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Interview mit Julia Jentsch: Sophie Scholl

"Natürlich versuchen wir, der Geschichte gerecht zu werden." Julia Jentsch ist die Darstellerin der Sophie Scholl in dem deutschen Kinodrama Sophie Scholl - Die letzten Tage. Frage: Was hat ...

* 20. Februar 1978 in Berlin, Deutschland, Schauspielerin Julia Jentsch, Jahrgang 1978, absolvierte ihre Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin und startete anschließend ihre Karriere im Theater. Seit 2001 ist sie Mitglied des Ensembles der Münchner ... [komplette Biografie]

Interview mit Julia Jentsch


"Natürlich versuchen wir, der Geschichte gerecht zu werden."

Julia Jentsch ist die Darstellerin der Sophie Scholl in dem deutschen Kinodrama Sophie Scholl - Die letzten Tage.

Frage: Was hat Sie an Sophie Scholl - Die letzten Tage am meisten gereizt?

Julia Jentsch: Das Extreme und Außergewöhnliche an der Situation: Wir begleiten jemanden, der kurz vor dem Lebensende steht, durch die polizeilichen Verhöre und den Gerichtsprozess hindurch bis zur Hinrichtung. Einen Menschen, der diesen Weg in den Tod mit einer unglaublichen Stärke geht – und der bis zuletzt mutig für seine Ziele und Ideale kämpft. Das hat mich einerseits fasziniert und andererseits neugierig gemacht: Wie denkt und fühlt so jemand? Ich wollte versuchen, mich dieser Figur anzunähern. Mir war klar, dass das eine große Herausforderung sein würde. Aber gleichzeitig wusste ich: Das ist eine Geschichte, die sich unbedingt zu erzählen lohnt!

Frage: Wie sah Ihre Vorbereitung aus?

Julia Jentsch: Ich habe viel gelesen: vor allem Sophie Scholls Briefe und ihre Tagebücher, aber auch die Verhörprotokolle. Mit Alexander Held, der den Vernehmungsbeamten spielt, habe ich mich vor Drehbeginn immer wieder getroffen, um die Texte zu lernen und die Verhör-Szenen zusammen zu erarbeiten – ich fand es sehr schön, dass auch von seiner Seite das Bedürfnis nach dieser gemeinsamen Arbeit zu spüren war. Und ich habe mir auf Video die Interviews angesehen, die Marc Rothemund mit Anneliese Graf und Elisabeth Hartnagel geführt hatte: sehr spannend! Allerdings haben die beiden mich in Konflikte gestürzt, als sie beschrieben haben, wie Sophie geredet hat ...

Frage: Sie sprach mit schwäbischem Akzent?

Julia Jentsch: Ja. Aber Marc und ich waren uns sehr früh einig, dass ich das im Film nicht tun sollte: Eine schwäbelnde Sophie Scholl hätte doch eine Distanz und eine Irritation geschaffen, die wir nicht wollten. Ich habe gemerkt, dass es nicht sinnvoll ist, wenn ich versuche, Sophie so exakt wie möglich zu kopieren: Ich sehe anders aus als sie, ich habe eine andere Stimmlage ... Stattdessen habe ich mich bemüht, ein Gefühl für sie zu entwickeln – zum Beispiel durch die Art, wie sie schreibt: Daran kann man zumindest ein bisschen ablesen, wie sie denkt und mit welchen Dingen sie sich beschäftigt. Insofern habe ich schon versucht, möglichst nahe an sie heranzukommen.

Frage: Finden Sie es prinzipiell schwieriger, historische Persönlichkeiten darzustellen?

Julia Jentsch: Ich empfinde das durchaus als große Herausforderung. Als Schauspielerin will man jeder Figur gerecht werden, die man verkörpert. Aber bei Figuren, die tatsächlich gelebt haben, kommt noch etwas hinzu: Verantwortung gegenüber denen, die sie kannten. Ihnen möchte ich auf keinen Fall zu nahe treten. Marc hat sich bemüht, mir diese Bedenken zu nehmen, indem er mir klar machte: Natürlich versuchen wir, der Geschichte gerecht zu werden und so authentisch wie möglich zu sein – doch letztlich können wir nur unsere eigene Sicht auf die Geschichte erzählen, basierend auf dem, was wir recherchiert haben und was beim Drehen daraus entsteht. Die historischen Fakten sind die eine Seite – aber mindestens genauso wichtig ist es, dass die emotionale Reise der Figuren stimmig ist. Das hat mich überzeugt.

