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Interview mit Gérard Corbiau: Der König tanzt

Frage:: Wann entstand die Idee zu Der König tanzt? Gérard Corbiau: Das mag wohl zehn Jahre her sein. Schon lange wollte ich einen Film über Lully machen. Je mehr ich über das Thema las und ...

Interview mit Gérard Corbiau


Frage:: Wann entstand die Idee zu Der König tanzt?

Gérard Corbiau: Das mag wohl zehn Jahre her sein. Schon lange wollte ich einen Film über Lully machen. Je mehr ich über das Thema las und bestimmten Aspekten genauer nachging, desto mehr gefiel mir die Vorstellung vom "tanzenden König". Denn das ist die eher unbekannte Seite von Ludwig XIV.: Man übersieht leicht, dass der König ein hervorragender Tänzer war. Die Entstehung des klassischen Tanzes, ein Kleinod der französischen Kultur, geht unmittelbar auf ihn zurück.

Ein Drehbuch hat eine lange Entwicklungszeit; an diesem haben wir über zwei Jahre geschrieben. Wir hatten uns dabei mehrere Ziele gesetzt: Zunächst sollte ein Film über die Regentschaft des jungen Louis entstehen, der zeigt, wie sich dieser König sämtliche Künste aneignet, besonders die Musik und den Tanz. Die Musik steht also im Zentrum des Films. Sie spielt die eigentliche Hauptrolle, und im Zentrum der Musik wiederum steht der Körper des Königs. Das ist das Kernthema des Films: die Beziehung von Macht und Musik.

Frage:: Wie verlief die Arbeit am Drehbuch?

Gérard Corbiau: Die erste Phase des Schreibens findet immer zwischen meiner Frau und mir statt: lange Unterhaltungen, vom Frühstück bis in den Abend hinein. Man schreibt, schreibt um, und irgendwann verliert man den Überblick und braucht die Zusammenarbeit mit jemandem von außen. Hier waren es zunächst Didier Decoin und dann die Schriftstellerin Eve de Castro, die mit der Geschichte des 17. Jahrhundert sehr vertraut ist und die bei der Entwicklung des Drehbuchs eine wichtige Rolle gespielt hat. Es galt, für einen historischen Zeitraum von etwa fünfzehn Jahren eine dramatische Vorlage zu schreiben - und die Art von Filmen, wie ich sie mache, die also wesentlich von der Musik bestimmt werden, setzt ganz spezielle Drehbücher voraus.

Frage:: Inwiefern?

Gérard Corbiau: Die Bedeutung der Musik musss im Drehbuch entsprechend umgesetzt werden, sie sollte ihren Stellenwert bekommen. Dafür ist ein eher knappes, "abgespecktes" Drehbuch notwendig, damit die Musik sich auch "Gehör" verschaffen kann.

Frage:: Gehört die Auswahl der Musikstücke zur eigentlichen Drehbucharbeit dazu?

Gérard Corbiau: Nein, zunächst entsteht das Drehbuch. Aber natürlich beeinflussten die Auswahl der Stücke und die Musikaufnahmen, die fast ein Jahr vor den Dreharbeiten entstanden, die Arbeit am Drehbuch und selbstverständlich auch die Inszenierung. Wenn man die passende Musik für eine Szene findet, verändert sich der Entwurf dieser Szene. Das ist übrigens eine sehr lustvolle Arbeit: Diese starke Emotion, die einen bei der Arbeit trägt, hat etwas Magisches.

Frage:: Wie sind Sie auf Reinhard Goebel und sein Ensemble Musica Antiqua Köln gekommen?

Gérard Corbiau: Ich hörte mir noch einmal unsere Aufnahmen von Lullys Werken an. Das sind nicht sehr viele. Und ich war nicht gerade hingerissen. Meine Figur des Lully sollte viel kraftvoller, wahnsinniger, leidenschaftlicher sein als die etwas schwülstige Musik, die ich abspielte. Im Grunde wollte ich bei Null anfangen. Die Zeit des Barock fasziniert mich, und es gibt heute eine moderne Richtung in der Interpretation, die ich sehr schätze, weil sie Risikofreude zeigt und der Musik neue Kraft und neues Leben gibt. Eine Aufnahme war entscheidend: Goebel hat das Werk eines Komponisten wieder ausgegraben, der etwas in Vergessenheit geraten ist. Mit einer schier unglaublichen Energie ist es ihm gelungen, die Musikalität voll und ganz beizubehalten und dem Ganzen gleichzeitig auch noch etwas Unbändiges zu verleihen. Genau diese Unbändigkeit legt er in Lullys Werk, aber es ist auch der Rhythmus und das Freudig-Lustvolle, was mir sehr gut gefällt und was ich so vorher noch nie gehört hatte.

