kathleen und Tamara so begeistert, dass ich beide genommen habe. Bei der Entwicklung ihrer Figuren standen dann wieder die Umstände und Lebenswege, die sie in ihre gegenwärtige Situation gebracht haben, im Vordergrund. In dieser Phase haben wir auch die verschiedenen Ticks der Charaktere festgelegt, z.B. das nervöse Blinzeln von Alex und sein Herumkauen auf dem Hölzchen. Erst nach vielen Gesprächen und Improvisationen, in denen ich die Figuren immer besser kennengelernt habe, habe ich ein Drehbuchgerüst geschrieben, also die Abfolge der Szenen und ihre Handlung. Auf diesem Gerüst basierte die sehr intensive Probenzeit, in der in Zusammenarbeit mit den Schauspielrn auch die meisten Dialoge entstanden sind. Gedreht haben wir den Film dann schließlich in elf Tagen.

Frage: Hat sich auch während des Drehens noch etwas veränder?

Eoin Moore: Die Geschichte stand bei Drehbeginn fest. Die Dialoge, die während der Probenzeit entstanden sind, hatten wir uns zwar gemerkt, aber nicht Wort für Wort aufgeschrieben, so dass weiterhin Platz für Spontaneität und Improvisation geblieben ist. Gerade dafür war die lange Probenzeit wichtig: für die Identifikation der Schauspieler mit ihren Rollen, für die notwendige Sicherheit im spontanen Agieren. Zudem sind wir beim Drehen weitgehend chronologisch vorgegangen, so dass sich die Figuren in und mit der Geschichte weiter entwickelten. Die Figur des Alex zum Beispiel ist während des Drehs immer eigenständiger geworden. Wir haben uns ständig überlegt, was würde Alex jetzt tun, und manchmal wußten wir nur, dass er dieses oder jenes tun würde, ohne genau zu wissen warum ...

Einige kleine Geheimnisse behielt ich während des Drehs für mich. So wußte Svetlana bis zu der Szene, in der sie sich von Alex trennt, nichts davon, dass er verheiratet und Vater einer Tochter ist. Ich wollte die Überraschung für die Szene selbst aufsparen.

Frage: Welche Möglichkeiten ergeben sich aus dieser offenen Arbeitsweise?

Eoin Moore: Die Arbeit ist sehr intensiv. Die Schauspieler schlüpften viel mehr in ihre Figuren als das sonst üblich ist. In jeder Szene haben sie versucht, so zu agieren, wie es Alex, Ruth oder Svetlana tun würden.

Zu dieser Art der Schauspielerarbeit kam die technische Seite der Produktion. Wir haben mit zwei Digitalkameras gedreht, was uns eine große Flexibilität und Beweglichkeit ermöglichte. Da diese Kameras sehr lichtstark sind, konnten wir Originalsituationen wie die in der Dillgurke oder auf dem Straßenstrich viel eher aufnehmen als mit einer Filmkamera. Andererseits reicht die Auflösung nicht an die von 35mm-Film heran. Wir haben versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und die Kamera entsprechend ihrer Möglichkeiten einzusetzen, immer unter der Vorgabe, nahe an den Figuren zu sein. Die geringe Größe der Steadycam jr. ermöglichte es uns, eine Art Schwebeeffekt zu erzeugen. Das Stativ haben wir ab dem zweiten Tag ganz zuhause gelassen und fast alles aus der Hand gedreht. Dazu kam, dass wir die Sets weitgehend so belassen haben, wie wir sie vorgefunden hatten, mit nur kleinen Anpassungen an die Geschichte. Dadurch fielen die Umbaupausen weg. Alle waren ständig in Bewegung, wir rannten förmlich von einem Drehort zum nächsten. Die einzigen Dinge, die solange dauerten wie sonst auch, waren Ton, Kostüm und Maske - die brauchen ihre Zeit, da kann man nicht hetzen.

Der größe Vorteil liegt sicherlich in der Freiheit, die wir am Set hatten. Wir hatten die Möglichkeit auszuprobieren, neue Ideen mit aufzunehmen und eine Unmittelbarkeit herzustellen, die bei einem größeren Team kaum möglich ist. Ich ließ die Schauspieler manchmal eine Szene bewußt viel länger spielen, als sie im Film vorkommen sollte, über einen Zeitraum von zehn, zwanzig Minuten. Wir erlebten am Drehort so den Vorlauf und Nachlauf der eigentlichen Filmszene, wodurch die Schauspieler viel authentischer agieren konnten.

Frage: Plus minus null erinnert in der Ästhetik an die Dogma-Filme aus Dänemark. Hat sie die Entwicklung dort beeinflußt?

