Interview zu Man On Wire mit Philippe Petit
…Als würde man durch den Himmel gehen… Philippe Petit Die Welt stockte den Atem an: Am 7. August 1974 balancierte ein Franzose namens Philippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Twin Towers des ...
Interview mit Philippe Petit
…Als würde man durch den Himmel gehen… Philippe Petit
Die Welt stockte den Atem an: Am 7. August 1974 balancierte ein Franzose namens Philippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Twin Towers des World Trade Centers in New York, den beiden höchsten Türmen der damaligen Welt. Nachdem er eine Stunde lang ohne Netz oder Sicherheitsgurt auf dem Drahtseil tanzte, wurde er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Bis zu diesem Moment hatte niemand außer Petit und seinen Freunden, mit denen er diesen illegalen „Coup“ von langer planerischer Hand vorbereitet hatte, je etwas davon erfahren. Am 22. Januar 2009 kommt James Marshs packender Dokumentarfilm über den mutigen Franzosen in die Kinos. Als (nunmehr leidliches) Zeitdokument , man denke an den 11. September 2001, wieder zum Leben erweckt, zeigt das waghalsige Abenteuer auch die Umstände unter Beteiligung aller Helfer, die seinerzeit dieses illegale Kunststück zustande brachten, das als sogenanntes „künstlerisches Verbrechen des Jahrhunderts“ Historie schrieb. Philippe Petit verriet Loop nun einiges zum damaligen Skandal:
DigitalVD.de: Wie wird man Drahtseilartist?
Philippe Petit: Da gibt es hundert Wege, wie Artistenschulen, meistens der Zirkus und vieles andere mehr. Ich habe mir das alles vorwiegend selber beigebracht, aber erst im Alter von 17 Jahren. Der Grund war, es hat mich schon als Kind fasziniert, wie Seiltänzer in luftigen Höhen balancierten, während alle unten gebannt zuschauten. Da dachte ich mir. Das willst Du selbst auch probieren!
DigitalVD.de: Hatten Sie und haben Sie nie Angst gehabt?
Philippe Petit: Nein nie, dann hat man verloren und sollte es lassen. Ich habe ja auch mit einem Meter Höhe angefangen, mich allmählich gesteigert, bis ich immer sicherer wurde. Das ist, wie bei jeder anderen Extrem-Sportart auch. Ob das Kunstspringen, Trapezkünstler oder Jongleure sind. Ich habe ja auch viel als Straßenaktionskünstler praktiziert, da kommt die Balance und das Geschick von alleine. Klar, es muß einem liegen, so richtig erlernen kann keiner das, ohne begabt zu sein. Wie bei allem eben.
DigitalVD.de: Was muß man exakt tun, um zwischen den Twin Towers zu balancieren?
Philippe Petit: Man sollte, wie heute die Fassadenkletterer, Drachenflieger oder auch Gebäudejumper absolut geheimhalten, sonst bekommt man vorher die Einladung auf die Polizeiwache. Das war ja auch ein Mordstheater, als ich damals abgeführt wurde. Ich sehe immer noch die verblüfften und ungläubigen Gesichter der Cops vor mir. Der Ausdruck sagte mir alles:. „Was für ein Wahnsinniger“, aber andererseits auch stille Bewunderung. Dann kommt das Lebenswichtigste.
DigitalVD.de: Was genau?
Philippe Petit: Die technischen und meteorologischen Vorbereitungen. Wie beim Formel 1 rennen, Paragliding oder Kunstfliegen: Mensch, Material und Wetter muß einfach 1000%ig in Ordnung sein, sonst setzt man sich unnötigen Risiken aus. Muß ja nicht sein, ich bin vielleicht waghalsig aber kein potentieller Selbstmörder. Du kannst nicht mit einen vier Meter langen Baststöckchen über dem Notre Dame oder am Eiffelturm spazieren. Das Wetter muß stimmen, es darf vor allem nicht windig sein, die Stahlstange sollte auf den Gramm genau tariert sein. Beim WTC war si 8 Meter lang und an die 30 kg schwer, das Seil selbst weit mehr als 200 Kilogramm.
DigitalVD.de: Aber die Winde um die damaligen Towers sind doch in solchen Höhen sehr tückisch. Konnten Sie da alle eventuellen Sicherheitsrisiken exakt berechnen?
Philippe Petit: Eine 100%ige Sicherheit gibt es natürlich nie. Wenn der Zufall übel mitspielt ist es aus. Ja, gerade da oben sind die Fallwinde tückisch, können von einer Sekunde zur anderen schlagartig wechseln. Deswegen hatte ich ja auch den August gewählt. Wir studierten 1974 stündlich und tagelang vorher sämtliche Wetterberichte in und um new York. Und dann war es so weit, mit meinem Team warteten wir den richtigen Zeitpunkt ab, dann wurde schnell alles installiert, damit es losgehen konnte.
DigitalVD.de: Was hatten Sie für ein Feeling?
Philippe Petit: Gigantisch und einmalig, das war einer der Kick und das Abenteuer meines Lebens überhaupt, und ich habe schon einiges Verrücktes überstanden. Es war, als würde man durch den Himmel gehen, eine solche Tiefe, ein Blick nach unten verursacht schon Todesangst und Herzinfarkte. Aber ich hatte mir das in den Kopf gesetzt und musste es einfach machen. We ein zwang. Sonst hätte ich zeitlebens gedacht, Du hast das Entscheidende versäumt.
DigitalVD.de: Wie ist das denn mit 60 Jahren? Sind Sie weiser und vorsichtiger geworden?
Philippe Petit: Ja schon, ich bedenke immer noch alles vorher und wäge sämtliche Details noch vorsichtiger ab. Aber ich mache weiter. Ich arbeite ja noch als Straßen-Künstler in der Artistik und auch auf den Hochseilen. Das werde ich machen, bis ich sterbe, auf unnatürliche Weise oder nicht. so.
DigitalVD.de: Was ist dann als Nächstes geplant?
Philippe Petit: Es wird eine große Aktion der berühmten Oper in Sidney stattfinden, und ich habe vor, auch auf den Osterinseln über die gigantischen Seinköpfe zu balancieren, im Kreis, von einem zum anderen.
DigitalVD.de: Wieder illegal?
Philippe Petit: (lächelt) Nein natürlich wird das vorher angemeldet, die Projekte sind auch zu groß. Da alles exakt vorbereitet werden. Ich verstehe mich nicht als Hochseil-Irrer sondern als Drahtseilkünstler, es soll auch symbolischen und künstlerischen Charakter besitzen. Das ist effektiver als Reden zuschreiben, weil die Leute auf Spektakuläres und Sensationelles sofort abfahren. Umso gefährlicher, umso interessanter. So sensationslüstern ist der Mensch eben. (Jean Lüdeke)
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