Frage: Haben Sie vor den Dreharbeiten die Filme von Michael Verhoeven und Percy Adlon über Sophie Scholl gesehen?

Julia Jentsch: Den Film Die Weiße Rose kannte ich schon vorher; er richtet sein Augenmerk aber vorwiegend auf eine andere Zeitspanne – insofern bestand nicht die Gefahr, sich davon allzu sehr beeinflussen zu lassen. „Fünf letzte Tage“ habe ich dagegen erst später gesehen, worüber ich im Nachhinein sehr froh war. Denn ich fand den Film ganz toll – und wenn ich ihn schon vor den Dreharbeiten gekannt hätte, dann hätte er mich womöglich zu sehr geprägt.

Frage: Wie haben Sie es geschafft, während der Dreharbeiten noch Theater zu spielen?

Julia Jentsch: Das war schon ziemlich heftig. Denn wir hatten bei „Sophie Scholl“ einen sehr knappen Zeitplan – und dadurch lange Drehtage. Das hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich manchmal tagsüber zwölf Stunden gedreht habe, abends auf der Bühne der Münchner Kammerspiele stand und morgens um sechs wieder bei „Sophie Scholl“ angefangen habe. Ein paar Mal haben wir sogar nach meiner Theatervorstellung nachts noch weiter gedreht. Es war eine sehr intensive Zeit für mich!

Frage: Waren Sie nie erschöpft?

Julia Jentsch: Doch, natürlich. Aber es hat mich immer wieder angespornt, mit was für einer bewundernswerten Energie Marc Rothemund und sein Kameramann Martin Langer an die Sache herangegangen sind: Die waren auch nach 15 Stunden immer noch hellwach und wussten noch ganz genau, was sie wollten. Überhaupt fand ich es beeindruckend zu erleben, wie genau sich Marc in der Geschichte auskennt, was für einen präzisen Blick er hat – und wie er trotz des Zeitdrucks immer wieder unerbittlich nach der besten Lösung sucht: Irgendwie schafft er es sogar nach einem langen, harten Drehtag mitten in der Nacht, nochmal alle Kräfte zu bündeln.

Frage: Ein großer Motivator?

Julia Jentsch: Absolut! Das fand ich eigentlich das Herausragendste bei dieser Produktion: dass alle Beteiligten – nicht nur die Schauspieler, sondern auch das ganze Team – so sehr an der Geschichte interessiert waren und den Anspruch hatten, sich intensiv damit auseinander zu setzen. Selbst wenn die Leute total fertig waren, wollten sie trotzdem bis zuletzt dabei bleiben und das Beste rausholen – für „Sophie Scholl“!

Frage: Wie würden Sie Sophie charakterisieren? Was zeichnet sie aus?

Julia Jentsch: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie ein großes Interesse an anderen Menschen hatte. Und ein enormes Mitgefühl: Wie sie über Begegnungen mit verschiedensten Leuten schreibt, wie sie sich mit ihnen auseinandersetzt, das finde ich schon bemerkenswert. Hinzu kommt ein großer Wissensdurst – immer wieder liest man in ihren Briefen: „Schick’ mir neue Bücher, ich bin am Verhungern!“

Frage: Meinen Sie, dass ihr Glaube ihr auf ihrem Weg von der Verhaftung bis in den Tod geholfen hat?

Julia Jentsch: Mit Sicherheit. Interessant finde ich dabei, dass ihr Vater sich eher von der Kirche fern gehalten hat, während ihre Mutter sehr religiös war, ohne ihren Kindern den Glauben aufzudrängen. Die Geschwister Scholl haben also beide Haltungen mitbekommen, konnten sie kritisch betrachten und selbst entscheiden, welche sie annehmen wollten. Sie haben also aus eigenem Antrieb zu Gott gefunden. Ich bin überzeugt, dass Sophie kurz vor ihrem Tod, als sie so allein war, große Kraft aus ihrem Glauben geschöpft hat. Ihre Gebete im Film sind jedenfalls überliefert.

Frage: In den Gestapo-Verhören hat sie Nerven wie Drahtseile bewiesen ...

