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Interview mit Kay Weniger: Personenlexikon des Films

"Perfektion ja, aber keine Verzettelung." Kay Weniger, Autor des Standardwerkes Das große Personenlexikon des Films, erzählt über Anregung und Motivation, Zweifel und Strapazen sowie ...

Interview mit Kay Weniger


"Perfektion ja, aber keine Verzettelung."

Kay Weniger, Autor des Standardwerkes Das große Personenlexikon des Films, erzählt über Anregung und Motivation, Zweifel und Strapazen sowie Bedenkenswertem während seiner Arbeit am seinem großartigen Werk.

Frage: Herr Dr. Weniger, mit dem vorliegenden Werk Das große Personenlexikon des Films legen Sie in dieser Sparte das umfangreichste Werk weltweit vor. Können Sie uns etwas über sich, Ihre Herkunft, Ihren Werdegang verraten?

Kay Weniger: Ich bin, wenn Sie so wollen, ein preußisch-hanseatischer Österreicher: gebürtiger Berliner, überzeugter Hamburger mit einem österreichischen Pass. Ein promovierter, seit 1957 in Hamburg lebender Kunsthistoriker, Historiker und Archäologe. Meine Doktorarbeit, "Wiederaufbau- und Neubauplanung in Hamburg 1945 - 1950", hatte mit Film rein gar nichts zu tun. Nach meinem Studienabschluss bin ich durch alle fünf Kontinente gereist, war aber bereits als Kind und Jugendlicher sehr häufig im Ausland. Der Zufall wollte es, dass ich meine journalistische Laufbahn auch noch als Reiseredakteur begann. Dabei hätte ich lieber von Anfang an als Film- und Fernsehjournalist gearbeitet. Meine Eltern waren zur Zeit meiner Geburt in Berlin Schauspieler. Mein Vater arbeitete unter Bert Brecht am Berliner Ensemble, meine Mutter war am Deutschen Theater unter Wolfgang Langhoff engagiert und hat bei der DEFA gefilmt, unter anderem mit Wolfgang Staudte.

Frage: Ihr Interesse an der Materie Film ist also sozusagen genetisch beginnt?

Kay Weniger: Nicht wirklich. Meine Familie ist ziemlich kosmopolitisch, über halb Europa verstreut. Da gibt es deutsche und österreichische, böhmische und sogar bulgarische Wurzeln. Wenn ich allein die letzten drei Generationen zurück blicke, gab es bei uns Künstler wie Kaufleute, Bänker wie Politiker - mein Urgroßvater hat es vor dem Ersten Weltkrieg sogar bis zum Justizminister unter Bulgariens Zar Ferdinand gebracht, meine Großmutter ging als ganz junges Mädchen am Hof von Sofia ein und aus.

Frage: Wie und wann entdeckten Sie eigentlich Ihre Liebe zum Film?

Kay Weniger: Das war ein schleichender, aber sehr früh einsetzender Prozess. Solang ich denken kann, haben mich Film und Fernsehen schon immer sehr interessiert, aus dem Hobby wurde im Laufe der 60er und frühen 70er Jahre Passion, schließlich ein Beruf. Ich habe nach meinem Studienabschluß neben der hauptamtlichen Tätigkeit als Reisejournalist auch gelegentlich als Filmjournalist bei so unterschiedlichen Publikationen wie Hörzu, Die Welt und Welt am Sonntag gearbeitet. Zuletzt überwog mein filmjournalistisches Engagement, ich war es leid, mich mit immer denselben Sonne-Sand-und-Meer-Geschichten, seien es die Malediven, sei es Rügen, zu beschäftigen.

Frage: Gab es für Sie ein Initiationserlebnis? Was war der erste Film, an den Sie sich bewusst erinnern können, den Sie in Ihrer Kindheit gesehen haben?

Kay Weniger: Der erste, in den meine Mutter meinen zwei Jahre älteren Bruder - wie ich ebenfalls Buchautor, aber für Reiseliteratur - und mich reingeschleppt hat, war Pongo und Perdita aus der Disney-Fabrikation. Übrigens einer der bezauberndsten Zeichentrickfilme, die ich je gesehen habe. Obwohl das nunmehr fast vier Jahrzehnte zurückliegt, und ich diese später als 101 Dalmatiner in Live Action neu verfilmte Geschichte nur einmal gesehen habe, kann ich mich noch ganz genau an dieses erste Kinoerlebnis erinnern.

Frage: Was war für Sie der hauptsächliche Grund, mit der Arbeit an diesem Werk zu beginnen?

Kay Weniger: Ärger kann ein wunderbarer Antriebsmotor sein. Und ich habe mich als begeisterter Filmkonsument viele Jahre lang schwarz geärgert über die Masse an Fehlinformationen in den gängigen Filmlexika, egal ob deutscher oder internationaler Herkunft. Irgendwann kam einmal der Punkt, dass ich deutlich mehr Ahnung von der Materie als andere hatte und ich mir sagte: Das kannst du besser.

Frage: Wann hatten Sie die Idee zu diesem Buch? Auf wie lange war die Arbeit von Ihnen geplant?

