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Interview mit Oskar Roehler: Der alte Affe Angst

"Für mich ist 'Der alte Affe Angst' ein ausgesprochen positiver Film!" Oskar Roehler ist Regisseur und Drehbuchautor des Film Der alte Affe Angst. Frage: Was war die Idee hinter Ihrem Film, ...

Interview mit Oskar Roehler


"Für mich ist 'Der alte Affe Angst' ein ausgesprochen positiver Film!"

Oskar Roehler ist Regisseur und Drehbuchautor des Film Der alte Affe Angst.

Frage: Was war die Idee hinter Ihrem Film, was gab den Impuls, ihn zu drehen?

Oskar Roehler: Am Anfang standen mehrere persönliche Dinge, die mit dem Film in seiner letztendlichen Form jedoch kaum noch etwas zu tun haben. Natürlich sind persönliche Erfahrungen in den Film eingeflossen, aber es ist absolut kein autobiografischer Film.

Am Anfang stand die Idee, einen Ausschnitt aus dem Leben eines Paares zu zeigen. In dieser Chronik der Ereignisse passieren Dinge, wie sie jedem widerfahren, dass zum Beispiel der Vater stirbt. Der Tod meines eigenen Vaters war zum Beispiel ein solcher Auslöser für den Film.

Frage: Aber dann verdichtete sich doch das Thema um Liebe und Sex?

Oskar Roehler: Weil sich in vielen Gesprächen, die ich für den Film führte, und generell in meinem Freundes -und Bekanntenkreis, die Tragik der Männer in meinem Alter herauskristallisierte.

Der alte Affe Angst erzählt von einem Paar, das seit vielen Jahren zusammen ist, und dem Doppelleben, das der Mann dabei führt. Für Männer hat Sex eine immense Bedeutung, und viele betrügen ihre Frauen, während sie gleichzeitig emotional und psychisch von ihnen abhängig sind. Es ist eine Abhängigkeit, die an Lüge und Verrat gekoppelt ist – Psychiater werden Ihnen erzählen, das dies ein ganz typisches Psychogramm ist.

Insofern ist es eigentlich eine sehr banale Alltagsgeschichte. Mit dem Unterschied, dass der Film die gewohnten diskreten Grenzen überschreitet, wenn er zeigt, welche Konsequenzen es hat, wenn jemand den gewohnten Pfad der Treue, der Ethik und der Moral einer Beziehung verlässt.

Die meisten Männer würden wohl auch die nächsten 30 Jahre noch mit ihrer Frau zusammensein, wenn sie bloß ungestört weiterhin ein Doppelleben führen könnten. In diesem Film aber geht es dabei plötzlich um Leben und Tod: Ein Stein wird ins Rollen gebracht und löst eine Lawine aus.

Frage: Das klingt sehr pessimistisch.

Oskar Roehler: Im Gegenteil, für mich ist Der alte Affe Angst ein ausgesprochen positiver Film! Natürlich ist er sehr dramatisch, aber er zeigt doch auch einen Ausweg. Dagegen schätze ich, dass 80 bis 90 Prozent aller betroffenen Paare eine solche Lösung nicht finden. Darüber liest man sonst ja auch nichts.

In den Frauenzeitschriften geht es immer nur um 30 Zentimeter, vier Mal Sex pro Woche, zehn Orgasmen hintereinander. Dabei gibt es ganz viele Paare, die nach einer gewissen Zeit oder dem dritten Kind keinen Sex mehr haben. Meine Großmutter hat mir zum Beispiel erzählt, dass ihr Mann, als er aus dem Krieg zurückkam, für sie ein viertes Kind wurde. Sie hatte keine Lust mehr, mit ihm zu schlafen, und trotzdem haben sie 40 Jahre fröhlich zusammen gelebt.

Die beiden im Film schaffen es zum Beispiel durch eine bestimmte Kindlichkeit, dieses Problem zu lösen. Natürlich ist Sex wichtig, aber sie können auch ohne glücklich sein.

Frage: Die Schluss-Szene vermittelt tatsächlich das Gefühl von purem, unmittelbarem Glück, das die ganze quälerische Selbstzerstörung überwinden zu können scheint.

Oskar Roehler: Wobei es wirklich nur der Mann ist, der sich auf diesen selbstzerstörerischen Ego-Trip begibt. Während die Frau Kraft und Stärke und Ruhe besitzt und die Beziehung rettet, indem sie ihn mit ihrer ganzen emotionalen Radikalität vor die Entscheidung stellt. Dass sie das Kind verliert, ist natürlich ein großer melodramatischer Moment, aber das allein ist auch der Grund, warum sie sich umbringen will, nichts anderes.

