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Interview mit Jürgen Egger: Harald

Jürgen Egger führt Regie in dem Film Harald Frage: Sie waren jetzt einige Jahre lang als Drehbuchautor tätig. Bei "Harald" haben Sie zum ersten Mal Regie geführt. Wie war die Erfahrung? Jürgen ...

Interview mit Jürgen Egger


Jürgen Egger führt Regie in dem Film Harald

Frage: Sie waren jetzt einige Jahre lang als Drehbuchautor tätig. Bei "Harald" haben Sie zum ersten Mal Regie geführt. Wie war die Erfahrung?

Jürgen Egger: Anstrengend. Als Regisseur muss man furchtbar früh aufstehen.

Frage: Wie früh denn?

Jürgen Egger: Bei Tag-Drehs prinzipiell immer vor 13 Uhr, was an sich schon mal menschenverachtend ist. Bei Harald bin ich oft schon um 5 Uhr früh aufgestanden. Was heißt hier aufgestanden? Ich bin aus dem Bett gefallen, in die Dusche gerobbt, in das Auto eines extrem freundlichen Produktionsfahrers gekrabbelt, aus dem Auto ans Set getorkelt, und alle haben mich wieder freundlich begrüßt. Es gibt nichts Schlimmeres. Du wankst halbtot an ein Filmset, und alle Anwesenden begrüßen dich freundlich. Furchtbar. Grausam.

Frage: Was ist daran so grausam?

Jürgen Egger: Die Freundlichkeit. Um halb sieben Uhr morgens erwarte ich von jedem einigermaßen vernünftigen Menschen eine gewisse Rotzigkeit oder wenigstens betretenes Schweigen. Stattdessen war meine Crew jeden verdammten Morgen hochmotiviert, bestens gelaunt, und alle überboten sich gegenseitig an Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Was bleibt dir da übrig? Da musst du dann einfach auch freundlich und höflich sein.

Frage: Sie waren also, mit anderen Worten, sehr zufrieden mit Ihrer Crew?

Jürgen Egger: Was heißt zufrieden? Die Crew hat diesen Film gemacht. Ich stand nur dumm herum und habe "action" und "cut" gefaucht, oder "gatecheck" oder "wild track".

Frage: Wieso auf Englisch?

Jürgen Egger: Nicht, weil ich das jetzt besonders cool fand, sondern weil meine Crew zum Teil englischsprachig war. Mein Kameramann, Seamus McGarvey, ist Ire, der Focus Puller Südafrikaner, der Oberbeleuchter und der Dolly Grip sind Engländer, einer der Beleuchter war Amerikaner. Die Arbeitssprache am Set war also Englisch, und das hat zu einigen sehr netten Situationen geführt.

Frage: Jetzt sind aber Beispiele fällig!

Jürgen Egger: An einem Drehtag haben wir mit unserem Stuntman Florian Osswald einen Sturz vom dritten Stock gedreht. Mein Kameramann Seamus und ich waren mit der ersten Kamera auf einem cherry-picker, einem ... wie sagt man da in Deutsch ... so einem Kran halt, einem Steiger, und wir waren ungefähr eine halbe Stunde in 25 Meter Höhe. Seamus nimmt mich irgendwann am Arm und sagt mir: "These cherry pickers, they're scary fuckers". Schöner konnte man den Moment nicht beschreiben.

Frage: In Ihrem Film geht es um einen Außerirdischen. Ist das der Versuch, dem momentanen Trend mit Außerirdischen-Filmen gerecht zu werden?

Jürgen Egger: Absolut. Ich habe nichts Besseres zu tun, als mir den ganzen lieben langen Tag intensivst zu überlegen, welchem Trend ich denn als nächstes hinterherhecheln könnte. Und als ich erfahren habe, dass in Hollywood "Independence Day" und "Mars Attacks!" gemacht werden, dachte ich mir, da hänge ich mich Vollrohr trittbrettfahrermäßig dran und nenne den Film "Harald", was sogar noch brutaler rüberkommt.

Frage: Ihr Filmheld Harald kann nicht lügen. Er sagt immer die Wahrheit. Wie halten Sie es mit Wahrheit und Lüge?

Jürgen Egger: Ich lüge prinzipiell immer. Nein, das stimmt nicht. Ich lüge eher selten, aber dann gerne und oft.

Frage: Wann haben Sie zum letzten Mal gelogen?

Jürgen Egger: Vor ungefähr zehn Sekunden.

Frage: Wenn Sie Ihren Film mit anderen Filmen vergleichen würden ­ wo würden Sie Harald einordnen?