Kay Weniger: Schon in den frühen 70er Jahren begann ich, bei Vor- bzw. Abspännen von Filmen im Kino und Fernsehen die Besetzungslisten abzuschreiben. Später notierte ich mir auch die Namen der Kameraleute, Drehbuchautoren, Regisseure und so weiter, listete alles handschriftlich auf und heftete diese ersten Biographie-Versuche - es waren anfänglich meist nur Filmographien - in Aktenordnern ab. Diese Tausende von Hand geschriebenen Seiten existieren heute noch. Als ich zum Jahresende 1993 bei der Welt am Sonntag ausschied, nahm ich mir vor, auch weil ich jetzt endlich die nötige Zeit hatte, alles in eine vernünftige Form zu gießen. Im Februar 1994 habe ich mir meinen ersten Computer gekauft, auf dem ich das gesamte Werk mit seinen gut 6.100 Einträgen eingetippt habe, und ich habe die Berge von im Laufe der letzten 25 Jahre angesammelten Materialien zu informativen, umfassenden Biografien verdichtet. Neben dieser unglaublich Zeit aufwändigen und mühseligen Schreibarbeit liefen Hunderte von Anfragen via Post, Telefon und Fax rund um den Globus, um über all diejenigen Leuten, zu deren Vitae mir noch wichtiges Basismaterial fehlte, entsprechende Infos zu besorgen.

Frage: Ist es generell schwer, präzise Informationen zu Filmschaffenden zu erlangen?

Kay Weniger: Sehr unterschiedlich. Über Hans Albers und Humphrey Bogart, Jean Gabin und John Wayne können Sie sogar im Brockhaus etwas finden. Das ist extrem einfach. Aber versuchen Sie mal etwas über Techniker, über Cutter, Kameraleute oder Produktionsleiter zu erfahren! Selbst über mehrfache Oscar-Preisträger wie den US-Kameramann John Toll gibt es kaum Infos.

Frage: Warum?

Kay Weniger: Weil - und das ist einer der Gründe, warum ich dieses Lexikon verfasst habe - die gängigen Lexika immer dieselben Stars und Starregisseure auflisten, nach dem Motto "Die 100 größten Regisseure des Kinos" oder "Die 200 beliebtesten Stars aus Hollywoods Glanzzeit". Das ist zum Gähnen, immer das Gleiche. Für Leute, die - auch wenn sie für das Filmschaffen noch so wichtig sind - nur für die Bildgestaltung, das Drehbuch, die Bauten oder die Musik eines Films verantwortlich zeichnen, interessiert man sich halt sehr viel weniger als für die Glamourkünstler vor der Kamera. Und dementsprechend ist die Quellen- und Informationslage. Über den beruflichen Werdegang der Kostümbildnerin XYZ etwas zu erfahren, kann eine unendlich mühsame Angelegenheit sein. Und dazu sind offensichtlich viele Filmjournalisten nicht bereit.

Frage: Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange an Ihrem Werk arbeiten werden?

Kay Weniger: Ich könnte heute noch und in den kommenden 20, 30 Jahren daran arbeiten. Aber irgendwann muss einmal Schluss sein. Selbst 6.100 Einträge sind, gemessen an der Fülle von Filmschaffenden, die es weltweit gibt, nur eine winzige Summe. Und doch ist Das große Personenlexikon des Films das umfangreichste und präziseste Nachschlagewerk der Welt, das es in diesem Segment gibt.

Frage: Muss man Perfektionist sein, um solch ein Werk zu schreiben, oder gerade nicht, weil man sonst kein Ende findet?

Kay Weniger: Perfektion ja, aber keine Verzettelung, sonst kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Es gilt, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden.

Frage: Wie und wo haben Sie recherchiert? Woher haben Sie Ihre Informationen? Wer hat sie unterstützt bei Ihrer Arbeit?

Kay Weniger: Überall, wo es Unterlagen zu sichten gab. Auf allen fünf Kontinenten. Archive, Filmschaffende bzw. deren Verwandte, Behörden, Originaldokumente aus Geburts- und Sterberegistern, für offizielle oder halboffizielle Stellen angefertigte Lebensläufe etc. - das alles hat mir geholfen, ihnen allen gehört mein Dank.

Frage: Haben Sie das Werk ganz allein geschrieben? Wenn ja - wie kommt man darauf, ein solches Werk ganz allein zu schreiben? Und wieso haben Sie nicht mit jemandem kooperiert, um den Blickwinkel zu erweitern?

Kay Weniger: Viele Köche verderben den Brei. Wenn man allein schreibt, braucht man zwar einerseits mehr Zeit, andererseits redet einem niemand in die Arbeit hinein, und man spart wiederum Zeit, die man braucht, die Fehler auszumerzen, die andere, weniger präzis und akkurat arbeitende Co-Autoren, produzieren. Das mag hart klingen, ist aber so, das lehrt meine Erfahrung. Letztlich weiß man nur von sich selbst, wie penibel man bei der Info-Recherche ist.

Frage: Sie schildern im Vorwort den mühseligen und oft zeitraubenden Kraftakt der Auseinandersetzung mit diversen Taufregistern, Standesämtern und Behörden, um an genaues Zahlenmaterial zu gelangen. Welche Episode, sie darf auch ruhig komisch sein, ist Ihnen denn da am einprägsamsten in Erinnerung geblieben?

Kay Weniger: Das war alles andere als komisch; stressig, nervenaufreibend, zeitaufwendig und höchst kostspielig trifft es eher. Es ist die Kärrnerarbeit: Endlose Telefonate, jede Menge Briefe schreiben, Faxe versenden, Begründungen abgeben, wieso man diese und jene Info braucht - Deutschland ist das Land des extensiv ausgelebten Datenschutzes. Und viele Ämter schlagen finanziell erbarmungslos zu. Bis zu umgerechnet 25 Euro pro Datenauskunft bei längst verstorbenen Filmkünstlern hat die eine oder andere Personenanfrage bei Archiven bzw. Behörden gekostet. Aber das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man dem eigenen Anspruch nach höchster Präzision gerecht werden will, anstatt das zu tun, was sonst Usus ist: Aus früheren Nachschlagewerken abschreiben.

Frage: Lexika zum Film gibt es viele - was ist die Besonderheit Ihres Lexikons?

