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Walter Mitty

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Interview mit Hark Bohm: Für immer und immer

Hark Bohm, Regisseur, über den Film über Für immer und immer Frage: Ein Familiendrama als Psychothriller? Ist das ein Zugeständnis an amerikanische Sehgewohnheiten? Hark Bohm: In der Frage ...

Am 18.05.1939 in Hamburg geboren, aufgewachsen auf der beschaulichen Nordseeinsel Amrum. Vater war Obersenatsrat, die Mutter Studienrätin. Hark ist der Bruder des Schauspielers Marquard Bohm und Ziehvater von Uwe Bohm.1959 absolvierte er sein Abitur in Hamburg. Danach folgte das Jura-Studium von ... [komplette Biografie]

Interview mit Hark Bohm


Hark Bohm, Regisseur, über den Film über Für immer und immer

Frage: Ein Familiendrama als Psychothriller? Ist das ein Zugeständnis an amerikanische Sehgewohnheiten?

Hark Bohm: In der Frage spüre ich fast einen Vorwurf. Für immer und immer ist ein Film, den meine Mitarbeiter und ich so haben wollten. Vom Co-Autor Jon Boorstin bis zur Schnittmeisterin Margarethe Rose haben wir uns immer gefragt, wie würden wir - die Beteiligten und nicht die Amerikaner - unsere Geschichte gern auf der Leinwand erleben. Und wir waren uns bei jedem Schritt klar, unsere Geschichte appelliert an die Gefühle und arbeitet mit einer Spannung, die nicht aus spektakulären Aktionen wächst, sondern aus den beteiligten Charakteren.

Wir erzählen vom Kampf zweier junger Mütter um ein Kind. Und wir, die Zuschauer, wissen, die Gefahr für das Kind wächst aus dem Charakter einer der beiden Mütter. Aber das Kind, ein tollkühner kleiner Frechdachs, wird immer mehr von den Versprechungen und dem Charme dieses Charakters angezogen. Also stellen wir uns, als Zuschauer, nach zehn oder zwölf Minuten die Frage, Wird das Mädchen Maria sich von der Psychopatin Melanie verführen lassen und damit in eine tödliche Gefahr geraten? So wird schon immer eine spannende Geschichte erzählt. Denken Sie an "M - eine Stadt sucht einen Mörder" von Fritz Lang. Wenn überhaupt, würde ich Für immer und immer also als europäischen Psychothriller bezeichnen.

Aber "Für immer und immer" erfüllt sicher nicht alle klassischen Kriterien dieses Genres, weil uns im Rahmen der spannenden Handlung in erster Linie die Entwicklung der Gefühle der Personen interessiert haben. Ich hoffe, diese Intimität, mit der die Menschen der Geschichte uns ihre Gefühle, ihre Freude, Ängste, Zweifel, Hoffnung offenbaren, macht aus "Für immer und immer" einen in seiner Art besonderen Film, der uns etwas erzählt, was wir so noch nicht gesehen haben.

Frage: Sie haben gesagt, Sie hätten keinen typischen Hark Bohm-Film gemacht.

Hark Bohm: Hab' ich das? Typischer Hark Bohm-Film? Vielleicht weil wir, wie der Teufel das Weihwasser, vermieden haben, dem Zuschauer zu erklären, was wir sagen wollen, und es statt dessen zu einem Erlebnis gemacht haben? Wir Deutsche, inklusive Hark Bohm, haben eine Neigung, mit Kunstwerken eine These beweisen zu wollen. Kino muss aber Erlebnis sein. Welche emotionalen und rationalen Erkenntnisse der Zuschauer aus dem Erlebnis gewinnt, können wir nur ahnen. Natürlich glauben wir auch an die inneren Wahrheiten unserer Geschichte, also etwa: Mutter wird eine Frau durch liebende Fürsorge und nicht durch das Faktum der Geburt, oder auch, Mutter zu werden, muss eine Frau lernen, oder, je selbstbewußter ein Mädchen, desto eher gerät sie in Gefahr.

Frage: Also kein Thesenfilm, sondern solides Handwerk?

