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Interview mit Kai Wessel: Das Jahr der ersten Küsse

Kai Wessel ist der Regisseur des Films Das Jahr der ersten Küsse Frage: Können Sie sich noch an Ihr Jahr der ersten Küsse erinnern? Kai Wessel: Ja, da war ich 8 oder 9, das fand alles ganz ...

Interview mit Kai Wessel


Kai Wessel ist der Regisseur des Films Das Jahr der ersten Küsse

Frage: Können Sie sich noch an Ihr Jahr der ersten Küsse erinnern?

Kai Wessel: Ja, da war ich 8 oder 9, das fand alles ganz heimlich statt, in einer Zementröhre ... Und danach kam lange nichts, ich hab mich für Mädchen dann erst mal nicht so interessiert. Erst später wieder, dann kam schon Erotik dazu, da war ich - wie die Jugendlichen im Film - auch so 15, 16.

Frage: Das Jahr der ersten Küsse erzählt ja auch von all den unangenehmen Dingen, die die Pubertät so mit sich bringt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Kai Wessel: Ich erinnere mich mehr an Atmosphären als an einzelne Geschichten. Also ans verliebt sein, jemanden nicht aus dem Kopf bekommen, und natürlich furchtbar zu leiden, das war grauenhaft. Aber auch an Freundschaften mit Jungen und die Fragen, über die man so geredet hat: liebt man richtig? Warum liebt einen der andere nicht? Ich glaube, man hat sich damals mehr ausgetauscht als in meinem jetzigen Alter. Die Jugendlichen im Film befinden sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in einer Schlüsselszene übernimmt Tristan zum ersten Mal Verantwortung, indem er Simones Vater die Meinung sagt. Tristan ist ein Mensch, der von seinem Elternhaus viel Sinn für Gerechtigkeit und Unrecht mitbekommen hat. In dieser Szene setzt er sich für Gerechtigkeit und für Simones Freiheit ein. Simone wird unterdrückt von ihrem Vater, sie darf nicht in die Disco ... Tristan kämpft für ein Stückchen Freiheit für Simone und gewinnt.

Frage: Wie war es für Sie, mit 10 jugendlichen Darstellern zu arbeiten?

Kai Wessel: Die erste Schwierigkeit war die Besetzung. 10 Protagonisten zu haben heißt auch, 10 Geschichten zu erzählen. Dafür hat der Film aber nur bedingt Platz. Deshalb musste man Leute finden, die einerseits glaubhaft eine Clique bilden, andererseits aber jeder für sich bestehen kann. So dass man beim ersten Eindruck weiß, wer das ist. Dann gab's ganz pragmatische Schwierigkeiten wie Arbeitsgenehmigung, Unterbringung, Reise - also bürokratischer Aufwand. Und 10 Jugendliche sind schon manchmal wie ein Bienenhaufen.

Frage: Warum war es Ihnen wichtig, dass die Jugendlichen während der Dreharbeiten zusammen wohnen?

Kai Wessel: Ich wollte nicht, dass die 10, die sich ja nicht kannten, am 1. Tag zum Drehort kommen und so tun mussten, als ob sie sich gut und lange kennen. Deshalb haben wir sie schon eine Woche vor Drehbeginn zusammengeholt, Schauspielübungen und Aufwärmspiele gemacht, damit sie die Scheu verlieren. Indem sie zusammen wohnten, kochten, was unternommen haben, konnte daraus wirklich eine Art Clique entstehen. Und es war toll zu sehen, wie professionell die waren, wie jeder genau wusste, wo die wichtigen Punkte sind in der Geschichte, wie alle 100% auf den Punkt da waren.

Frage: Bei aller Professionalität, es gab ein paar heikle Szenen zu drehen - Kussszenen z.B., fiel das leicht?

Kai Wessel: Ich hab versucht, ihnen nah zu sein, ein Berater zu sein, der für alle Fragen offen ist. Ich hab sie aber nie gefragt: ist das Dein erster Kuss? Hast Du schon mal mit jemandem geschlafen? Ich finde, das ist ihr Geheimnis und wer drüber reden wollte, konnte das ja tun. Nachdem der erste Filmkuss gelandet war, ist diese Info bestimmt rumgegangen. Und es gab natürlich auch rote Backen nach dem ersten Kuss.

Frage: Oliver Korittke ist kaum im Bild zu sehen, aber er erzählt den ganzen Film. Und er sieht dem jungen Tristan alias Max Mauff verblüffend ähnlich. Wer war zuerst da?

Kai Wessel: Max war zuerst da. Dann haben wir gesucht - wer kann denn da als Erwachsener zu passen. Und dann meinte jemand, der sieht doch aus wie Oliver Korittke. Dann haben wir ihn kontaktiert. Seine Präsenz m Bild ist ja nur kurz, aber durch seine Stimme wird er den Film sehr bestimmen.

Frage: Das Jahr der ersten Küsse sielt in den 80er Jahren - wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Kai Wessel: Es gab größere Gegensätze als heute. Bei politischen Bewegungen und in der Mode. Punk bis Yuppie, das ist schon eine Spanne. Damals waren das alles noch richtige Gruppen, heute vereinzelte Erscheinungen. Vielleicht war man auch gesellschaftspolitisch engagierter, aber damit hat der Film nicht viel zu tun. Nur am Rande, wenn z.B: Tümai offensichtlich aus der Ökoecke kommt mit Latzhose, Halstuch und Stricken-im-Unterricht. Aber die Grundkonflikte waren dieselben: Liebe, Trauer, Verletztheit, Freundschaft, die Gefühle verändern sich nicht wesentlich.

Frage: Kann der Film Jugendlichen helfen, mit ihrer Pubertät besser klar zu kommen?

Kai Wessel: Wir versuchen überhaupt nicht, junge Leute zu verarschen. Wir wollen unterhalten, aber nicht auf Kosten der Wahrheit. Das kann schon helfen, weil man auf der Suche ist, was die eigenen Gefühle relativiert. Wenn man sieht "dem geht's auch so" oder "dem geht's ganz anders". Jeder kennt doch die Probleme, deshalb ist es gut, solche Filme zu machen. (DJFL)


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