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Interview mit Günter Grass: Unkenrufe

Danzig oder die Möglichkeit, einander zu verstehen Ein Gespräch mit Günter Grass (auch) über die Verfilmung von Unkenrufe. Frage: Herr Grass, haben Sie in Robert Glinskis Verfilmung der ...

Interview mit Günter Grass


Danzig oder die Möglichkeit, einander zu verstehen

Ein Gespräch mit Günter Grass (auch) über die Verfilmung von Unkenrufe.

Frage: Herr Grass, haben Sie in Robert Glinskis Verfilmung der Unkenrufe Ihr Buch erkannt?

Günter Grass: Die Idee der Erzählung ist erhalten geblieben, diese humane Idee eines Versöhnungsfriedhofes, die dann an der Kommerzialisierung scheitert, wie wir es heutzutage auf allen möglichen Gebieten erleben. Den Drehbuchautoren und dem Regisseur ist es gelungen, die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu arrangieren, was schwierig ist. Ich bin damit zufrieden, mir hat das gefallen. Die Ironie, der Humor des Buches sind dabei erhalten geblieben. Es gelingt dem Film, ein ernstes Thema heiter zu behandeln, ohne Schwere. Das gefällt mir, und das entspricht der Erzählung.

Der Film bewahrt das ironische Spiel mit den jeweiligen Klischeevorstellungen – wie ein Deutscher zu sein hat, wie ein Pole zu sein hat. Das kommt im Film gut. Die Schauspieler sind ausgezeichnet, die Kameraführung ist wunderbar. Man ist nicht der Gefahr erlegen, eine Art Sightseeing des schönen Danzig zu machen. Der Generationengegensatz der Erzählung kommt auch im Film gut heraus: Die ältere Generation möchte die Idee des Versöhnungsfriedhofes realisieren, scheitert aber damit; die junge Generation, also Aleksandras Sohn, der Trotzkist ist, und die beiden Töchter von Alexander, ist – aus den verschiedensten Gründen – ganz und gar dagegen.

Ich kann mir vorstellen, dass dieser Generationengegensatz auch beim Publikum eine Rolle spielen wird. Natürlich gibt es Dinge, die im Prosatext Nebensätze sind, während der Film immer dazu neigt, zu vergröbern, aber das muss man akzeptieren.

Frage: Im Film tauchen Elemente auf, die in der Erzählung nicht vorhanden sind. Stört Sie das?

Günter Grass: Nein, das stört mich nicht. Im Buch gibt es zum Beispiel nicht diese Eifersuchtsgeschichte. Und die Liebesbeziehung zwischen Alexander und Aleksandra ist bei mir etwas deftiger, das ist ein richtiger zweiter Frühling, während die beiden im Film das Ganze etwas melancholischer angehen. Aber das ist eine mögliche Interpretation.

Frage: Alexander Reschke hat viel mit Ihnen gemeinsam.

Günter Grass: Er ist mein Jahrgang, er hat die Erfahrungen meiner Generation. Er ist ein Gelehrter, fixiert auf das, was er macht, er bringt klischeehaft deutsche Züge mit. Mir kam es darauf an, die ja vorhandenen klischeehaften Vorstellungen – wie ist ein Deutscher? wie ist ein Pole, in diesem Fall eine Polin? – in Frage zu stellen. Am Ende erweist sich Aleksandra ja als die Realistin, während Alexander in Ideen verschwindet; eine Umkehrung der Rollenverteilung, und das war für mich reizvoll.

Vielleicht hängt das mit meinem zunehmenden Alter zusammen, es gibt so viele Liebesgeschichten über junge Leute; mich hat gereizt, dass zwei Ältere noch einmal die Chance zu einer Liebe, einer Leidenschaft, einer erotischen Begegnung wahrnehmen. Das hat mich als zusätzliches Moment bei der Geschichte gereizt. Beide haben vergleichbare Erfahrungen: Aleksandra kommt aus einer polnischen Familie aus Litauen, einer Flüchtlingsfamilie. Und Alexander stammt auch aus einer Flüchtlings- und Vertriebenenfamilie. Diese Worte werden direkt ausgesprochen, das ist gegen die political correctness der Zeit gewesen.

Auch in Polen hat man es ungern gehört, wenn von Vertriebenen gesprochen wurde. Aber meine Eltern und meine ganze Verwandtschaft sind regelrecht vertrieben worden. Man muss – und das macht das Buch – deutlich klarstellen: Wer hat mit den Vertreibungen angefangen? Auch wenn es in dem Buch nicht wortwörtlich so steht, ist das Ganze auf den Hitler-Stalin-Pakt zurückzuführen, ein teuflisches Übereinkommen, das damals schon Polen von Osten nach Westen verrückt hat. Und Stalins Gegenleistung war, dass die Deutschen aus den baltischen Staaten und aus Bessarabien und von überall "heim ins Reich" geholt wurden.

