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Interview mit Franka Potente über Liebesdrama

"Der Gedanke, von diesem Dach runter springen zu müssen, war schon Horror." Franka Potente ist Hauptdarstellerin im Liebesdrama Der Krieger + die Kaiserin. Frage: Eineinhalb Stunden rennen wie ...

* 22. Juli 1974 in Dülmen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Schauspielerin Die 1974 in Dülmen bei Münster geborene Franka Potente zog 1994 nach München, um an der 'Otto-Falckenberg-Schule' Schauspiel zu studieren. Das Studium brach sie nach zwei Jahren ab und belegte danach einen Kurs am New ... [komplette Biografie]

Interview mit Franka Potente


"Der Gedanke, von diesem Dach runter springen zu müssen, war schon Horror."

Franka Potente ist Hauptdarstellerin im Liebesdrama Der Krieger + die Kaiserin.

Frage: Eineinhalb Stunden rennen wie in Lola rennt oder zwei Stunden wie in Trance gehen, wie jetzt in Der Krieger + die Kaiserin: Was ist anstrengender?

Franka Potente: Ich glaube das "Sissi-Gehen" war anstrengender, doch das hat nicht nur mit dem Gehen zu tun: Lola war abstrakter. Sie war ein Mensch in Bedrängnis, der rennt. Das ist nachvollziehbar. Das würde ich auch tun. Bei Sissi musste ich versuchen eine körperliche Entsprechung für ihre Mentalität zu finden, für diese Kindlichkeit.

Sie ist ohne Eltern aufgewachsen, in einer Pseudofamilie in Birkenhof, die sie als ihre ganze Welt begreift. Sie hat sowas Stolpriges, fast wie ein kleiner Hund. Das war auf ganz andere Weise anstrengend, als dauernd zu rennen, einfach weil ich als Franka gar nicht so bin. Im Vergleich mit meinen bisherigen Rollen, war diese am weitesten von mir weg. Sissi war eine richtige Kreation.

Frage: Du hast mal gesagt, dass immer ein Teil der Rolle aus dir selbst geschöpft ist. Was ist das hier?

Franka Potente: Ich habe es erlebt, eine Liebe zu entdecken, die erstmal nicht erreichbar scheint, und dann ungekannte Ausdauer zu entwickeln und ihr geradezu penetrant hinterher zu laufen. Einfach wahnsinnige Überzeugungsarbeit zu leisten, ohne zu wissen ob das richtig ist, was man da tut.

Frage: Ihr seid inzwischen ein Paar, du und Tom Tykwer: Was hat sich in eurer Zusammenarbeit dadurch verändert?

Franka Potente: Als Tom das Buch geschrieben hat, waren wir schon zusammen. Wir haben viel darüber geredet, und da von Anfang an klar war, dass ich die Sissi war, habe ich mich in Teilen auch eingebracht, habe die Figur immer wieder auch verteidigt. Das war ein ganz neuer Prozess.

Später beim Drehen hat es sicher geholfen, dass ich Tom in der Arbeit schon kannte, denn um die Rolle so zu spielen, wie ich es getan habe, brauchte ich eine Menge Vertrauen, und das habe ich zu Tom als Regisseur ohnehin, völlig unabhängig davon, dass wir zusammen sind.

Er ist ein sehr starker Regisseur, der dich machen und ausprobieren lässt, aber auch gut fährt, der einen ermuntert mutig zu sein. Diese Figur ist ja erstmal eine Zumutung: Man weiss gar nicht, warum sie so komisch ist. Und sie sieht auch so merkwürdig aus, hat fast auch was Hässliches, ist jedenfalls nicht so zugänglich, und die Art wie sie sich bewegt und wie sie spricht hat etwas Extremes. Da muss man dem Auge von außen schon unheimlich vertrauen, wenn er sagt, lass' uns weitergehen in die Richtung.

Frage: Wie sieht das ganz konkret für den Arbeitsalltag aus?

Franka Potente: Wenn man die Lola rennt im Nacken hat, dann hat man schon den Ehrgeiz, sich mit mehr Wissen übereinander und mit grösserem Vertrauen an der Hand zu nehmen und gemeinsam mehr zu wagen, noch weiterzugehen. Weil man sich besser kennt, geht das schon über ein normales Regisseur-Schauspieler-Verhältnis hinaus. Man ist empfänglicher für die Stärken und Schwächen des anderen. Wenn er müde ist oder erschöpft oder niedergeschlagen, kann ich ihn doch noch weiterlocken oder stärken.