Kay Weniger: Warum ein weiteres Filmlexikon? Diese Frage ist berechtigt, wurde der Markt in den vergangenen Jahren doch von derlei Veröffentlichungen, die sich der Stars und Sternchen des internationalen Kinos annehmen, überschwemmt. Doch darin liegt zugleich die Crux, konzentrieren sich diese Nachschlagewerke oft auf immer dieselben Schauspieler und Regisseure, deren Herkunft und Wirkungsfeld sich großenteils auf das marktbeherrschende Filmländersextett USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien beschränken. Kameraleute und Drehbuchautoren, Architekten und Komponisten, von Kostümbildnern, Produktions- und Herstellungsleitern, Cuttern, Tontechnikern, Feuerwerkern und Specialeffectsmen ganz zu schweigen, finden dort kaum oder gar keine Berücksichtigung. Zu mehreren Hundert Filmschaffenden, über die bisher keine einzige Buchzeile publiziert worden ist, wurden von mir in den vorliegenden Bänden ebenfalls Biographien verfasst.

Frage: Warum sind die Filmographien nicht immer komplett angegeben?

Kay Weniger: Das ist schlicht eine Platzfrage. Viele besonders intensiv beim Stummfilm tätige Filmschaffende haben in jenen ganz frühen Jahren durchaus jährlich 20, 30 oder noch mehr Filme, die ja damals nur wenige Minuten kurz waren, gedreht. Die kann man unmöglich alle aufnehmen. Oftmals konnte ich auch nicht immer sicher sein, sämtliche Filme einer jeden Person aufgespürt zu haben. Manche dritt- oder viertklassigen Produktionen sind kurz nach ihrer Aufführung in einem Hintertreppenkino ganz schnell in der Versenkung verschwunden. Daher erfolgt am Ende der Filmographie immer eine Information, ob die betreffende Person keine, einige weitere, viele oder gar sehr viele andere Filme gedreht hat. Gestaffelt wird das Ganze von der Punktsetzung, das bedeutet: Filmographie komplett, über und bis zu bzw. .

Frage: Wie kann man mit dem Lexikon arbeiten?

Kay Weniger: Ganz einfach, wie mit jedem anderen auch. Will ich Biographisches oder Filmographisches über den argentinischen Schauspieler Alberto de Mendoza oder die deutsche Cutterin Jutta Hering, den russischen Kameramann Sergej Urussewski oder den japanischen Regisseur Juzo Itami, den georgischen Filmemacher Tengis Abuladse oder seinen ägyptischen Kollegen Youssef Chahine, den österreichischen Tontechniker Herbert Janeczka oder den us-amerikanischen Specialeffects-Designer John Fulton wissen, dann blättere ich die entsprechende Seite mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens auf.

Frage: Legen Sie eigentlich zweierlei Maß bei der Bewertung der us-amerikanischen und deutschen bzw. europäischen Filme an, sind sie bei Filmen aus Europa kritischer?

Kay Weniger: Nein, warum sollte ich auch? Es gilt das Prinzip Seriosität und Neutralität vor Meinung. Ich habe stets versucht, Fairness walten zu lassen, aber dennoch zu werten bzw. einzuordnen, um den Rang der biographierten Persönlichkeit in der Filmgeschichte, ihre Bedeutung im Kontext zum Filmschaffen ihres Landes und zur Filmkunst überhaupt deutlich werden zu lassen.

Frage: Gibt es eine Fortsetzung? Wie lange wollen Sie noch an diesem Werk arbeiten - Ihr ganzes Leben lang?

Kay Weniger: Nein! Nein! Nein!

Frage: Wird es eine Übersetzung ins Englische geben?

Kay Weniger: Nein, das würde zwei Leben in Anspruch nehmen, es sei denn, ein ganzes Heer an Übersetzern ließe sich dafür gewinnen, Davon mal abgesehen, lassen sich manche (bisweilen ironische) Formulierungen, die nur im Deutschen funktionieren, und das eine oder andere Wortspiel nicht übersetzen. Auch habe ich beträchtliche Zweifel, ob sich auch nur ein Brite oder US-Amerikaner oder gar Neuseeländer für die Vita des deutschen Stummfilm-Nebendarstellers Heinrich Schroth oder die des österreichischen Kameramanns Hans Androschin interessiert.

Frage: Für wen haben Sie dieses Werk geschrieben?

Kay Weniger: In erster Linie für mich selbst, in zweiter Linie für alle, die so filmbegeistert sind wie ich.

Frage: Ist es nicht ein großes Risiko, wenn ein Mensch allein ein so umfangreiches Lexikon verfasst? Wie kann so noch Objektivität gewährleistet sein?

Kay Weniger: Was ist Objektivität? In erster Linie ein sehr relativer Begriff. Mir war wichtig, keine Patchwork-Arbeit vorzulegen, ein Gemisch aus 32 Schreibstilen und höchst unterschiedlichen Qualitäten der einzelnen Bios. So etwas habe ich zur Genüge gelesen. Es sollte eine klare, durchgehende, einheitliche Linie eingehalten werden. Im übrigen hat es schon früher Filmhistoriker gegeben, die durchaus aufwändige Filmlexika allein auf die Beine gestellt haben. Das Werk des renommierten israelischen Autors Ephraim Katz war vor gut 20 Jahren eine Pionierleistung und galt lange Zeit als Standardwerk auf dem anglo-amerikanischen Markt. Das große Personenlexikon des Films ist zuvörderst eine ungeheuer umfangreiche, äußerst präzise Material- und Datensammlung. Bezüglich der Objektivität: Ich habe durchaus dort ge- und bewertet, wo eine Wertung, eine Bewertung angebracht erschien, um die betreffende Person und ihr Schaffen in Kontext zu ihrem sozio-politischen Umfeld zu stellen. Eine Filmkarriere in einer Diktatur (egal ob NS-Deutschland, DDR, UdSSR, Franco-Spanien, Pinochet-Chile oder Mussolini-Italien) bedarf einer anderen, einer strengeren und klareren Konturierung als eine in Großbritannien oder der Schweiz.