Hark Bohm: Um Himmels willen. Solides Handwerk ist langweilig. Es muss selbstverständlich sein, dass das dramatische Handwerk beherrscht wird. In Frankreich, England oder USA ist es das auch. Das Handwerk baut das Gerippe. Aber unter der lebendigen Gestalt darf man das Gerippe nicht spüren, wenn man nicht gerade Dramatiker von Beruf ist. Der Strom der Gefühle mit all seinen Wendungen, Stromschnellen, oder ruhigen Phasen und die Spannung müssen mich, als Zuschauer, vergessen lassen, dass ich im Kino sitze. Und deshalb bin ich ja so froh zu sehen, wie die ersten Zuschauer ihre Taschentücher zerknüllen und gebannten Auges an der Leinwand hängen. Das ist vor allem auch den Leistungen der Schauspieler zu verdanken. Ich glaube, ich habe mit der Besetzung wirklich Glück gehabt. Wie Johanna ter Steege als Pflegemutter mich in ihre Strenge, ihre Güte, Verzweiflung und das Glück mit einbezieht, das ist große Schauspielkunst, weil sie so selbstverständlich wirkt. Oder Heinz Hoenig! Haben Sie auf der deutschen Leinwand jemals einen zärtlicheren Vater gesehen? Oder wie Jeannette Arndt, die leibliche Mutter, kämpft, der Welt eine Fassade von Gesundheit zu zeigen, aber immer wieder von ihrer explodierenden Aggression weggerissen wird, sobald sie überfordert ist. Wie sie hinter ihrem kindlichen Charme und Sex das Unheil lauern läßt. Ich bewundere ihre Leistung.

Frage: Aber gerade diese Rolle ist doch von ihrer Funktion her pures Handwerk?

Hark Bohm: Sie übernimmt im Drama die Rolle der Bösen, die die Geschichte in Gang setzt und zur Katastrophe führt, klar. Und ich hoffe, dass sie dabei auch anrührende Augenblicke hat, z. B. wenn sie die Puppe ihrer Kindheit streichelt. Melanie hat ein reales Vorbild. Erschrocken und gleichzeitig fasziniert haben wir zugegriffen. Adorno soll gesagt haben, ein Drama spitzt die Wirklichkeit so zu, dass die Wahrheit sich offenbaren muss. Bei der Recherche fanden wir Mütter, die ihr Kind aus Verantwortungsbewußtsein dem Staat zur Adoption freigegeben hatten. Daneben natürlich auch unglückliche Mütter, denen der Staat das Baby wegnehmen musste, weil es zu verkommen begann. Das führte dann zu Adoption ohne die grundsätzlich erforderliche Einwilligung der Mütter, zur Zwangsadoption.

Intelligentere Mütter beugten dieser Zwangsadoption dadurch vor, dass sie ihre Kinder in eine zeitweilige Pflegschaft gaben, aber das Elternrecht behielten. Unsere Melanie ist intelligent. Sie hat diesen Ausweg gewählt, weil ihre Mutter offensichtlich nicht gewollt hatte, dass die damals sechzehnjährige Melanie das Baby behält. Man ahnt, dass Melanies eigene Kindheit voller unglücklicher Stunden gewesen ist - sie ist kein Monster, Melanie ist eher ein monströses Opfer. Wir haben uns ausführlich mit einer Psychiaterin, also einer auf krankhaftes Verhalten spezialisierten Ärztin beraten.

Und wir haben einen Charakter geschaffen, dessen konkrete Reaktionen die Ärzte für wahrscheinlich und plausibel halten. Aber wann und warum so ein Charakter, der über lange Zeit seine Psyche sogar vor sich selbst verbirgt, durchdreht und das Böse tut, können auch die Ärzte nicht vorher sagen und erklären: "Nicht Hamlet ist's, sein Wahnsinn ist's, sein Wahnsinn ist des armen Hamlet Feind." Vor allem hat uns die Recherche von einem Klischee befreit. Das Unglück oder das Böse im dramaturgischen Sinne, das Melanie verkörpert, ist nicht schichtengebunden. Die biologische Mutter war keine drogenabhängige junge Frau aus verwahrlostem Milieu.

Frage: Gut, aber haben Sie es nicht umgedreht, die Armen sind die Guten, die Reichen die Bösen?