Frage: Wohin führt das? Sind weitere gemeinsame Projekte geplant?

Franka Potente: Wann immer es Sinn macht, werden wir wieder zusammen arbeiten, und ich weiß, dass Tom und ich uns gegenseitig inspirieren. Aber jetzt dreht er erstmal mit Cate Blanchett, und für mich ist es kein muss, immer dabei zu sein, da ich auch über andere Projekte nachdenke.

Frage: Es dauert eine Weile, bis man Sissi und Bodo ins Herz schließt.

Franka Potente: Es ist schon etwas unkonventioneller, wenn man den Leuten im Kino auch mal sagt: Ihr müsst nicht in der ersten halben Stunde erklärt bekommen, warum diese Frau so merkwürdig ist. Das ist jetzt einfach so, guckt's Euch einfach mal an. Man wächst mit dem Film langsam da rein, und wenn die beiden am Schluss vom Dach springen, ist das gar nicht mehr so ein Action-Effekt, weil der Film einen an einen Punkt geführt hat, an dem alles möglich ist.

Frage: Ihr habt Euch nicht doubeln lassen, sondern seid selbst vom 18-Meter-Dach gesprungen. Wie war das für dich?

Franka Potente: Das war das schlimmste "Bitte" meines Lebens. Ich mag einfach keine Höhen. Wenn ich auf einem hohen Balkon stehe, erwäge ich zumindest, dass er runterfallen könnte, worüber sich andere Menschen gar keine Gedanken machen. Ich kann es nicht haben, wenn jemand auf einem Geländer sitzt und würde das selbst auch nie tun, wenn es tief runter geht.

Ich kriege ja schon auf dem Alten Peter in München Beklemmungs-Zustände und halte es immer für möglich, dass etwas umkippt, zusammenkracht und runterfällt. Und ich habe auch Flugangst. Ich finde, Menschen gehören auf den Boden.

Der Gedanke von diesem Dach runterspringen zu müssen war schon Horror. Wir sollten die Augen zu haben und Händchen haltend springen, um halb sechs Uhr morgens, wenn man erschöpft ist, wenn es kalt und dunkel ist. Ich habe ehrlich gedacht, ich krieg einen Herzinfarkt und habe das ganze Adrenalin in meinem Körper gespürt. Aber ich wusste auch, wie wichtig Tom diese Einstellung war, und da bin ich schon Cineast genug, um mir das Bild in Cinemascope und Slow Motion vorzustellen: Das will ich auch gern im Kino sehen!

Frage: "Sissi" steht ja auch noch für eine andere deutsche Schauspielerin: Bedeutet dir das was?

Franka Potente: Ich finde eigentlich Romy Schneiders tragische Lebensgeschichte faszinierender als ihre Schauspielkarriere. Ursprünglich sollte unsere Sissi ein richtiger Sissi-Fan sein, und für diese ganz verträumte kitschige Liebesgeschichte schwärmen. Sie ist jemand, der sich genau nach so etwas sehnt, das aber so noch nie erfahren hat.

Frage: Auf eine sehr zurückhaltende Weise ist der Film ja doch auch richtig romantisch ...

Franka Potente: Das stimmt schon, aber ich glaube, die Sissi würde das selbst gar nicht romantisch nennen. Für sie ist das so existentiell wichtig, dass es einfach nichts anderes für sie gibt. Da ist auch Regen und Dreck und alles egal. Dieser Mann ist für sie die personifizierte Liebe. Sie wird da wie ein Magnet hingezogen und möchte einfach nur in seiner Nähe sein. Und sie gibt dafür ja auch 'ne Menge auf, eigentlich alles. Für ihn. Nein, für sich. Eigentlich für sich, durch ihn.

Frage: Du hast Frank Griebe als Kameramann in dein Dream-Team gewählt: Was muss ein Kameramann tun, damit eine Schauspielerin ihn so schätzt?