Frage: Wie groß ist das tägliche und wöchentliche Pensum, um so ein Buch zu schreiben?

Kay Weniger: In guten Tagen bis zu 16 Stunden, an schlechten Tagen war jeder Tastendruck eine Tortur.

Frage: Gab es Phasen, in denen Sie frustriert alles hinschmeißen wollten?

Kay Weniger: Ja, bisweilen zehnmal am Tag. Zum Glück besitze ich keinen Kamin.

Frage: Wie haben Sie sich in diesen Momenten wieder motiviert?

Kay Weniger: Alle Unterlagen, alle Papierberge beiseite legen und auf bessere Zeiten hoffen. Die kamen dann schneller als erwartet, schließlich habe ich diese Mammutarbeit freiwillig begonnen. Nach mehreren Tagen des Pausierens hatte ich sogar regelrechte Entzugserscheinungen.

Frage: Welche Drogen nehmen Sie während der Arbeit: Kaffee, Tee, Zigaretten, oder was?

Kay Weniger: Nichts dergleichen. Wenn ich abschlaffe, mache ich eine Pause oder höre solange auf, bis mich wieder der Tatendrang packt.

Frage: Wovon haben Sie eigentlich die vielen Jahre gelebt - so ein Buch zu schreiben kostet doch Geld.

Kay Weniger: So ein Projekt kostet sehr viel mehr Zeit, Energie und unglaublich viel Selbstdisziplin als Geld - das war noch das kleinste Problem.

Frage: Auf was mussten Sie während der Arbeit in den letzten Jahren am meisten verzichten?

Kay Weniger: Auf alles, was Zeit kostet.

Frage: Sie beschreiben in Ihrem Vorwort die oft grob falschen Recherche-Ergebnisse in vielen der sogenannten Standardwerke zum Film. Wie konnte es zu einer derart massiven Häufung an Fehlern, falschen Geburts- und Sterbedaten in der Literatur kommen?

Kay Weniger: Wenn doch recherchiert worden wäre! Das genau ist häufig, allzu häufig der Punkt! Das Kernproblem heißt schlicht: Faulheit. Wenn eine Publikation des Jahres 1926 das Geburtsdatum eines Schauspielers XYZ mit dem 4. Januar 1887 angibt, dann setzt sich diese Erkenntnis oft bis in die Neuzeit fort, egal, ob das Datum stimmt oder nicht. Es wird halt einfach nur abgeschrieben von Kollegen aus bisweilen grauester Vorzeit. Es wird häufig nicht gegengecheckt, nicht neu recherchiert, den Dingen nicht auf den Grund gegangen, keine Originaldokumente eingesehen, nicht bei Verwandten und Bekannten nachgefragt. Eine Schauspielerin macht sich in ihrer Biographie nun mal gern fünf oder gar zehn Jahre jünger - das schmeichelt dem Ego und sichert vielleicht noch die eine oder andere Rolle, die man mit Angabe des richtigen Alters nicht mehr bekommen würde. Bisweilen mit großem Erfolg wie im Falle Lil Dagover, nach deren Tod Anfang 1980 herauskam, dass sie eben nicht, wie stets behauptet, Jahrgang 1897, sondern Jahrgang 1887 war. In Nachschlagewerken veröffentlichte falsche Daten haben eine enorme Halbwertzeit, und auch manche niedergeschriebene Biographien sind entschieden eher dem Reich der Gebrüder Grimm entlehnt, als den Tatsachen entsprechend. Dies alles gegenzuchecken, zu hinterfragen und auf seinen Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen, ist unglaublich Zeit aufwändig und Kosten intensiv. Aber nur so kann Qualität garantiert werden. Das ist die Grundvoraussetzung, um ein Standardwerk, das auch noch in einigen Dekaden Bestand haben wird, auf die Beine zu stellen.

Frage: Wie viele Filme haben Sie in Ihrem Leben schon gesehen?

Kay Weniger: Viele, und wenn ich meine Kino-Jugendjahre Revue passieren lasse und auch noch die Filme addiere, die bei diversen privaten Fernsehsendern nach 22 Uhr liefen, definitiv zu viele.

Frage: Welcher Film hat Sie persönlich am meisten beeindruckt, was ist Ihr Lieblingsfilm?

Kay Weniger: Da gibt es in den letzten Jahren mehrere. Jeder Film, der ausgetretene Pfade verlässt und neue Wege beschreitet, in Konzeption, Arrangement, dem Einsatz von Schnitt, Musik, Kamera und Ton Originalität und Subtilität aufweist und dem ein ausgeklügeltes Drehbuch von hohem Raffinement zugrunde liegt, findet meine Hochachtung. Da fallen mir unter anderem Lola rennt, American Beauty und zuletzt Die fabelhafte Welt der Amelie ein - auch wenn letztgenanntes Werk von Harald Schmidt vor kurzem mit reichlich Hohn bedacht wurde.

Frage: Muss man ein Filmfreund sein, um so ein Buch zu schreiben - oder nicht viel mehr ein Daten-, Lexika- und Statistik-Freak?

Kay Weniger: Im Idealfall beides, vor allem aber muss man das Objekt seiner Begierde lieben, sonst verliert man auf kurz oder lang das Interesse an der Materie. Und man braucht ein geradezu preußisches Disziplin-Verständnis, damit man nicht irgendwann versackt und entnervt aufgibt.