Hark Bohm: Das ist ungenau beobachtet. Johanna ter Steege und Heinz Hoenig leben nur am Hafen, weil Heinz als Schlepperkapitän nach der Arbeit schnell bei seinen Kindern sein will. Aber der Zuschauer erfährt, dass Heinz DM 6.400 netto im Monat hat und ein Haus im Grünen kaufen will. Melanie ist nicht in erster Linie eine reiche, sondern eine kreative Frau. Sie kann Kleider entwerfen, schöne Kleider. Sie hat offensichtlich schon als Kind den Vater vermißt. Sie hat sich einen erfolgreichen älteren Mann gesucht. Wir wollten nicht einen Gegensatz zwischen arm und reich sondern zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Lebenshaltungen dramatisch so nutzen, dass die Attraktivität der leiblichen Mutter für die neugierige Tochter Maria unter jedem Blickwinkel sichtbar wird.

Frage: Aber Ihre Sympathien gehören eindeutig den Pflegeeltern Johanna ter Steege und Heinz Hoenig?

Hark Bohm: Schwer zu sagen. Immerhin haben wir die leibliche Mutter Jeannette Arndt und ihren sympathischen Mann, Robert Giggenbach, in den Drehort gesetzt, in dem wir vor langer Zeit schon "Moritz lieber Moritz" angesiedelt hatten, und in dem ich selbst schon als Kind gespielt habe. Die Schauspieler, das vorweg, sind mir zunächst alle gleichermaßen sympathisch, und ich bewundere die Leistung eines jeden. Nebenbei, nein, ganz besonders auch die Leistung unserer Tochter Lili als Maria. Aber der Anlaß für die ganze Geschichte war, dass unseren Nachbarn, die Kinder adoptiert und später andere geboren haben, ein Kind weggenommen wurde. Da wir selbst auch Adoptiveltern sind, haben wir mitgelitten. Ja, doch, letztlich sind unsere Sympathien bei ihnen, bei den Pflegeeltern. Ich persönlich habe aber auch mit Melanie tiefes Mitleid. Für mich ist sie ein klassisch-tragischer Charakter, der an sich selbst zugrunde geht. Wenn ich sie am Schluß da liegen sehe, muss ich meine Tränen zurückhalten.

Frage: Sie sagten eben, der Film spielt zum Teil an dem gleichen Drehort wie "Moritz lieber Moritz", also doch ein Hark Bohm-Film?

Hark Bohm: Gut, der Film spielt auch am gleichen Drehort wie "Nordsee ist Mordsee", also auf der Elbe und wie "Yasemin" in Hamburg-Altona. Aber ich glaube, unsere Erzählhaltung hat sich erweitert, verbessert. Das Thema wird in allen westlichen Industriestaaten aktuell. Als wir vor drei Jahren in den USA waren, berichteten alle Blätter von dem vierjährigen Jungen, den seine leibliche Mutter als Baby fortgegeben hatte und nun zurück wollte. Ich recherchierte und entdeckte, dass mindestens ein Dutzend Fälle in den USA gerichtsanhängig waren. Denken Sie an "Mighty Aphrodity", an "Flirting with Desaster" aus den USA, an "Secrets and Lies" aus Groß-Britannien. Aber natürlich ist das auch ein Film, der auf meine Initiative in Hamburg und unter meiner Regie entstanden ist, und insofern ist es ein Hark Bohm-Film, aber eben ein Hark Bohm-Film neuer Art.

Frage: In Hamburg, also auch eine Liebeserklärung an Ihre Heimatstadt?

Hark Bohm: Das ist ein zu großes Wort. Eine Liebeserklärung an meine Frau und meine Kinder, das ist der Film sicher. Aber ich hatte das Glück, neben wirklich wundervollen Darstellern auch einen großartigen Kameramann für den Film gewinnen zu können. Und unser Ehrgeiz war, einen Stil zu entwickeln, in dessen Zentrum zwar die Darsteller ihre Charaktere verkörpern und die Geschichte vorantreiben, in dessen Hintergrund aber immer der Atem dieser Stadt spürbar sein sollte. Ich glaube, Arthur Reinharts zauberhafte Fotografie, durch die immer auch die innere Gestalt dieser Geschichte, die innere Wahrheit der Charaktere schimmert, ist das weitgehend gelungen. So wird durch Arthurs Kunst wohl auch meine Verbundenheit mit Hamburg zu sehen sein.


(DJFL)


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