Julia Jentsch: Stimmt. Sie hat es tatsächlich geschafft, den Vernehmungsbeamten, der ein erfahrener Verhör-Profi war, stundenlang zu täuschen und von ihrer Unschuld zu überzeugen. Wenn man die Verhörprotokolle liest, kann einem Sophie fast ein wenig unheimlich werden. Sie muss in diesen Stunden eine enorme Ruhe und Selbstsicherheit gehabt haben. Als dann ihr Kommilitone Christoph Probst überführt wird, als ihr Bruder deswegen schon gestanden hat, als die Beweise gegen sie erdrückend werden und sie nicht mehr leugnen kann, nimmt sie alles auf sich, um ihre Freunde zu schützen – das hat sicher wieder mit ihrem ausgeprägten Mitgefühl zu tun. Und schließlich besitzt sie auch noch die Stärke, die goldene Brücke auszuschlagen, die der Vernehmungsbeamte ihr baut – sie unterschreibt quasi ihr eigenes Todesurteil, indem sie zu ihren Ideen steht und sagt: „Nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung!“

Frage: Haben Sie sich je gefragt, wie Sie selbst in dieser Situation gehandelt hätten?

Julia Jentsch: Natürlich. Und ich kann nur sagen: Ich hoffe, dass ich mich auch so entschieden hätte. Aber ich weiß es wirklich nicht. Es wäre wohl auch vermessen zu behaupten, man würde sich ebenso verhalten. Ihre Zellengenossin Else Gebel hat überliefert, dass Sophie gesagt hat: „Ständig sterben unzählige Menschen daheim durch Bombenangriffe oder irgendwo an der Front für diesen falschen Krieg – warum sollte ich also nicht mein Leben einsetzen für eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt? Für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit?“

Frage: Am Anfang des Films sieht man, wie Sophie zu einem Lied von Billie Holiday singt und tanzt ...

Julia Jentsch: Ja, es war uns wichtig, auch zu zeigen, was für ein lebensfroher Mensch Sophie war. Auf alten Fotos sieht man, wie sie mit ihren Freunden zum Wandern und Schwimmen gegangen ist, wie sie Feste gefeiert und Wein getrunken hat. Ihren Verlobten Fritz Hartnagel hat sie beim Jazztanz kennen gelernt. Sie war alles andere als eine Todessehnsüchtige, sondern ein neugieriges, interessiertes, lebenslustiges Mädchen.

Frage: Kein ätherisches Wesen mit Heiligenschein ...

Julia Jentsch: Nein, ein Mensch. Eine junge Frau. Das sollte man nicht vergessen. Einerseits kennt man die Aussage ihres Henkers, dass er in seiner gesamten Laufbahn niemanden erlebt hätte, der so aufrecht zum Schafott geschritten wäre wie Sophie Scholl. Andererseits sind auch Momente überliefert, in denen sie geweint hat – zum Beispiel, als sie hörte, dass Christoph Propst verhaftet worden war. In den Verhören wirkte sie meistens sehr konzentriert und gefasst, in ihrer Zelle dagegen oft emotionaler und weicher. Das war für mich die größte Schwierigkeit bei der Darstellung: mich in jeder Szene fragen zu müssen, in welchem Zustand Sophie gerade ist. Überwiegt ihre innere Kraft und ihre Sicherheit, oder bricht ihre Angst und ihre Traurigkeit durch? Diese Frage hat mich während der gesamten Dreharbeiten verfolgt.

Frage: Ein permanenter Kampf zwischen Stärke und Todesfurcht?

Julia Jentsch: Ja, genau. Das ist ja gerade das Spannende an dieser Figur. Ein übermenschliches Wesen zu zeigen, das irgendwo in unerreichbarer Ferne schwebt, fände ich völlig uninteressant. Die Zuschauer sollen sehen, dass Sophie ein ganz normales Mädchen mit Ängsten war – und dass dieses Mädchen Entscheidungen getroffen hat, die wir auch treffen können. Man kann sich nicht einfach herausreden, indem man sagt: „Ich bin halt nicht so stark wie Sophie Scholl.“ Blödsinn! Auch Sophie ist nicht als Heldin geboren worden, sondern dank ihres Sinns für Freiheit und Gerechtigkeit an ihrer Aufgabe gewachsen. Ihr Beispiel zeigt uns, dass man seine eigenen Ängste und Schwächen auch überwinden kann – und dass man für seine Stärke kämpfen muss.

Frage: Also kein Film, der bloß mit dem Fernglas in die Vergangenheit schaut ...

Julia Jentsch: Nein, überhaupt nicht. Das Problem der Zivilcourage stellt sich doch immer wieder – zum Beispiel, wenn in der U-Bahn jemand angepöbelt wird. Sophie zwingt uns dazu, uns zu fragen: Wie würdest du dich verhalten? Handelst du tatsächlich immer so, dass du es vor deinem Gewissen vertreten kannst? Und wie weit würdest du für deine Ideale gehen? Insofern ist der Film hochaktuell! (DJFL)


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