Frage: Können Sie noch entspannt ins Kino gehen oder überlegen Sie die ganze Zeit, ob gerade in dem Film noch jemand auftaucht, den Sie mit in das Lexikon aufnehmen könnten?

Kay Weniger: Das genau war in den letzten Jahren das Problem. Außerdem musste ich stets darauf achten, ob beispielsweise die schauspielerische, die inszenatorische oder die fotografische Leistung der entsprechenden Personen derart bemerkenswert war, dass sie im Lauftext Erwähnung finden sollte. Mit der Fertigstellung dieses Lexikons ist der Gang ins Kino endlich wieder zu dem geworden, was er eigentlich sein soll: Freude an purer Unterhaltung, geistvolle Anregung oder intellektuelle Herausforderung.

Frage: Sie beschreiben ja mit den Biographien in Ihrem Werk zugleich auch etliche Epochen der Filmkunst, angefangen bei den frühen Hollywoodfilmen bis in die heutige Zeit. Welche Epoche, welcher filmhistorische Abschnitt ist Ihnen denn persönlich man meisten ans Herz gewachsen?

Kay Weniger: Schwer zu glauben, aber wahr: Die 20er Jabre, das Goldene Zeitalter des deutschen Films.

Frage: Nennen Sie uns bitte Ihre Lieblingsgenres des Films.

Kay Weniger: Ich schätze Qualität, egal in welchem Genre. Zugegebenermaßen lassen mich Western, Science-Fiction- und Heimatfilme relativ kalt.

Frage: Wie lange haben Sie nach einem Verlag gesucht?

Kay Weniger: Lang, sehr lang, fast zu lang. Alles in allem rund fünf Jahre - in denen ich natürlich immer weiter am Lexikon geschrieben habe

Frage: Wie findet man einen Verlag?

Kay Weniger: Mit sehr viel Glück, der Zufall spielt eine große Rolle. Man kann letztlich nur hoffen, dass man nicht von irgendeinem schlecht gelaunten und unterbezahlten Lektor mit einem Formbrief abgespeist wird, der womöglich das Werk ganze zwei Sekunden in der Hand hatte.

Frage: Mit welchen Verlagen und wie lange waren Sie in aussichtsreichen Verhandlungen?

Kay Weniger: Mit zwei Großverlagen in Reinbek und München, die beide großes Interesse gezeigt hatten.

Frage: Wie waren die üblichen Reaktionen - erst wohl Begeisterung bei den Lektoren, dann Ablehnung bei den Controllern der Chefetage, weil das Werk jeden Kostenrahmen sprengt?

Kay Weniger: Exaktamente.

Frage: Wieso haben Sie sich diesen Verlag ausgesucht? Gab es keinen "ganz großen" Verlag, der besser zu einem "ganz großen" Werk gepasst hätte?

Kay Weniger: Schwarzkopf & Schwarzkopf ist ein Fachverlag, spezialisiert unter anderem auf Lexika, passt also zu meinem Buch, wie man so schön sagt, wie die Faust auf's Auge. Der noch junge Verleger beeindruckte mich vor allem mit seiner Begeisterungsfähigkeit für dieses umfangreiche Werk, das ja auch in der Herstellung und qualitativ hochwertigen Präsentation ein beträchtliches unternehmerisches Wagnis bedeutet, vom Kostenfaktor mal ganz zu schweigen. Ihm gebührt mein Dank für sein Engagement, den Mut, das Risiko einzugehen, ein solch ehrgeiziges Großprojekt zu wuppen.

Frage: Hatten Sie irgendwann mal Zweifel, ob Sie überhaupt einen Verlag finden?

Kay Weniger: Bei jeder erneuten Ablehnung "aus Kostengründen".

Frage: Hätten Sie es dann im Selbstverlag herausgebracht?

Kay Weniger: Hatte ich zumindest angedacht. Mehr noch als die horrenden Kosten (klar über umgerechnet 75.000 Euro wurden mir avisiert) hat mich aber abgeschreckt, dass der entsprechende Verlag nur die Drucklegung garantiert - plus winzige Anzeige in einem Branchenblatt. Dabei sind professionelle Vermarktung und gezielte Öffentlichkeitsarbeit das A & 0, vom funktionierenden Vertrieb mal ganz zu schweigen. Ich hatte einen Horror davor, über die Dörfer tingeln und mein Buch beim Händler anpreisen zu müssen. Denn von allein verkauft sich nichts. Das hätte mich definitiv mehr Energie und Zeit gekostet, als das ganze Werk zu schreiben.

Frage: Viele Filmbegeisterte befassen sich wohl auch deshalb mit dieser Materie, weil sie glauben, auf diese Weise den von ihnen angehimmelten Idolen näher sein zu können. Wollten Sie auch selbst mal vor der Kamera im Scheinwerferlicht stehen bzw. Regie führen?

Kay Weniger: Gott bewahre, nein. Ich habe, trotz eines gewissen Comedy- und Unterhaltungstalents, das mir viele, die mich kennen, zubilligen, und trotz meiner einst schauspielenden Eltern nie den Drang gehabt, Schauspieler zu werden. Ich besitze zwar einige Kameraerfahrungen - 1976 war ich in einer Probeaufzeichnung für das ARD-Quiz Kennen Sie Kino? mit Hellmut Lange dabei, sechs Jahre später nahm ich an Max Schautzers Livesendung Alles oder nichts zum Thema "Deutscher Film 1929 - 1945" teil. Aber ich weiß meine Anonymität durchaus zu schätzen und will es dabei auch, wenn's irgend geht, in Zukunft belassen.

Frage: Haben Sie anderweitige Film-Erfahrungen gemacht, welcher Art auch immer?

