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Interview mit Heike Makatsch: Almost Heaven

"Country ist der Blues der Weißen." Heike Makatsch ist die Darstellerin der Helen in dem deutschen Kinofilm Almost Heaven Frage: Was war Ihre erste Reaktion nach der Lektüre des Drehbuchs? ...

* 13. August 1971 in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Schauspielerin, Sängerin Die gebürtige Düsseldorferin Heike Makatsch hat eine Karriere im Zeitraffertempo hingelegt - vom TV-Girlie der Nation Mitte der 90er Jahre zur anerkannten Charakterschauspielerin in deutschen Kino- und ... [komplette Biografie]

Interview mit Heike Makatsch


"Country ist der Blues der Weißen."

Heike Makatsch ist die Darstellerin der Helen in dem deutschen Kinofilm Almost Heaven

Frage: Was war Ihre erste Reaktion nach der Lektüre des Drehbuchs?

Heike Makatsch: Mir hat gefallen, dass das eine ebenso traurige wie lustige Geschichte ist, die dank der Musik viel Spaß macht und mit ihren exotischen Schauplätzen auch visuell eine Menge hergibt.

Vor allem aber habe ich die beiden Hauptfiguren geliebt: Helen und Rosie sind sehr trockene, störrische und eckige Charaktere - keine makellosen Heldinnen, die uneingeschränkt als Vorbild herhalten könnten. Beide verschließen die Augen vor ihren Unzulänglichkeiten und verbeißen sich in ihre Vorstellungen von sich selbst, bis die andere kommt und diese Vorstellungen aufbricht.

Frage: Wie würden Sie denn die beiden Figuren charakterisieren?

Heike Makatsch: Sie kommen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Hintergründen und Sehnsüchten. Helen ist die disziplinierte Deutsche, die bis zum Schluss kontrolliert auf einen Punkt hinarbeitet und einen Plan verfolgt, von dem sie sich Erfüllung in ihrem Leben erhofft. Sie rennt wie mit Scheuklappen auf dieses Ziel zu, anstatt mal loszulassen und innezuhalten.

Die Idee, in den Tag hinein zu leben oder mal nach rechts und links zu gucken, ist ihr völlig fremd. Mit dieser Mentalität kommt sie in ein Land, in dem komplett andere Regeln gelten - und daraus entsteht sofort eine extreme Reibung.

Frage: Vor allem durch die Begegnung mit Rosie ...

Heike Makatsch: Genau. Rosie hat sich von sämtlichen Zielen und Träumen längst verabschiedet, weil sie froh ist, wenn sie ihren tagtäglichen Kampf ums Überleben gewinnt. Sie lebt im Hier und Jetzt und hat es überhaupt nicht eilig - denn es gibt nichts, das sie erreichen müsste. Ihr Problem ist ihr Fatalismus. Sie muss lernen, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, und sich klarmachen, dass nicht nur die Gegenwart zählt, sondern auch das, was man für später daraus macht.

Und auf der anderen Seite muss Helen erkennen, dass die Erfüllung nicht unbedingt im Erreichen irgendwelcher Ziele liegt, sondern viel eher in der Freude, die man durch die Begegnung mit anderen Menschen bekommt. Das finde ich so schön an ALMOST HEAVEN: dass die beiden Hauptfiguren sich gegenseitig inspirieren.

Frage: Hat es Sie auch gereizt, endlich in einem Film mal wieder singen zu können?

Heike Makatsch: Ja, darauf habe ich mich sehr gefreut - zumal ich wusste: Es ist Musik, die ich gern mag und gern singe. Allerdings beherrsche ich auf der Gitarre nur drei Griffe. In den Szenen, in denen Helen sich zum Beispiel am Straßenrand selbst mit der Gitarre begleitet, spiele ich also nicht wirklich Gitarre, sondern man hört stattdessen den Gitarristen David Ogilvy.

