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Interview mit den Produzenten von Sommersturm: Jakob Claussen

"Schwulsein ist heute definitiv viel selbstverständlicher." Jakob Claussen ist der Produzent des deutschen Kinofilms Sommersturm. Frage: Wie ist die Idee zu Sommersturm entstanden? Thomas ...

Interview mit Jakob Claussen


"Schwulsein ist heute definitiv viel selbstverständlicher."

Jakob Claussen ist der Produzent des deutschen Kinofilms Sommersturm.

Frage: Wie ist die Idee zu Sommersturm entstanden?

Thomas Wöbke: Ich hatte die Idee schon lange mit mir herumgetragen. Schon vor einigen Jahren fiel mir auf, dass es eine Geschichte wie diese im deutschen Film einfach noch nicht gab, mal abgesehen von Wolfgang Petersens Fernsehproduktion „Die Konsequenz“ mit Jürgen Prochnow von 1977, die ja in Bayern verboten wurde. Ich weiß noch, dass meine Mutter sich damals wahnsinnig darüber aufgeregt hatte.

Als ich den Film dann Jahre später selber gesehen hatte und vor allem auch die „Skandal-Szene“, in der sich zwei Männer küssen, da fand ich dieses Verbot einfach nur hirnrissig. Seit damals hat sich natürlich viel verändert. Abgesehen von dem Kinofilm „Coming out“ von Heiner Carow, der noch Ende der 80er von der DEFA produziert wurde, gab es seitdem keinen deutschen Film, der das Thema „Schwul-Sein“ so in eine Geschichte packt.

Jakob Claussen: Wenn Schwule im deutschen Kino auftauchen, sind es meistens Drogenabhängige, Stricher und Fummeltrinen. Mit der Idee, das Ganze mal anders und lebensnaher zu zeigen, beschäftigten wir uns schon länger – es fehlte nur der Impuls.

Thomas Wöbke: Der kam, als uns Marco Kreuzpaintner eine Rohfassung von GANZ UND GAR (2002) zeigte, und wir erkennen konnten, wie viel Talent er besitzt. Auch sein „Jetzt“-Film REC – KASSETTENMÄDCHEN/KASSETTENJUNGS hatte mir bereits imponiert – aber GANZ UND GAR gefiel mir vor allem deshalb so gut, weil er in gewisser Weise kommerziell ist. Als klar war, dass Marco unseren Film inszenieren würde, haben wir in der Literatur nach Stoffen gesucht, auf deren Grundlage ein Drehbuch entstehen könnte, in dem Schwulsein als Normalität angesehen wird.

In allen Büchern, die wir zu dem Thema lasen, ging es jedoch immer sehr stark um Sex. Ich hatte eher Filme wie BEAUTIFUL THING („Die erste Liebe“, 1996) oder MY BEAUTIFUL LAUNDRETTE („Mein wunderbarer Waschsalon“, 1995) im Kopf. So einen Stoff zu finden, war schwierig. Bis Marco schließlich sagte: „Dann lasst uns doch einfach meine eigene Geschichte erzählen“. Und das taten wir dann.

Jakob Claussen: Und das ging relativ schnell: Marco schrieb ein Exposé. Dann suchten wir nach einem Ko-Autoren, Thomas Bahmann, und zusammen schrieben beide das Drehbuch. Die Finanzierung ging eigentlich auch recht schnell. X VERLEIH und Pro7 waren sofort mit an Bord.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Marco Kreuzpaintner?

Thomas Wöbke: Sehr angenehm. Er hat seine Aufgaben wirklich großartig bewältigt.

Uli Putz: Er hat die Figuren ganz genau getroffen. Um dies sicherzustellen, hatte er sich vorher mit jedem einzelnen Darsteller viel Zeit genommen und erklärt, wie er sich die jeweiligen Charaktere vorstellt.

Thomas Wöbke: Er ist großartig mit dem Team umgegangen, alle waren von Anfang an eine große Familie. Die meisten kannten wir ja auch schon aus früheren Produktionen.

Jakob Claussen: Andere, wie Daniel Gottschalk, der Kameramann, hatten schon mit Marco bei GANZ UND GAR zusammengearbeitet. Auch er ist ein sehr angenehmer, sehr ausgleichender Mensch. Es war gut, ihn bei den relativ harten Dreharbeiten dabei zu haben ...

Frage: Welche besonderen Schwierigkeiten hattet Ihr zu bewältigen?

Uli Putz: Zunächst war es sehr schwer, Locations zu finden. Als klar war, in welchem Bundesland wir drehen würden, mussten wir dort die entsprechende Seenlandschaft finden – und das im Sommer! Ein exklusives Ufer, nur für uns – das war bei schönem Wetter natürlich schwierig.

Thomas Wöbke: Erst in letzter Minute bekamen wir die Genehmigung für Dreharbeiten an der Bevertalsperre im Bergischen Land, das letzte Motiv, das zur Auswahl stand. Hätten wir das nicht bekommen, hätten wir die Produktion um ein Jahr verschieben müssen. Probleme gab es natürlich auch: Wir wollten unbedingt Luftaufnahmen machen, um zu zeigen wo die verschiedenen Zeltlager liegen. Immerhin spielt fast der gesamte Film am See und drumherum, da möchte man schon wissen: Wo sind wir überhaupt?