Jürgen Egger: Harald steht irgendwo in einem Dreieck aus Monty Python, Jacques Tati und Frank Tashlin ... nein, es ist ein Viereck. Mr. Bean ist noch dabei ... nein. Es ist ein Oktaeder ...

Frage: Lassen wir das. Welche Regisseure sind Ihre Vorbilder?

Jürgen Egger: Ausschließlich Regisseure, die "John" mit Vornamen heißen.

Frage: Wie bitte?

Jürgen Egger: Naja, halt Regisseure, die "John" heißen. John Ford, John Hughes, John Carpenter, John Sayles, John Woo und so. Aber, mal ehrlich, ich mag auch Terry, Monte, Quentin und Henri. Steven, Robert und Takeshi sind auch okay. Oder Kar-Wai, Ringo und Luc.

Frage: Was soll das?

Jürgen Egger: Das frage ich mich auch gerade.

Frage: Bei Harald waren eine britische Crew und britische Geldgeber involviert. Wie kam es dazu?

Jürgen Egger: Den Kameramann Seamus McGarvey habe ich schon engagiert, als wir von britischem Investment in den Film noch garnichts wußten. Ich mochte einfach seinen Stil, und außerdem war er verrückt genug, mit einem Greenhorn wie mir zu arbeiten. Wahrscheinlich liegt's an seiner Jugend ­ Seamus ist erst 28. Trotzdem sagte er mir während der Vorproduktion und erst recht während der Dreharbeiten ungefähr dreimal am Tag: "Doctor Egger, you're sick in your head." Für Seamus und einen englischen Musiker, aus dessen Repertoire ich einige Stücke für den Film lizensieren werde, habe ich das Drehbuch ins Englische übersetzen lassen. Das fiel dann den Leuten vom European Co-Production Fund in London in die Hände, und die wollten auf einmal mitproduzieren.

Frage: Selber schuld ...

Jürgen Egger: Mich hat's sehr gefreut, denn ich bin humormäßig hoffnungslos anglophil. Ich kann über englischen, schottischen, walisischen und irischen Humor lachen, bis mir die Hose platzt. Das gelingt mir mit deutschem Humor eher selten.

Frage: Ist der Humor in Harald also typisch britisch?

Jürgen Egger: Ich bin gottfroh, wenn in dem Film überhaupt ein Funke Humor drin ist. Wenn die Leute lachen, freue ich mich. Es ist mir verdammt egal, ob sie über typisch britischen, deutschen oder fränkischen Humor lachen. Hauptsache, sie lachen. Dazu ist der Film da, und zu sonst gar nix.

Frage: Gibt es darüberhinaus eine Botschaft in Harald?

Jürgen Egger: Selbstverständlich. Ich habe nichts Besseres zu tun, als mir den lieben langen Tag intensivst zu überlegen, welche Botschaft ich als nächstes in die Welt setze. Die Botschaft in "Harald" lautet: Trenne deinen Hausmüll, belästige keine Frauen, masturbiere leise, fahre ein Auto mit Katalysator, benutze Kondome, respektiere Nichtraucher, leiste Trauerarbeit, brich verhärtete Strukturen auf und sei insgesamt ein Stück weit irgendwie politisch korrekt. Oder so.

Frage: Meinen Sie das jetzt ironisch?

Jürgen Egger: Ich meine nie was ironisch.

Frage: Sie haben für Harald keinen einzigen Star besetzt ­ die Hauptrollen spielen Heinrich Schafmeister, Martina Gedeck und Ingo Naujoks, alles bekannte Leute, aber keine Stars. Fand Ihr Produzent, Thomas Häberle von der Kinowelt, das nicht riskant?

Jürgen Egger: Ich wollte eigentlich nur das Buch zu Harald schreiben. Thomas hat mich dazu überredet, den Film auch zu inszenieren. Ich habe ja gesagt, und dann habe ich ihm gesagt: Ich will keinen Star und ich will einen 28jährigen irischen Kameramann und ich will den halben Film im Studio drehen und ich will kein Hochglanz-Set und keine lichtdurchflutete Altbauwohnung, sondern ein kleines Loch voller Krimskrams, und ich will im Titel des Films weder das Wort "Weib", noch "Mann". Und ich will Techno-Musik im Film. Thomas hat das merkwürdigerweise alles geschluckt. Insofern denke ich, dass Thomas das Wort "riskant" gar nicht kennt.

Frage: Jürgen Egger, herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch. (DJFL)


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