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Interview mit Franka Potente: Creep

"Horrorfilme bedienen eine Sehnsucht nach dem extremen emotionalen Erlebnis." Franka Potente spielt die Hauptrolle Kate in dem englisch-deutschen Horror-Kinofilm Creep. Frage: Ihre Rolle in ...

* 22. Juli 1974 in Dülmen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Schauspielerin Die 1974 in Dülmen bei Münster geborene Franka Potente zog 1994 nach München, um an der 'Otto-Falckenberg-Schule' Schauspiel zu studieren. Das Studium brach sie nach zwei Jahren ab und belegte danach einen Kurs am New ... [komplette Biografie]

Interview mit Franka Potente


"Horrorfilme bedienen eine Sehnsucht nach dem extremen emotionalen Erlebnis."

Franka Potente spielt die Hauptrolle Kate in dem englisch-deutschen Horror-Kinofilm Creep.

Frage: Ihre Rolle in Anatomie war ebenfalls die einer „Scream Queen“. Haben Sie lange überlegt, die Hauptrolle in Creep anzunehmen?

Franka Potente: Nein! Für mich bedeutete Creep zunächst einmal einen Kontrapunkt zu den großen Hollywoodproduktionen, die ich vorher gedreht hatte. Generell wähle ich meine Rollen nicht aus längerfristigem Kalkül: Man hat es letztendlich ohnehin nie selbst in der Hand, welches Bild im Kopf der Zuschauer hängen bleibt.

Außerdem liegt Anatomie inzwischen doch schon ziemlich lange zurück, und es wäre schließlich nicht der schlechteste Titel, den man als Schauspielerin erringen kann, besser jedenfalls als „Mutter der Nation“ oder „Heulsuse“.

Frage: Das klingt, als besäßen sie eine persönliche Affinität zum Horrorgenre?

Franka Potente: Ich liebe Horrorfilme. Aber es müssen schon gute sein; mit dem ganzen Teenie-Scream-Kram kann ich nichts anfangen. Ich denke, Horrorfilme bedienen eine Sehnsucht nach einem extremen emotionalen Erlebnis, und zwar im Kollektiv, zusammen im Kinosessel. So wie man bei einer Komödie mit anderen zusammen lachen will, möchte man bei einem Horrorfilm gemeinsam schreien und kreischen.

Ein Film wie Der Krieger + die Kaiserin funktioniert da natürlich ganz anders, über den will man nach dem Kino erst noch mal reden. Horror dagegen ist eine Achterbahnfahrt, nach der man vielleicht gerne noch einen trinken geht – und gut.

Frage: Neben dem akuten Adrenalinstoß rührt zumindest ein guter Horrorfilm immer auch an existentielle Ängste.

Franka Potente: John Carpenter hat einmal zu mir gesagt: Menschen werden immer Angst haben vor dem Fremden. Und so funktioniert auch Creep. Ich habe in Kate viel aus "Alice im Wunderland" entdeckt, die durch den Kaninchenbau purzelt und erst gar nicht realisiert, was eigentlich los ist, bis es dann beinahe zu spät ist.

So ähnlich stolpert Kate in die U-Bahn, die für sie als notorisch verwöhnte Taxi-Benutzerin ebenfalls eine völlig fremde Welt ist und ihr bereits durch den Dreck und die Dunkelheit an sich Angst bereitet. Dazu stößt sie auf Fremde, mit denen sie sonst nichts zu tun hat: auf Penner und Junkies, die hier jedoch zu ihren Helfern werden.

Horrorfilme erzählen in vielerlei Hinsicht von Grenzüberschreitungen, in Bezug auf die Heldinnen dieser Filme bedeutet das meist, dass sie in der Bedrohung über sich selbst herauswachsen.

Frage: Was die moralische Komponente angeht, so sagen Sie in den Production Notes, dass sich Kate am Schluss vielleicht gar nicht so sehr verändert hat, sondern vielmehr wieder zu sich selbst gefunden hat.

Franka Potente: Ich finde es in Creep zum einen ausgesprochen interessant, wie Kate es eben genau aufgrund ihrer Führungs- und Managementqualitäten schafft, dort unten zu überleben. Sie ist tough, sie trifft rasch Entscheidungen, besitzt Durchsetzungsvermögen. Ganz anders die Menschen um sie herum. Wenn sie den zugedröhnten Jimmy anschreit, sich zusammenzureißen und ihr zu helfen, dann funktioniert das auch und zeigt einen gesunden Pragmatismus.