Frage:: Ist diese Interpretation Lullys nun Ihr persönlicher Geschmack oder entspricht sie eher den historischen Tatsachen?

Gérard Corbiau: Es ist wohl beides. Lullys Musik wurde oft zu Unrecht als Konzertmusik behandelt. Dabei handelt es sich um Bühnenmusik, die für die Bewegung gemacht ist. Allerdings glaube ich, dass es unmöglich ist, den Originalausdruck dieser Musik zu treffen. Man weiß einfach nicht, wie diese Musik gespielt wurde. Vermutlich konnte man sie teilweise nicht einmal hören, weil die Räume eine schlechte Akustik hatten, oder weil sie vom Krach der Tänzer übertönt wurde, die damals noch keine Ballettschuhe trugen. Vielleicht ist es illusorisch, einen Klang nachempfinden zu wollen, den es nicht mehr gibt und an dem wir möglicherweise auch wenig Freude hätten, weil er meilenweit weg ist von unserem heutigen Lebensstil und Geschmack.

Frage:: Wie würden Sie die Beziehung beschreiben, die sich zwischen Ludwig XIV. und Lully entwickelt?

Gérard Corbiau: Um diese Beziehung zu verstehen, musss man sich die Person Ludwigs XIV. vorstellen, der schon mit fünfzehn Jahren den Thron bestieg: Er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, aber er ist ein schüchterner, junger Mann, dem diese Macht Angst einflößt. Mit dem Tanz kann er sich hervorragend ausdrücken und in Lully findet er dafür sein ideales Instrument. Als Künstler und politisch denkender Mensch lernt Lully, die Wünsche des Königs zu erahnen. Und weil Lully - als guter Höfling - natürlich auch an sich denkt, weiß er, dass er sich mit der Macht des Königs auch seine eigene Position sichert.

Frage:: War das tatsächlich so oder ist das die Geschichte im Film?

Gérard Corbiau: Auch hier musss ich sagen: wohl beides. dass der König die Künste benutzt hat, um ein bestimmtes Bild von sich widerzuspiegeln, ist von Historikern belegt. Alles dient ausschließlich politischen Zwecken. So sind auch Ludwigs Rollen im Ballett zu verstehen: Jupiter, König der Götter, Apoll, die Figur des Sonnenkönigs und so weiter. Aber im Film verwandeln sich historische Personen in fiktive Figuren mit einer ganz eigenen Psychologie. Das künstlerische Schaffen beginnt erst, wenn man sich von historischen Fesseln löst. War Lully in den König verliebt? Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass er homosexuell war und dennoch sechs Kinder hatte, wir wissen, dass die Frömmler ihn des ausschweifenden Lebensstils bezichtigten. Die Wahrheit werden wir nie erfahren.

Frage:: Mit welchen Tanzszenen zeigen Sie, wie Ludwig Schritt für Schritt die Macht übernimmt?

Gérard Corbiau: Es beginnt mit dem Ballet de la Nuit, in dem der König als Aufgehende Sonne auftritt und in dem er die Söhne der ehemaligen Feinde aus der Fronde an seiner Seite tanzen lässt. Das ist, wenn man will, eine Choreographie der nationalen Versöhnung! Das Ballet de Jupiter, in dem Ludwig XIV. dann zum Zeitpunkt von Mazarins Tod tanzt, ist in unseren Augen der Tanz der Machtergreifung: Ludwig nimmt das Heft in die Hand und sichert sich nun die Herrschaft über das Königreich. Dann folgen die Proben zu einem Stück, das während des Todeskampfes der Mutter zu sehen ist: Man sieht den König im Zentrum und den Adel, der sich um ihn dreht wie die Planeten um die Sonne. Schließlich das Ballet d'Apollon, das Ballett des Absolutismus, das letzte, das der König tanzte.

