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Interview mit Joseph Vilsmaier: Und keiner weint mir nach

Joseph Vilsmaier führt Regie in dem Film Und keiner weint mir nach Frage: Warum haben Sie sich entschlossen, Sigi Sommers Roman "Und keiner weint mir eine Träne nach" zu verfilmen? Joseph ...

Interview mit Joseph Vilsmaier


Joseph Vilsmaier führt Regie in dem Film Und keiner weint mir nach

Frage: Warum haben Sie sich entschlossen, Sigi Sommers Roman "Und keiner weint mir eine Träne nach" zu verfilmen?

Joseph Vilsmaier: Sigi Sommer hat schon immer Sachen geschrieben, die mich sehr interessiert haben, als "Blasius, der Spaziergänger" oder noch früher in der Süddeutschen Zeitung. Er hatte die ganz besondere Gabe, genau das,was er beobachtet hat, ganz genau in Worte umzusetzen und ein unheimlich gutes Auge für Menschen und ihre Schicksale - ganz besonders natürlich in seinem Roman, der für mich einfach ein wunderschöner Stoff für einen Film ist. In meinem Film habe ich versucht, seine Sprache in die passenden Bilder umzusetzen.

Frage: Romanverfilmungen sind schwierig, weil so viele Leute sofort den Film mit dem Buch vergleichen.

Joseph Vilsmaier: Das ist richtig, aber 1:1-Verfilmungen gibt es einfach nicht. Im Sommer-Roman sind zum Beispiel hunderte von Randpersonen, die beschrieben sind. Das kann man in 100 Minuten auf einer Kinoleinwand gar nicht alles zeigen. Selbst am Drehbuch mussten wir dann noch einmal drastisch kürzen. Das hatte zunächst eine Länge von drei Stunden. Aber wir wollten uns von Anfang an ganz bewußt auf die Liebesgeschichte zwischen Marilli und Leo beschränken. Das war für uns der Hauptpunkt.

Frage: Wie schaut es mit den Dialogen aus?

Joseph Vilsmaier: Willy Purucker hat ja das Drehbuch geschrieben. Und ich finde, er hat es einfach grandios gemacht. Das ist nicht einfach bayrisch, was die Leute im Film reden. Da sind ungeheure Feinheiten drin, auch mentalitätsbezogene. Da gibt es Situationen, die typisch für uns Bayern sind: Einer sagt zum Beispiel "nein" und jeder weiß, dass er eigentlich "ja" meint.

Frage: Das historische Geschehen spielt diesmal nur eine Nebenrolle.

Joseph Vilsmaier: Stimmt. Wir wollten die große Geschichte von Anfang an nur am Rande mitspielen lassen. Und wir haben das im Laufe der Dreharbeiten noch mehr beschränkt. Zuerst hatten wir zum Beispiel viel längere Kriegs-Szenen im Film. Die haben wir jetzt auf ein absolutes Minimum gekürzt. Man sieht nur, wie die übrigen drei Freunde nach dem Tod von Leo einrücken. Kurz darauf berichtet der Erzähler, wer im Krieg umkommt.

Frage: Zu den Hauptdarstellern Nina Hoss und Peter Ketnath: Sie haben da mal wieder zwei ganz neue, frische Gesichter entdeckt.

Joseph Vilsmaier: Ja. Die beiden haben vorher noch nie in einem Film mitgespielt. Wir haben monatelang gesucht und waren schon ganz verzweifelt, aber drei Wochen vor Drehbeginn haben wir die beiden glücklicherweise doch noch gefunden. Nina ist aus der Nähe von Stuttgart, Peter aus München. Unser Biwi ist auch ganz toll. Einer meiner echten Favoriten in dem Film. Wie gut die Nina ist, sieht man auch daran, dass sie sich Bernd Eichinger gleich danach für die Hauptrolle von "Das Mädchen Rosemarie" geholt hat.

Frage: Ist Nina Hoss für Sie die ideale Marilli?

Joseph Vilsmaier: Die Nina ist ein echter Glücksfall, sie ist hübsch und begabt. Das ist in dieser Altersgruppe unter den Schauspielerinnen mehr als selten. Wie stelle ich mir meine Marilli vor? In diesen Vorstadt-Häusern ist es ja manchmal durchaus so, dass man dort nicht gerade die hübschesten Mädchen findet. Aber wir wollten ja keinen Dokumentarfilm machen. Ich mache Kino. Ich will Menschen zeigen, mit denen sich die Leute identifizieren und die sie auch mögen können.