Franka Potente: Das hat vor allem mit Vertrauen zu tun. Er stellt sich nicht einfach so hin, sondern erklärt immer was er tut. Er nimmt wahr, was man macht, ohne dass man ihn erst drauf aufmerksam machen muss, hat einfach ein Auge für kleinste Veränderungen. Und es gibt eine Energie zwischen seiner Kamera und mir. Er ist sehr ruhig, ich hab ihn noch nie schreien hören und wenn man mal 'ne Szene abbricht, spürt man, dass das für ihn auch in Ordnung ist. Es ist einfach ein gutes Zusammenspiel.

Frage: Oft verbindest du eine Rolle mit einem Duft: Welcher war das hier?

Franka Potente: Ich suche mir irgendetwas, das kann auch eine Musik, ein Bild, ein Foto sein, irgendetwas, das mich inspiriert. Bei Sissi habe ich einfach an ein Kind gedacht. Ich habe versucht, alles, womit man sich als Erwachsener belädt, alle Vorbehalte, alle Koketterie, all dieses Um-15-Ecken-Denken auszuschalten und einen ganz direkten Weg zu gehen.

All das was Erwachsene immer tun, diese ganze Hinterfragungs-Klappe, erstmal zu machen, kurz zu sinnieren und dann erst wieder aufmachen, das habe ich alles versucht wegzulassen. Kinder bewegen sich ja so ein bisschen tastend, suchend, stolpernd, ein bisschen so, als ob sie noch gar nicht richtig sehen können, als ob sie noch nicht aufgewacht sind, in gewisser Weise noch nicht wachgeküsst wurden.

Frage: Erst die Anatomie, jetzt die Psychiatrie: Gibt es da eine Affinität?

Franka Potente: Nicht wirklich, aber auch keine Berührungsüngste. Das ist ja das Tolle an diesem Beruf, dass man mit so einer Figur in all diese Fachbereiche hineinschnuppern kann. Ich habe vor dem Film auch eine Woche in der Psychiatrie verbracht, ich wurde als Pflegerin reingeschleust. Ich habe einen anderen Namen gekriegt, und hatte eine Brille an - wir waren ein bisschen besorgt, dass da irgendwelche Zeitungsartikel rumliegen könnten. Das Personal der Station war natürlich informiert.

Frage: Wie hast du das empfunden?

Franka Potente: Erst habe ich Angst gekriegt. Man hat ja gar keine Vorstellung wie das dort so ist, und wenn die Tür in der geschlossenen Abteilung hinter einem zufällt, ist das schon ein merkwürdiges Gefühl. Als Schauspieler versuche ich immer die Motivationen eines Menschen zu verstehen, doch das war das Komplizierteste.

Die sind in einer Minute so und in der nächsten ganz anders, mal sind sie anhänglich wie ein Kind, und im nächsten Moment bedrohen sie dich. Und sie haben einen Instinkt, der so direkt funktioniert wie bei Tieren, die jede Unsicherheit spüren. Es war auf jeden Fall gut, diese Sicherheit im Rücken zu haben, zumindest mal am Originalschauplatz gewesen zu sein.

Frage: Das ist schon das zweite Mal, dass du in einem Film von Tom 'fast' stirbst, was hast du dabei empfunden?

Franka Potente: Das ist ein sehr herausfordernder Moment für einen Darsteller. Hier war das schon extrem, zwei Tage unter dem Laster zu liegen, da kriegt man ja klaustrophobische Zustände. Natürlich denkt man auch, wie das so wäre, fragt sich, wie 'fit' man direkt nach so einem Unfall noch wäre.

Ich finde diesen Bruch sehr interessant: Sissi denkt ja über ganz viele Details nach, sie riecht, dass er vorher ein Bonbon gelutscht hat, und merkt, dass es sie am Po juckt, und dass sie sich nicht kratzen kann, solche irren Sachen.

Ich glaube, dass man da wirklich so unter Schock steht, dass man sich mit diesen banalen Dingen schützen muss. Für sie ist das ja auch der Schlüsselmoment, in dem sie zum ersten Mal einen Hauch davon erfährt, was die Liebe sein könnte. Wenn er nicht wiedergekommen wäre, dann wäre sie wahrscheinlich einfach kampflos gestorben. Ganz instinktiv spürt sie, dass sie nicht sterben wird, einfach weil er wiedergekommen ist. (DJFL)


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