Frage:: Ist der König wirklich gefallen?

Gérard Corbiau: Über diese Frage: wird unter Musikwissenschaftlern gestritten. Man weiß, dass Ludwig XIV. dieses Ballett einmal in Les Amants magnifiques getanzt hat und dann ohne jede weitere Erklärung einen Tänzer bat, seinen Platz einzunehmen. Man sah den König danach nie wieder tanzen. In einem zeitgenössischen Text heißt es, der König habe geprobt, "bis er darüber ganz krank wurde". Hatte er sich verletzt? Dramaturgisch gesehen war dies die befriedigendste Lösung. Aber man musss auch bedenken, dass mit der Académie de Danse, die er gegründet hatte, die ersten professionellen Tänzer die Bühne betraten. Tanz wurde damit immer schwieriger und vielleicht konnte Ludwig XIV. ganz einfach nicht mehr Schritt halten.

Frage:: Ganz gleich, bei welchem Tanz, man hat immer den Eindruck, es handele sich eher um eine Skulptur als um eine Choreographie. Die Pose wirkt stärker als die Bewegung.

Gérard Corbiau: Der höfische Tanz verlangte enorm viel Kraft und Geschick. Die Koordination von Armen, Beinen und dem ganzen Körper folgte einer strengen Symbolik. In unserer Vorstellung aber ist diese Choreographie oft galant, um nicht zu sagen effeminiert. War sie es wirklich? Es handelte sich um einen Tanz von Männern, einen Tanz der Macht. Wir haben uns für diese Option entschieden und diesem Tanz damit eine moderne Seite verliehen. Béatrice Massin, die Choreographin, war auf Anhieb unserer Meinung. Auch sie wollte keine Choreografie, die die klischeehafte Vorstellung vom barocken Tanz bediente. Für uns waren folgende Punkte entscheidend: Es sollte ein viriler, fast kriegerischer Tanz sein, um den Tanz als einen Tanz der Macht darzustellen. Und aus dem selben Grund sollte es ein Tanz mit "Bodenhaftung" sein, also keiner, der sich durch viele Sprünge auszeichnet.

Frage:: Man hat den Eindruck – und die Schauspieler, die Sie ausgesucht haben, tragen viel dazu bei -, dass der König, Lully und Molière ein fröhliches Freundestrio bilden, das durch Staatsräson, durch Intrigen und Verrat allmählich auseinandergetrieben wird.

Gérard Corbiau: Ich glaube, da ist etwas dran. Dieses Männertrio wird von der Macht vernichtet. Wenn ich schreibe, denke ich überhaupt nicht an die Schauspieler, und dann kommt der heikle Moment, in dem die Figuren „körperlich“ werden. Bei Benoît Magimel war es ziemlich schnell klar. Sein heller Typ verbirgt hinter scheinbarer Härte eine große Zerbrechlichkeit. Boris Terral war genau der Richtige für die Rolle des Lully, weil auch er diese Zerbrechlichkeit besitzt, und eine erstaunliche Sensibilität - selbst wenn er jemanden spielt, der zu heftigen Ausbrüchen neigt. dass er ein schöner Mann ist und fotogen, ist auch wichtig. Die Wahl von Tcheky Karyo für die Rolle des Molière ist vermutlich eine Überraschung. Aber Tcheky strahlt so viel Menschlichkeit aus, und es liegt so viel Wärme in seiner Stimme. Molière als der Freund, das ist ganz und gar er.

Frage:: Sie haben bislang vier Kinofilme gedreht. In dreien spielt die Musik eine große Rolle. Wie wichtig ist diese Tatsache für Sie?

Gérard Corbiau: Mein größtes Anliegen ist, etwas für die schwierige Kombination von Kino und Musik zu tun. Für ein Kino, in dem die Musik nicht nebensächlich ist oder nur zur Untermalung dient. Beides - Musik und Fiktion - soll ineinander wirken und miteinander verschmelzen, und keines von beiden soll unter diesem "Zusammenleben" leiden. Das ist nicht selbstverständlich, denn das Bild hat eine enorme Wirkung. Manchmal musss man dafür sorgen, dass sich das Bild verflüchtigt, damit die Musik gehört wird. (DJFL)


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