Über der Bevertalsperre herrschte aber Flugverbot. Mit Hilfe des Landwirts, bei dem wir die Locations gemietet hatten, konnten wir dann in letzter Minute eine Fluggenehmigung erwirken. Und wir hatten Glück, dass wenigstens an diesem letzten Drehtag am See die Sonne schien: Wir haben Ende August gedreht und es war vorher so lange so heiß, dass wir vorher schon ahnten, dass es am ersten Drehtag regnen würden. Und so war es auch.

Jakob Claussen: Der letzte Sommer war ja so heiß, dass das Wasser in der Umgebung so knapp wurde und Wasser aus den Talsperren gebraucht wurde. Das bedeutete: Als wir am ersten Drehtag zum Set kamen, sah alles vollkommen anders aus! Und der dann folgende Regen konnte das nicht wieder wettmachen!

Uli Putz: Am Vorabend standen die Zelte noch am Wasser – am nächsten Tag waren sie zehn Meter davon entfernt! Und dann hat es von da an fast jeden Tag geregnet. Als wir die Sturmszene drehen wollten, gab es wirklich ein Unwetter – und die Aufnahmen wurden viel zu gefährlich. Wir mussten einen weiteren Drehtag einplanen und mit Windmaschinen und Hubschraubern arbeiten, um den Sturm künstlich zu erzeugen. Was uns schon wieder vor das Problem mit der Fluggenehmigung stellte.

Thomas Wöbke: Die andere Schwierigkeit lag natürlich darin, das 18-köpfige Schauspielerteam in den Griff zu bekommen. Was uns dabei half war, dass die Schauspieler während der insgesamt sechs Wochen an der Bevertalsperre das selbe Hotel bewohnten. Sie hatten eine ziemlich wilde Zeit ...

Jakob Claussen: ... man hatte wirklich den Eindruck einer völlig durchgeknallten Jugendherberge.

Thomas Wöbke: Aber dieser Jugendherbergscharakter war natürlich sehr wichtig – denn das war ja genau die Stimmung, die wir auf die Leinwand bringen wollten. Es sind alle viel mehr zusammengewachsen.

Uli Putz: Und da alle ständig am selben Ort waren, konnte man natürlich viel schneller auf die Gegebenheiten und Änderungen reagieren.

Frage: Wie war die Besetzung zustande gekommen?

Thomas Wöbke: Als wir die Besetzung begannen, waren wir mit Robert Stadlober noch inmitten der Pressearbeit zu VERSCHWENDE DEINE JUGEND (2003) und für ihn standen als nächstes eigentlich Theaterproben auf dem Programm – für „Romeo & Julia“. Er wollte aber unbedingt wieder einen Film drehen. Er mochte das Drehbuch sehr und die Figur Tobi hat ihn gereizt und bedeutete für ihn eine neue Herausforderung. Sommersturm war ein sehr wichtiges Projekt für ihn.

Jakob Claussen: Abgesehen von Robert, der einfach der beste Schauspieler für die Rolle des Tobi war, hatten wir auch mit den meisten anderen schon zusammengearbeitet: Mit Alicja Bachleda-Curus in HERZ IM KOPF (2002), mit Marlon Kittel in VERSCHWENDE DEINE JUGEND (2003) ...

Uli Putz: ... mit Hanno Koffler in ANATOMIE 2 (2003) und mit Tristano Casanova in HIMMEL UND HÖLLE (1993).

Thomas Wöbke: Eigentlich waren nur Kostja Ullmann und Miriam Morgenstern „neu“. Natürlich bestand die Gefahr, dass das Ensemble nicht funktionieren würde – es waren letztlich sämtliche Altersklassen vertreten. Die Jüngste war Miriam Morgenstern, die war damals erst 16!

Frage: Glaubt Ihr, dass sich auch das Publikum in Sommersturm wieder finden wird?

Thomas Wöbke: Ich denke, dass es immer mehr junge Leute gibt, die kein Problem mehr mit Homosexualität haben; es ist ja auch nicht mehr so, dass man jeden Schwulen auf der Straße erkennt. Es gibt nicht mehr nur diese Klischeetypen.

Uli Putz: Schwulsein ist heute definitiv viel selbstverständlicher.

Jakob Claussen: Natürlich ist es für den Einzelnen immer noch ein Problem, eine Herausforderung, mit seiner Homosexualität umzugehen. Aber man muss sich heutzutage nicht mehr damit verstecken. Wir haben bei der Recherche unglaubliche Geschichten gehört, von Männern, die nach dem ersten schwulen Sex ihre Stadt verlassen mussten, um nur ein Beispiel zu nennen. Heute dagegen ist Schwulsein eine regelrechte Marktlücke – es gibt „schwule“ Reisebüros, die Werbung hat die Homosexuellen entdeckt, Großbanken haben Angestellte, die sich speziell um die schwule Klientel kümmern ...

Thomas Wöbke: Gleichzeitig gibt es natürlich immer noch genug Menschen, die sich davor ekeln, wenn Männer miteinander intim sind. Aber letztlich steht die Homosexualität bei uns ja gar nicht unbedingt im Zentrum des Films.

Uli Putz: Es geht um einen Jungen, der feststellt, dass er in seinen besten Freund verliebt ist, und nicht in ein Mädchen. Und insofern geht es natürlich um eine Geschichte, die jeden anspricht – denn wer hat sich nicht schon einmal in jemanden verliebt, der diese Liebe nicht erwidert? (DJFL)


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