Eoin Moore: Plus minus null ist zeitgleich zu den Dogma-Filmen entstanden. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang, insofern, als dass etwas in der Luft lag, dass die Zeit reif war für etwas Neues. Und dieses Neue ist dann parallel und mit unterschiedlichen Akzenten an verschiedenen Orten entstanden. Dogma war ein Teil dieser Entwicklung, Filme der US-Independent-Szene ein anderer. Das hängt eng mit der Entwicklung der digitalen Videotechnik zusammen, die eine neue Art der unabhängigen Filmproduktion ermöglicht. Der Vorteil dieser Technik liegt zum einen in ihren Kostenvorteilen: das Material und die Technik sind unvergleichlich viel günstiger als Film. Plus minus null hat 60.000 DM gekostet, und das Catering war dabei fast das Teuerste. Dazu kommt die große Beweglichkeit, die man beim Drehen hat, die Handlichkeit der Kameras und ihrer große Lichtstärke, die eine neue Ästhetik ermöglichen. Auch die bisherigen Probleme, fehlende Tiefenschärfe und geringe Auflösung, werden vermutlich bald gelöst sein.

Diese Technik ermöglicht es, alternative Erzählformen zu entwickeln, wegzukommen von den sauberen Bildern und den eindeutigen, kalkulierten plots. Es geht um eine bestimmte Art, Geschichten zu erzählen. Mein Hauptinteresse besteht darin, charakter- und figurenorientierte Geschichten zu erzählen, im Vordergrund steht die Arbeit mit den Schauspielern. Dazu kommt ein bestimmtes Interesse in der Themenauswahl. Und dem Ganzen entspricht ein visuelles Konzept, das versucht, nahe an den Figuren zu sein, viel mit Handkamera zu arbeiten, auf Ausstattungsbeiwerk zu verzichten. Ich bin dabei am Ausprobieren und auf der Suche nach filmischen Formen, die die Unmittelbarkeit und Direktheit ermöglichen, die mir vorschweben.

Frage: Sie sind einer der Initiatoren des Filmkollektivs UFO. Was steckt dahinter?

Eoin Moore: Gegründet haben wir UFO 1998. Mittlerweile gehören ungefähr 100 Leute zum UFO-Umfeld, Regisseure, Autoren, Schauspieler, Kamera- und Tonleute, Produzenten - die ganze Palette, von Ausgebildeten zu Autodidakten, von absoluten Newcomern zu arrivierteren Leuten. Wir verstehen uns als Netzwerk, als Projektbörse, als ein Forum für Leute, die die Lust am unabhängigen Film und an der unabhängigen Filmproduktion verbindet. Wir treffen uns regelmäßig zum Austausch, zu Seminaren, zu Workshops, zu ganzen Wochenenden, an denen Ideen entwickelt oder ganze Kurzfilme gedreht werden. Aber es gibt kein Manifest, keine Ideologie, keine politische Ausrichtung - es geht uns um den Film und den Spaß am Film, den Spaß am Ausprobieren, am Experimentieren, am Entdecken. (DJFL)


Alle Interviews mit Interview mit Eoin Moore: plus minus null

Interview mit Eoin Moore: plus minus null
Eoin Moore ist der Regisseur des Films plus minus null Frage: Was verbindet Sie mit Ihren Filmhelden in plus minus null? Eoin Moore: Die Figuren erinnern mich an Menschen, mit denen ich in [mehr]


Nachrichten rund um Interview mit Eoin Moore: plus minus null

In Kürze: 3. und letzte Staffel der ''Erotic Tales''
Regina Zieglers „Erotic Tales“ Volume 8 / 9 / 10 – bisher unveröffentlicht [mehr]

WVG veröffentlicht Regina Zieglers ''Erotic Tales''
WVG Medien veröffentlicht 10 DVDs mit jeweils 3 Kurzfilmen in hochwertigen Digipaks in zwei Staffeln. ''Erotic Tales'' Vol. 1-4 ist am 31.10.05 erhältlich, Vol. 5-10 folgt im Februar 2006. [mehr]



Interviews

Bei DigitalVD.de gibt es Interviews mit Prominenten, Stars oder Schauspielern. Ein Interview ist eine Befragung mit dem Ziel persönliche Informationen oder Sachverhalte zu einem Thema zu erhalten. Das journalistische Interview ist die bekannteste Form der Befragung. Wir befragen Personen persönlich, telefonisch oder per E-Mail. Unsere Interviews werden in unterschiedlicher Form durchgeführt. Zusammen mit unseren Biografien liefert das Interview ein schönes Gesamtbild zu einem Schauspieler(in).

Wir führen Interviews mit Schauspieler und Schauspielerinnen, Regisseure und andere Prominente aus der Film-Branche. Möchten Sie auch gerne ein Gespräch mit uns führen? Sprechen Sie uns an.

[A]  [B]  [C]  [D]  [E]  [F]  [G]  [H]  [I]  [J]  [K]  [L]  [M]  [N]  [O]  [P]  [Q]  [R]  [S]  [T]  [U]  [V]  [W]  [X]  [Y]  [Z]

Gezielt ein Interview suchen:






+++ ..DVD-RUBRIKEN.. +++

Alles Gute!

zum heutigen Geburtstag
wünschen wir folgender Person:
Brendan Fraser, und allen anderen!
> Weitere Geburtstage...