Kay Weniger: Im Sommer 1968 war ich bei den Dreharbeiten zu Luchino Viscontis Film Die Verdammten mit Dirk Bogarde, Helmut Berger, Ingrid Thulin, Charlotte Rampling und Helmut Griem dabei. Aus meinem oberösterreichischen Urlaubsort Unterach am Attersee hatte Luchino Visconti für die Röhm-Putsch-Szenen Bad Wiessee gemacht. Ich habe Fotos geschossen und erinnere mich daran, wie Oldtimer und Kräder aufs Set rollten und eine riesige Hakenkreuzfahne über die örtliche Sparkasse gehängt wurde.

Frage: Und sind Sie auch mal dem einen oder anderen Star persönlich begegnet?

Kay Weniger: Immer nur unbeabsichtigt. Mir ist es auch nicht so recht begreiflich, wieso so viele Menschen Promisüchtig sind. So interessant sind die Stars in aller Regel nicht. Meine Promi-Bekanntschaften lassen sich an einer Hand abzählen. Abgesehen von Heinz Schubert (Ekel Alfred), mit dem meine Familie schon seit Brecht-Zeiten eng befreundet gewesen ist, sind meine Star-Begegnungen stets zufälliger Natur gewesen. Danny Kaye habe ich vor fast 30 Jahren dank meines Vaters mal kennengelernt, als er in UNICEF-Mission in Hamburg war, und Dustin Hoffman sah ich 1980 bei Tiffany in New York, wie er missmutig im Gammellook seine Frau beim Shopping begleitet hat. 1998 traf ich Kevin Costner, als er zur Premiere von seinem total verunglückten Der Postmann-Film in Hamburg weilte. Zuletzt bin ich in Mai 2001 bei einer Stippvisite in Hollywood im Chateau Marmont Hotel dem Jennifer Lopez-Filmpartner in Wedding Planner, Matthew McConaughey Filme">Matthew McConaughey, begegnet. Er war im Hotel-Patio gerade in ein Drehbuch vertieft. Er hat mich angeschaut, ich habe zurückgeblickt, das war's.

Frage: In Ihrer Danksagung erwähnen Sie an gesonderter Stelle die Hollywood-Schauspielerin Connie Nielsen mit den Worten "Dank für die surrealste Begegnung und den bizarrsten Flirt meines Lebens". Mögen Sie uns erzählen, was es damit auf sich hat?

Kay Weniger: Im April 1999 war ich für ein paar Tage auf Malta. Als ich spät Abends, kurz vor Mitternacht im einzigen Top-Hotel Vallettas, dem Phoenicia, ankam und gerade den Anmeldezettel ausfüllte, haute mich plötzlich eine junge Dame von der Seite an. Sie lehnte sich auf den Tresen, fixierte mich und schien sehr gelangweilt. Sie fragte, was ich hier denn mache, warum ich auf dieser zugigen, unwirtlichen Insel sei, "no girls, no fun, no night life". Ich war ein bisschen perplex und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Dass sie mich beim Ausfüllen störte und in zunehmendem Maße mit ihren unaufhörlichen Fragen zu nerven begann, schien sie wiederum nicht zu stören. Ich dachte zunächst, es handele sich um die Hotel eigene Prostituierte, nachdem sie nun auch noch loslegte, ob ich denn überhaupt Frauen mag, weil ich keinen Ehering trage. Plötzlich merkte ich, wie hinter mir ein Mann auftauchte. Ich drehte mich um, und ein Bär von einem Kerl stand vor mir, den ich sofort erkannte. Ich grinste breit, drückte dem verdutzten Mann die Hand und sagte: "Guten Abend, Herr Moeller, was machen Sie denn hier?" Er schaute mich entgeistert an, da er keine Ahnung hatte, wer ich bin, und das Mädchen hielt, nicht minder überrascht, zum ersten Mal die Klappe. Vor mir stand Ralph Moeller, die junge Dame mit dunkler Kurzhaarfrisur stellte sich später als die normalerweise blonde dänische Schauspielerin Connie Nielsen heraus. Beide befanden sich gerade zu Dreharbeiten für den Oscar preisgekrönten Sandalenfilm Gladiator und waren auf dem Weg von der Bar in ihre Zimmer. Danach standen wir gut und gerne noch eine halbe Stunde beieinander, haben viel gelacht und unterhielten uns angeregt.

Frage: Gibt es unter den aufgeführten Filmschaffenden Personen, die sie am meisten beeindruckt haben, möglicherweise aus persönlichen Kontakten heraus?

Kay Weniger: Ich hatte vor allem mit denjenigen Leuten wirklich hoch interessante Gespräche, die ein gewisses Alter und eine intellektuelle Reife besitzen, ohne die Arroganz und Selbstüberschätzung mancher vermeintlicher Stars und Sternchen an den Tag zu legen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein wunderbares Telefonat mit dem deutschstämmigen britischen Kameramann Erwin Hillier, der 1933 vor den Nazis nach England floh. Wir unterhielten uns mehr über deutsch-britische Geschichte und die Beziehungen zwischen beiden Ländern in Vergangenheit und Gegenwart als über den Film. Ich war sehr bewegt, wie der ältere Herr an mich als Deutschen geradezu plädierte, dass es nie mehr Krieg zwischen beiden Nationen geben möge. Ich konnte ihn beruhigen. Mit dem allgewaltigen Film- und Fernsehproduzenten Gyula Trebitsch hatte ich eine fast dreistündige Begegnung, eine hochinteressante Diskussion, weniger über Film als über das Jüdischsein in Deutschland im allgemeinen, seine jüdische Vita im nationalsozialistisch verseuchten Europa bis 1945 und die Möglichkeiten, sich gegen den anwachsenden Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik zu wehren. Auch die Telefongespräche mit dem ausgesprochen auskunftsfreudigen und überaus freundlichen Oscar-Preisträger Peter Biziou und dem altgedienten, leider vor kurzem verstorbenen Hollywood-Filmarchitekten Tambi Larsen habe ich in allerbester Erinnerung. Mein langes Telefonat mit dem für eher durchschnittliche Kinobelustigung im gefälligen 50er und 60er Jahre-Unterhaltungsstil bekannten Regisseur Werner Jacobs war ebenfalls ein veritables Aha-Erlebnis. Werner Jacobs, dessen Werk bestenfalls als banal zu bezeichnen ist, erwies sich in dem Gespräch als hochintelligenter, nachdenklicher, durchaus selbstkritisch seinen Leistungen als Regisseur gegenüberstehender und zu philosophischer Tiefe fähiger Gentleman.