Frage: Warum?

Joseph Vilsmaier: Na, weil es einfach zu wenig gute und hübsche Schauspielerinnen gibt, die gerade mal 20 sind und die man nicht schon tausendmal im Fernsehen gesehen hat. Unsere Marilli sollte etwas Besonderes und Frisches sein. Und die haben wir gefunden.

Frage: Und Peter Ketnath?

Joseph Vilsmaier: Für diese Rolle haben wir den feineren Typ gesucht. Der Leo Knie durfe auf keinen Fall bayrisch-grobschlächtig wirken, dafür ist die Rolle zu schwermütig. Peter Ketnath paßt genau in dieses Bild, und was ich bis jetzt so von Mädels gehört habe, ist er ein ungeheurer Frauentyp. Genau so sollte er auch sein.

Frage: Eine wichtige Rolle in dem Film spielt auch das Haus in der Mondstraße. Gibt es das noch?

Joseph Vilsmaier: Wir haben so ein altes Haus in München gefunden, genau aus dieser Zeit, sogar im Ur-Zustand. Leider ist es zur Zeit nicht bewohnt und es liegt auch nicht ganz genau in dem Münchner Stadtviertel, in dem der Film spielt. Es steht in Untergiesing. Für die Dreharbeiten haben wir das ganze Haus so eingerichtet, wie es damals ausgesehen haben muss. Die passenden Möbel, die Fensterluken in den Türen, das Treppenhaus, der Dachboden. Einfach alles. Selbst den Spengler Müller gibt's noch, das ist heute eine Schlosserei in der Nähe vom Max-Weber-Platz.

Frage: Wie schaut es mit den Außendrehs aus?

Joseph Vilsmaier: Das war schon schwieriger. Ich kenne München wirklich sehr gut, aber wir haben keinen einzigen, wirklich intakten Straßenzug aus dieser Zeit gefunden, in dem noch alles stimmt und wo wir hätten drehen können. Dazu mussten wir für ein paar Szenen in die Altstadt von Prag ausweichen.

Frage: So eine Hausgemeinschaft wie die der Mondsträßler - glauben Sie, dass es das heute noch gibt?

Joseph Vilsmaier: Eigentlich nicht. Es gibt sicher Häuser, in denen die Nachbarn human miteinander umgehen. Aber damals haben die Menschen über Generationen miteinander in einem Haus gelebt. Heute zieht doch jeder mehrmals in seinem Leben um.

Frage: Verraten Sie uns Ihre schönste Erinnerung bei den Dreharbeiten?

Joseph Vilsmaier: Mit den Newcomern hat die Arbeit unheimlich viel Spaß gemacht. Am Anfang waren sie alle noch sehr schüchtern, aber nach zwei Wochen herrschte eine unheimlich lockere und schöne Arbeits-Atmosphäre. Und dann natürlich die Kinder. Wir haben unheimlich lange nach dem kleinen Leo und der kleinen Marilli gesucht und viele Castings gemacht, aber es hat einfach nicht gepaßt. Eine Woche vor Drehbeginn hab ich mir dann gedacht: Jetzt frag ich meine Tochter Janina, ob sie die Rolle spielen will, und die war gleich ganz begeistert. Und dann hat unser Regie-Assistent Hanus Polak gesagt: "Probier's für den jungen Leo doch mal mit meinem Sohn Jan." Ich hab ihn nur angeschaut und gesagt: "Warum hast Du das nicht schon früher gesagt? Ich kenne seinen Sohn und wußte sofort: Der ist grandios für diese Rolle. Einfach klasse, der Bub.

Frage: Die Musik spielt ja auch immer eine große Rolle in einem Film. Was haben Sie da ausgesucht?

Joseph Vilsmaier: Wir haben sehr viel Original-Musiken. Die ganz alten Schlager wie "Einmal in Hawai", dazu komponierte Filmmusik von Karel Svoboda und dann natürlich noch der berühmte "Einsame Sonntag" von Bulanger, den sich die Freunde daheim im Wohnzimmer als Schellack-Platte auflegen. Das haben wir von Wilfried Grabe noch einmal neu aufnehmen lassen. Eine wirklich tolle Musik. Übrigens: Die Geschichte, dass sich die Leute damals auf diese Musik hin umgebracht haben, stimmt wirklich.

Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch, Joseph Vilsmaier! (DJFL)


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