Ich denke, dass Robert sehr typisch für diese Generation von Männern ist, die eine Art vorgezogener Midlife-Crisis erleben. Wenn man Künstler ist, egal ob man malt oder schreibt oder sonst was tut, hat man das Glück, sich dadurch ausdrücken zu können. Viele andere aber können ihr Unglück gar nicht artikulieren, wollen es bekämpfen mit Macht, Power, Geld, Schwanzlänge, Affären, Sex, Puff-Besuchen.

Dann beginnen die ganzen Heimlichkeiten, und es steigt Verzweiflung hoch. Ich will das gar nicht bewerten, sondern nur zeigen, welche Tragik heute Männerschicksale haben.

Frage: Der Film beginnt sehr unvermittelt mit einem solchen Ausbruch von Verzweiflung, er platzt sozusagen mitten in einen Trennungsstreit. Das ist sehr kraftvoll, aber auch unkonventionell.

Oskar Roehler: Die Produzenten haben tatsächlich auch mal vorsichtig versucht, mir einen anderen Anfang vorzuschlagen, aber die Szene stand so von Anfang an und ich wollte auch unbedingt an ihr festhalten.

Es geht darum, wie Männer heute ihre ganzen Kräfte gar nicht mehr los werden, und Robert jetzt in einem kleinen Käfig hockt, den er sich selbst gebaut hat.

Frage: Ihr Filmheld aber merkt zumindest, dass etwas mit ihm nicht stimmt, und wie sehr er seine Frau verletzt. Darum sucht er Hilfe und geht zum Psychiater.

Oskar Roehler: Ich würde nicht sagen, dass das die Ausnahme ist. Ich habe den Eindruck, viele Männer arbeiten heutzutage an sich und gehen zum Psychiater. Vielleicht, weil viele auch von ihren Frauen verlassen werden. Zumindest habe ich den Eindruck, dass Frauen heute keine Lust mehr haben, sich den ewigen Alltagstrott bieten zu lassen.

Frage: Haben Sie das Drehbuch bereits mit bestimmten Schauspielern im Hinterkopf geschrieben, oder wie kam die Besetzung zustande? Die auffälligste Konstante ist natürlich Vadim Glowna in der Rolle des Vaters.

Oskar Roehler: Vadim stand tatsächlich von Anfang an fest. Es ist fast ein wenig so, als sei Vadim bloß von Schwarz-Weiß in Die Unberührbare in Farbe rübergewechselt. Marie, mit der ich ja schon Latin Lover gedreht hatte, stand ebenfalls sehr früh fest, weil sie eine wunderbare Leinwandpräsenz hat und eine sehr schöne Frau ist. Sie strahlt etwas sehr Reines, Pures, Unschuldiges aus. Sie ist eine tolle Schauspielerin!

Ich hatte aber auch das Gefühl, dass sie viel mehr konnte, als sie in den letzten Jahren die Gelegenheit hatte zu zeigen. Es war klar, dass sie auf eine Rolle wartete, für die sie sich endlich einmal so richtig ins Zeug legen konnte. Ich scheine glücklicherweise eine Art Riecher dafür zu haben, Potential zu entdecken.

Frage: Auch André Hennicke spielt grandios.

Oskar Roehler: André haben wir übers Casting gefunden. Ursprünglich stand er sogar nicht mal auf der Liste, aber die Casting-Frau Simone Bär hat extra mehrmals betont, dass wir ihn doch auch berücksichtigen sollten, und ich dachte: "Okay, das dauert ja nur 20 Minuten". Als er kam, hat er erst mal geistige MG-Salven abgeschossen, und ich spürte, was für ein komplexer, hoch intelligenter, scharfer Denker er eigentlich ist.

Ich will intelligente Schauspieler, ich bin ja kein Dompteur. Dazu kam aber auch, dass er eine gewisse jugendliche Unschuld besitzt. Seine Szenen hatten etwas jungenhaft Unschuldiges. Dazu kam, dass sich die beiden beim Casting unheimlich gut verstanden haben.

Frage: Der Film zeigt ein sehr zeitgenössisches Berlin und besitzt eine große Visualität ...

Oskar Roehler: Was sicherlich viel damit zu tun hat, dass wir auf Scope gedreht haben, dass wir stark mit Farben gearbeitet haben und der Film sehr ordentlich ausgeleuchtet und fotografiert ist. Ich mag momentan all diese verwackelten Handkamera-Filme nicht mehr sehen. Ich bin ein erklärter Dogma-Gegner. Das hat das Kino im Ganzen sicher vorangebracht, aber jetzt muss Schluss sein. Die einzige Legitimation, so zu drehen, besteht für mich darin, wenn man kein Geld aber eine gute Idee hat. (DJFL)


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