Frage: Nach diesem gewaltigen Schaffensprozess, der ja beinahe ein ganzes Jahrzehnt gewährt hat, würde sicherlich jeder Gefahr laufen, anschließend in ein großes Motivationstief zu fallen. Was haben Sie in der nächsten Zeit vor, wie schätzen Sie dieses Problem für sich selbst ein?

Kay Weniger: Horror vacui? Für mich kein Problem. Ich bin froh, mit dem Projekt durch zu sein. Ich bin viel zu flexibel und arbeitsam, um in irgendwelche Löcher zu fallen. Irgend etwas fällt mir immer ein. Ich werde mich in Zukunft meiner großen Liebe, der Romanschriftstellerei, widmen.

Frage: Ist schon etwas fertig?

Kay Weniger: Zwei Romane sind bereits abgeschlossen, ein dritter in Arbeit. Die ersten beiden haben historische bzw. zeitgeschichtliche Bezüge, der in Arbeit befindliche läuft auf eine gallige Satire in der Medienwelt hinaus. Aber solange nichts veröffentlicht ist, kann und will ich nicht mehr darüber verraten.

Frage: Wie reagierten eigentlich Ihr Freundeskreis und Ihre Familie auf die langwierige und intensive Arbeit, nahmen sie Anteil an dem Schaffensprozess oder verloren Sie nach und nach auch persönliche Bindungen zu Ihren Freunden durch die enorme Konzentration auf ein Thema?

Kay Weniger: Freunde habe ich aus allem heraus gehalten. Die Familie hat meine Arbeit voll und ganz unterstützt, so wie es eine Familie tun sollte, und meinen Einsatz mit aufrichtiger Bewunderung zur Kenntnis genommen.

Frage: Wenn Sie jetzt ausgehen und sich mit Leuten unterhalten, fällt Ihnen außer Film noch ein anderes Gesprächsthema ein?

Kay Weniger: Ich danke jedem aus vollstem Herzen, der mit mir nicht über Film sprechen will! Ich bin zu vielseitig interessiert - Geschichte, Zeitgeschehen, Politik, Reisen und so weiter - als dass ich einem Kernübel vieler Leute, die sich ein Leben lang nur auf eine Sache konzentrieren, verfallen könnte: der Fachidiotie.

Frage: Welche Stadt in Deutschland mögen Sie am meisten und warum?

Kay Weniger: Ich bin - bei meiner Biographie kein Wunder - einerseits überzeugter Europäer und Weltbürger, begreife mich aber andererseits als Überzeugungshanseat und bin somit Lokalpatriot: Hamburg schön, nordisch, kühl. Kein künstlich am Leben gehaltener Ossi-Wessi-Gegensatz und keine Hektik à la Berlin, kein rheinischer Dauerfrohsinn und kein Problem, die Menschen zu verstehen wie in Stuttgart und München. Man wird in Ruhe gelassen, keine Aufdringlichkeit - das mag ich. Aus ähnlichen Gründen ist mir außerhalb Deutschlands auch London am liebsten.

Frage: Der Trend in der Filmindustrie entwickelt sich dahin, immer mehr digitale Schauspieler auf die Leinwand zu bringen, wie der kürzlich gestartete Film Final Fantasy beweist. Wie stehen Sie zu diesem Thema? Denken Sie, dass eines Tages digitale Computerkreationen die Stars von heute ablösen werden?

Kay Weniger: Niemals! Die Leute wollen echte Menschen aus Fleisch und Blut sehen, Menschen mit Emotionen, nicht klinisch-kalte Computermätzchen und animiertes Digitalleben. Der am Computer ausgetüftelte Film wird immer nur ein zusätzliches Angebot auf dem Filmmarkt bleiben, vor allem für ein Technik besessenes, jugendliches Playstation-Publikum. Es ist gut, dass es diese Sorte Film gibt, ohne diese Errungenschaften wären zum Beispiel die erstaunlichen Saurier-Kreationen in den Jurassic Park-Filmen nicht möglich gewesen. Aber er wird mit Sicherheit echtes Film-Leben nicht vollständig verdrängen.

Frage: Viele Leute sind der Meinung, dass sich das Hollywood-Kino an einem toten Punkt befindet. Die Möglichkeiten der Computer gesteuerten Special-Effects sind leidlich ausgereizt und verursachen bei vielen Besuchern inzwischen nur noch müdes Gähnen. Denken Sie, dass sich Hollywood in Zukunft vielleicht mehr auf die eigentlichen Storys besinnt, wieder mehr Geschichten inszeniert als Explosionen?

Kay Weniger: Das gilt es zu hoffen. Ein smartes Drehbuch, eine clevere Idee, geistreiche Dialoge und eine einfallsreiche Regie - all das macht die Qualität eines wirklich guten Films aus. Spezialeffekte freie Filme wie Nora Ephrons Harry und Sally oder Schlaflos in Seattle haben vergleichsweise wenig gekostet und waren dennoch Kassenschlager erster Güte. Warum wohl?