Andererseits offenbart sich in dieser Extremsituation aber natürlich auch, welch einsame Frau Kate eigentlich ist. Sie ist gar nicht so cool und bitchy, wie sie sich auf der Arbeit gibt. Ihre Schwärmerei für George Clooney und die Ansage, dass sie ihn heute Nacht „aufreißen“ wird, das ist natürlich albernes mädchenhaftes Getue.

Ich stelle sie mir als eine Frau vor, die vor Jahren der Karriere wegen nach London gezogen ist, sich allein fühlt, sechs Tage die Woche durchschuftet und sich am Wochenende beim Ausgehen kräftig die Birne weghaut. Wenn sie in Therapie ginge, kristallisierte sich rasch heraus, welch perfekte Verdrängerin sie ist.

Frage: Ihr Schauspielpartner Sean Harris trieb die Vorbereitung auf seine Rolle noch extremer, wie man hört.

Franka Potente: Ja, um die Spannung zwischen ihm und mir als seinem Opfer zu steigern, bestand er darauf, dass wir uns vor unserer ersten großen Filmszene am Set nicht privat treffen sollten – was gar nicht so einfach war, weil wir uns den Make-Up-Trailer teilen mussten und zwischen unseren Plätzen nur ein dünner Vorhang angebracht war.

Der Arme musste dort oft bis zu sechs Stunden ausharren, bis sein Ganzkörper-Make-up aufgelegt war, doch wann immer ich oder meine Visagistin und Freundin Uli dort vorbei gingen, begann er in diesem schrecklich gequälten, hohen Ton zu schreien. Am Set tat er immer so, als würde er den Rest des Teams allesamt hassen, rannte vor uns weg und versteckte sich. Er war stets in seiner Rolle. Natürlich war das ein Spiel – und für ihn war es wahrscheinlich immens anstrengender als für mich.

Es war ein Trick, aber, wie ich finde, ein legitimer. Schließlich lag der ganze Druck auf ihm. Es lag an Craig, dem Film und dem Horror darin die nötige Dimension zu geben, und er hat das wunderbar gemeistert. Sean hat es verstanden, aus dieser Figur eine seelisch und körperlich verkrüppelte Kreatur der Finsternis zu gestalten.

Da man anfangs gar nicht so recht weiß, was von ihm zu halten ist und wie gefährlich er wirklich ist, finde ich die Schlüsselszene, in der er Mandy quält und dabei so abgründig und weltverloren lächelt, enorm wichtig. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist klar, welche Abgründe dieses Monster, das selbst einst Opfer war, besitzt und zu was es fähig ist.

Frage: Erinnern Sie sich an Ihre erste Reaktion, als Sie das Drehbuch lasen?

Franka Potente: Die Produktion hatte das Script an mein Management in New York geschickt. Mein dortiger Manager war ganz begeistert: ‚Das ist spannend, lies das!’ Und das stimmt ja nun auch. Außerdem war ich begeistert von Chris’ Kurzfilm "The Day Grandad Went Blind", einer Cockney-Komödie über zwei Brüder, die sich um ihren Großvater kümmern müssen.

Den habe ich zusammen mit meinem Bruder geguckt, der sonst nicht gerade aus sich heraus geht und sich dabei schier totgelacht hat. Dann kam Chris nach Berlin, um mit mir zu spreche. Bei solchen Treffen klopft man ja ab, ob man es wochenlang miteinander aushalten könnte und wie man wohl zusammenarbeiten würde. Da fiel mir als erstes auf, dass Chris Unmengen von Bier trank.

‚Na, typisch Engländer’, dachte ich erst, bis sich herausstellte, dass er das tat, weil er extreme Flugangst hat – wie ich auch. Da hatten wir unsere erste Gemeinsamkeit schnell gefunden. Danach unterhielten wir uns über Filme, was man ebenfalls gerne tut, um abzuchecken, ob man da auf einer Wellenlänge liegt, und um herauszufinden, welch visuelles Gedächtnis und welche Vorstellungen der andere hat.

Jedenfalls, wir waren uns auch in dieser Hinsicht rasch einig. Ich spürte Chris’ Begeisterung und Smartness und dachte nur, das klingt alles so gut, dafür lohnt es sich sicherlich, für ein paar Wochen in den eisig kalten, dreckigen Untergrund hinabzusteigen ... (DJFL)


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