Diese Songs haben David und ich in einer gemeinsamen Session in London aufgenommen. Das hat großen Spaß gemacht. Ich bin auch ziemlich stolz darauf und mag die Lieder sehr gern, die wir ausgesucht haben.

Frage: Sie mögen tatsächlich Country-Musik?

Heike Makatsch: Country ist der Blues der Weißen. Wenn Country-Musik wahrhaftig ist, also nicht verwässert durch irgendeinen Schlager-Kitsch, dann geht sie direkt ins Herz. Ich mag Country-Ladies wie Dolly Parton, Tammy Wynette und Lynn Anderson, die an das glauben, was sie da singen.

Ich frage mich manchmal, ob es vielleicht mit dem Älterwerden zusammenhängt, dass ich derzeit mit Vorliebe Alison Krauss auf meinem iPod höre. Aber ich finde, man spürt, dass Country sehr tiefe Wurzeln hat, dass es eine Musikrichtung ist, die schon lange lebt und sich immer weiter entwickelt hat.

Frage: Und Reggae?

Heike Makatsch: Mit Reggae konnte ich lange Zeit nicht so viel anfangen. So sehr ich Bob Marley immer geschätzt habe, auch als politische Figur - seine Musik war nie wirklich mein Ding. Doch durch meinen Aufenthalt auf Jamaika habe ich die Musik sehr lieben gelernt, vor allem die Rocksteady-Variante - nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Northern Soul so ähnlich ist, den ich sehr mag.

In Kingston haben wir nächtliche Straßenfeste erlebt, bei denen aus turmhohen Lautsprechern von Soul über Rocksteady und Reggae bis hin zu Dancehall alle möglichen Musikrichtungen zu hören sind und tausende Menschen zu einer riesigen tanzenden Menge verschmelzen. Da haben sie zum Beispiel auch Country-Songs von Crosby, Stills, Nash & Young in Rocksteady-Stücke umgewandelt. Wie man sieht, sind Country und Reggae vielleicht doch nicht so weit voneinander entfernt ...

Frage: Nachdem ALMOST HEAVEN auch ein Roadmovie ist - haben Sie viel von der Reggae-Insel gesehen?

Heike Makatsch: Ja. Es war ein absolutes Kontrastprogramm: Einerseits haben wir zum Beispiel zwei Tage in einem Armenviertel von Kingston gedreht, das auf einer Müllhalde gebaut worden war - und ich erinnere mich, wie aus den Wellblechhütten Kinder in Schuluniform und mit gestärktem Hemd herauskamen. Andererseits gab es die wunderschöne Provinz Portland, wo alles so grün und saftig ist. Dort waren wir in einer Bungalow-Anlage untergebracht, die in den 50er Jahren eine Luxusabsteige für Hollywoodstars war.

Seitdem ist anscheinend dort nichts mehr repariert worden - die Bungalows sind völlig heruntergekommen, verrostet und verschimmelt. Und das alles direkt am Meer auf einem riesigen Gelände, das aussieht wie in "Jurassic Park": Von einem Bungalow zum anderen läuft man knapp fünf Minuten durch einen Wald aus gigantischen Palmen und Mangobäumen. Allerdings hat nur das deutsche Team da gewohnt; die Jamaikaner haben sich geweigert, weil sie fest davon überzeugt waren, dass es dort spukt ...

Frage: Gibt es noch weitere Eindrücke aus Jamaika, die Sie geprägt haben?

Heike Makatsch: Sehr viele. Ich fand die Menschen sehr nett und sehr entspannt - manche fast schon wieder zu entspannt, weil sie einfach von morgens bis abends Dope rauchen. Aber am eindruckvollsten war vielleicht unsere Fahrt von Kingston nach Portland: Als wir dort in den Bergen auf einer Brücke drehen wollten, hatte ich plötzlich einen Natur-Flash, den ich gar nicht bei mir kenne - ich bin normalerweise niemand, der der Natur sentimental gegenübertritt.