Frage: Wie schätzen Sie augenblicklich die Lage des deutschen Films ein?

Kay Weniger: Ein ebenso heikles wie mühseliges Dauerthema. Der deutsche Film ist nicht so schlecht, wie viele meinen, aber er wird sich nie wieder gegen die us-amerikanische Konkurrenz durchsetzen. Das tut er im übrigen bereits seit über 70 Jahren nicht mehr, die Hitler-Zeit, als us-amerikanische Filme gezielt vom deutschen Markt abgedrängt wurden, mal ausgenommen. Es gilt, den deutschen Film nicht kaputt zu reden, aber eine ehrliche Bestandsaufnahme zeigt nun mal, dass für viele Kinogänger das Markenzeichen deutscher Film noch immer Abschreckcharakter besitzt. Das rührt aus den Jungfilmer-Zeiten her, als die Alexander Kluges, Werner Schroeters, Syberbergs und Straubs meinten, konsequent am Publikum vorbei inszenieren zu müssen. Mit Tom Tykwer haben wir derzeit einen ausgezeichneten Regisseur von internationalem Gewicht. Dass es dieses Land schafft, fast zeitgleich Filme wie Das Experiment und Der Schuh des Manitu, zu drehen - Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können - und beide Werke ihr (zum Teil großes) Publikum finden, stimmt mich hoffnungsvoll. Lustspielklamotten bzw. Klamauk-Streifen allein sind genauso wenig die Lösung wie Bauchschmerzen verursachende Problemfilme mit Zeigefinger-Impetus, für die sich kein Mensch interessiert und die allenfalls ihrem Schöpfer eine innere Befriedigung bereiten. Hier wie in allen Dingen des Lebens gilt: Qualität setzt sich durch, auch wenn es nur die Qualität ist, die Lachmuskeln in Bewegung zu setzen.

Frage: Wie stehen Sie eigentlich zum System der Filmförderung in Deutschland?

Kay Weniger: Die Filmförderung hatte sich allzu lange darauf konzentriert, publikumsfeindliche Filme zu unterstützen. Wenn manche Drehbuchentwürfe deshalb nicht als förderungswürdig gelten, nur weil sie den intellektuellen Ansprüchen der Gremien-Entscheidungsträger nicht entsprechen, dann ist das Prinzip im Kern verfault. Den Unterhaltungsaspekt beim Film gab es lange vor der Filmkunst. Beides hat seine Existenzberechtigung, und es ist sehr wichtig, sperrige, kleine Minderheitenfilme zu fördern in diesem Zusammenhang fällt mir Caroline Links zauberhafte Filmpoesie Jenseits der Stille ein. Nur sollte man dabei den noch heute gültigen Spruch des Filmmoguls Adolph Zukor niemals vergessen: "The public is never wrong".

Frage: Wie beurteilen Sie die Chancen kleinerer Produktionsfirmen, auf dem us-amerikanischen Markt in Zukunft bestehen zu können?

Kay Weniger: Ihre Chancen bestehen wohl ausschließlich darin, die Nischen für sich zu nutzen, die für die Major Companies uninteressant sind.

Frage: Welchen Stoff, welche historische oder literarische Vorlage, die bislang noch nicht filmisch umgesetzt wurde, würden Sie gerne verfilmt sehen, was liegt Ihnen da besonders am Herzen?

Kay Weniger: Seitdem Bernd Eichinger sich endlich nach langem Ringen die Rechte für die Verfilmung von Patrick Süskinds Romanhit Das Parfüm gesichert hat, warten wohl alle sehnsüchtig darauf, diese Verfilmung endlich im Kino sehen zu dürfen.
Frage: Welches ist Ihrer Meinung nach das gelungenste Remake der Filmgeschichte gewesen?

Kay Weniger: Wilhelm Dieterles Der Glöckner von Notre Dame. Charles Laughton ist einfach unschlagbar. Das überflüssigste Remake war sicherlich die TV-Neuverfilmung des Humphrey Bogart-Ingrid Bergman-Klassikers Casablanca.

Frage: Wenn Sie ein Remake selber inszenieren dürften, welche Vorlage würden Sie dann wählen und mit welchen Schauspielern würden Sie sie besetzen?

Kay Weniger: Ich bin kein großer Fan von Neuverfilmungen, sie sind meistens nur ein Zeichen für Einfallslosigkeit.

Frage: Was ist Ihrer Meinung nach der schlechteste Film gewesen, den sie gesehen haben?

Kay Weniger: Um diesen Ehrentitel prügeln sich haufenweise Filme. Ich habe soviele schlechte Inszenierungen gesehen - und danke meinem Schöpfer dafür, bisweilen ein ebenso selektives wie gnädiges Gedächtnis zu besitzen, das den schlimmsten Leinwandschrott gütigerweise aussortiert hat. Es gibt durchaus amüsante schlechte Filme wie die des genialen Stümpers Ed Wood, dessen Arbeiten so schlecht sind, dass sie schon wieder gut sind, aber eben auch einfach nur grottenschlechte Streifen. Diese wiederum unterteilen sich in unfreiwillig komisch (wie Show Girls - leider gesehen) und hochnotpeinlich. Zu letztgenannter Kategorie gehört Surf Nazis Must Die, von Kennern wohl noch 1 vor Angriff der Killertomaten als grauenvollstes Zelluloidverbrechen aller Zeiten geziehen.

Frage: Vielen Dank für dieses anregende Gespräch! (DJFL)


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Interview mit Kay Weniger: Personenlexikon des Films
"Perfektion ja, aber keine Verzettelung." Kay Weniger, Autor des Standardwerkes Das große Personenlexikon des Films, erzählt über Anregung und Motivation, Zweifel und Strapazen sowie [mehr]



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