Nach der Besetzung wurden die Bauern auch in meiner unmittelbaren Gegend, also in Danzig, in der Kaschubei, vom Hof vertrieben, und baltendeutsche Bauern wurden an ihrer Stelle eingesetzt. Das war die erste Vertreibung. Das ist ein Unrecht gewesen. Und dann ist dieses Unrecht auf uns zugekommen. Aber es bleibt Unrecht, jede Vertreibung ist Unrecht. Für jeden, der dadurch seine Heimat verloren hat, ist das ein schmerzhafter Vorgang. So ist das Gefühl, das auch nicht abzustellen ist, wenn der Kopf weiß, dass das Ganze eine Konsequenz eines von deutscher Seite begonnenen und verbrecherisch geführten Krieges ist. Allein vom Kopf her kann dieser Verlust anerkannt werden.

Diese Einsicht war für meine politische Betätigung in all den Jahren ausschlaggebend. Deswegen bin ich mit Siegfried Lenz, der aus Ostpreußen kommt, 1970 in der Delegation von Willy Brandt nach Warschau gefahren, als er den berühmten Kniefall machte. Das ist nicht leicht für uns beide gewesen, weil wir wussten, jetzt wird etwas unterschrieben, was wir vom Kopf her zwar bejahten, aber vom Gefühl her als Verlust empfanden. Und dennoch haben wir es getan. Das ist die gedankliche Vorgabe für die Unkenrufe, die Spekulation über die Idee eines Versöhnungsfriedhofes kam auch aus meinen eigenen Erfahrungen heraus. Ich bin 1958 zum ersten Mal wieder nach Gdansk gefahren, auf der Suche nach Spuren der Stadt Danzig, die ich kannte.

Ich arbeitete damals an der "Blechtrommel", lebte in Paris und fuhr zuerst nach Warschau. Über einen Freund, Andreij Wirth, bekam ich Zugang zum Innenministerium, wo in einem Büro drei ältere Herren saßen und Akten aus der Nazizeit verwahrten. Ich suchte Überlebende der polnischen Post in Danzig. Offiziell hieß es, alle Verteidiger seien erschossen worden, aber man müsse weiterforschen. Es stellte sich heraus, dass es in diesem Büro Adressen aus dem Jahre 1949 von drei Überlebenden gab. Zwei von ihnen habe ich in Danzig getroffen und mit ihnen einige Dinge besprochen, die sich auch in meinem Roman niedergeschlagen haben. Ich erzähle das wegen einer anderen Erfahrung: Als ich in Warschau war, gab es gegenüber dem jungen, unbekannten deutschen Schriftsteller Günter Grass eine höfliche, aber ungeheure Distanz – mir verständlich.

In Gdansk war es ganz anders, dort traf ich Leute, die aus Wilna und aus Grodno kamen und die – ohne dass ich ein Wort sagte – verstanden, was in mir bei diesem Wiedersehen mit der völlig zerstörten und im Wiederaufbau befindlichen Stadt vorging. Es war auf einmal eine Nähe da, die Möglichkeit, einander zu verstehen. Dieselbe Grundlage spiegelt sich bei Alexander und Aleksandra wieder. Beide haben ihre Erfahrungen gemacht, und aus diesen Erfahrungen heraus kommt ihre humane, aber absurde und am Ende scheiternde Idee eines Versöhnungsfriedhofes.

Frage: Glauben Sie, dass dieser Film das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen positiv beeinflussen kann?

Günter Grass: Das hoffe ich. Wir waren in der deutsch-polnischen Beziehung schon einmal ein ganzes Stück weiter. Das wurde durch politische Dummheiten unterlaufen. Ich meine den Vorschlag, ein Museum über die Geschichte der Vertreibungen ganz aus deutscher Sicht zu errichten. Das hat ein nationalistisches Echo in Polen hervorgerufen. Die Nationalisten auf beiden Seiten waren auf einmal im Streit miteinander vereint, wie das oft der Fall ist.

Ich habe nichts dagegen, dass man auf europäischer Basis eine Dokumentationsstätte baut, in der die Geschichte der Vertreibungen dokumentiert wird. So etwas muss – wenn überhaupt – von allen Betroffenen gemacht werden, von Polen wie Deutschen, von Deutschen wie Tschechen, aber auch zurückgehend in die Geschichte des letzten Jahrhunderts: Die Vernichtung der Armenier durch die Türken, das war der erste große Völkermord in diesem Jahrhundert. Vertreibung muss man in einem größeren Zusammenhang sehen, und die Perspektive muss frei von Aufrechnung und Abrechnung sein. Die Reaktion in Polen war eine Überreaktion, wenn auch verständlich.

Ich bin froh, dass der Bundeskanzler Schröder und der Außenminister Fischer der Bundesrepublik von vornherein gesagt haben, so etwas kommt in dieser Form nicht in Frage. Ich hoffe, dass das von deutscher wie auch von polnischer Seite gehört worden ist, und wir wieder zu den wichtigen Dingen kommen können: zu den Brückenschlägen, wie sie zum Beispiel im Verlauf von Jahrzehnten zwischen Deutschland und Frankreich gut gelungen sind. Deutschland und Frankreich waren einmal Erzfeinde, aber es hat eine deutliche Annäherung gegeben.

Etwas Vergleichbares muss gelingen zwischen Deutschland und Polen. Darum habe ich mich immer bemüht, dafür habe ich mich eingesetzt, und wenn auch der Film Unkenrufe dazu einen Beitrag leisten kann, bin ich froh.

(DJFL)


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