Doch die Landschaft war so reich und überwältigend, das ich tatsächlich glaubte, eine Gotteskraft zu spüren. Das war schon ein großer Glücksmoment.

Frage: Wie war es für Sie, im tropischen Klima zu drehen?

Heike Makatsch: Wir mussten ja immer im Hinterkopf behalten, dass es Helen gesundheitlich gar nicht so gut geht - deshalb durfte ich so gut wie nie in die Sonne, damit ich möglichst blass blieb. Kaum kam ich mal zwei Schritte unter meinem Schirm hervorgekrochen, schon rief jemand: "Heike, rein mit dir!"

Außerdem haben wir auf Jamaika mit einem Gelbfilter vor der Kameralinse gedreht, der die Menschen besonders gut und gesund aussehen lässt - die Maskenbildnerin musste also ständig gegen diesen Gelbfilter anschminken, um mich elend aussehen zu lassen. Darum hat sie unter das normale Make-up noch ein grünes Make-up aufgetragen: Jeden Tag wurde ich erst mal so grün geschminkt wie Pistazien-Eis! Ich bin wirklich froh, dass der Gelbfilter diesen Effekt wieder etwas relativiert hat ...

Frage: Sie haben aber nicht zum ersten Mal auf Jamaika gearbeitet?

Heike Makatsch: Stimmt, mit "Die Affäre Semmeling" war ich schon mal auf der Insel. Aber das war eine völlig andere Erfahrung - da hatten wir im Hilton gewohnt und das Hotel auch nie verlassen, weil man uns gesagt hatte: "Lieber nicht. Zu gefährlich." Diesmal waren wir zum Beispiel mitten in Kingston in Wohnungen untergebracht, haben uns in der Stadt frei bewegt und selbst eingekauft. Ich habe mir mit Nikki Amuka-Bird ein kleines Apartment geteilt - das war perfekt, um sich in kürzester Zeit näher kennen zu lernen.

Frage: Wie war das Zusammenspiel mit ihr?

Heike Makatsch: Wunderbar. Obwohl wir beide sehr unterschiedlich sind, könnte ich sie mir sehr gut als Freundin vorstellen. Es gab von Anfang an eine Sympathie zwischen uns, die uns bei den Dreharbeiten sehr geholfen hat. Denn weil wir uns mochten, spürte man in unseren Szenen immer in einer zweiten Ebene die Möglichkeit einer Freundschaft zwischen den beiden Figuren. Das hat die Arbeit mit ihr sehr angenehm gemacht.

Frage: Was ist Ed Herzog für ein Typ Regisseur?

Heike Makatsch: Er ist ganz ruhig und leise bei seinen Anmerkungen. Trotzdem spürt man ziemlich schnell, dass er ganz konkrete Vorstellungen hat - er formuliert sie bloß nicht diktatorisch, sondern eher als Vorschlag: "Man könnte es doch mal so probieren…" Sanft, aber sicher führt er einen an den Punkt, an dem er zufrieden ist.

Und er lässt den Schauspielern ihre Freiräume, freut sich sogar über das, was sie anbieten. Wenn man das als Darsteller spürt, dann macht es natürlich umso mehr Spaß zu zeigen, was man sich vorgestellt hat.

Frage: Was nimmt man als Zuschauer mit aus dem Film?

Heike Makatsch: Ich glaube, dass der Film einem das Herz öffnet und einmal auswringt. Dass man lacht und weint und mitsummt und sich an einem anderen Land erfreut. Dass man über sein eigenes Leben nachdenkt - zum Beispiel darüber, ob man die Dinge eher wie Helen oder eher wie Rosie angeht.

Und dass man danach vielleicht ein bisschen an seiner eigenen Haltung herumschraubt: "Jetzt aber mal langsamer!" Oder: "Etwas mehr Zukunft im Blick, bitte!" Abgesehen davon denke ich, dass man in ALMOST HEAVEN einfach sehr gut unterhalten wird! (DJFL)


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