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Interview mit Radu Mihaileanu: Zug des Lebens

"Es war die Rückkehr zu der Tradition des jüdischen Humors." "Apropos Zug des Lebens - Ein Gespräch zwischen Ion Mihaileanu (Vater) und Radu Mihaileanu (Sohn). Ion Mihaileanu: Wie bist du auf ...

Interview mit Radu Mihaileanu


"Es war die Rückkehr zu der Tradition des jüdischen Humors."

"Apropos Zug des Lebens - Ein Gespräch zwischen Ion Mihaileanu (Vater) und Radu Mihaileanu (Sohn).

Ion Mihaileanu: Wie bist du auf die Idee zu Zug des Lebens gekommen?

Radu Mihaileanu: Zufällig war ich in Los Angeles, als "Schindlers Liste" in die Kinos kam. Spielbergs Vision erzielte bei mir eine doppelte Wirkung: Einerseits fühlte ich mich zutiefst berührt und gleichzeitig war mir klar, dass man einzig in den Kategorien von Tränen und Schrecken die Shoah nicht noch einmal erzählen kann.

Zurück in Paris brachte ein befreundeter Historiker während eines Abendessens die Idee auf, Juden könnten während des Krieges in einem Zug entkommen sein ... ein kaum vorstellbarer Gedanke. "Du solltest daraus einen Film machen", riet er mir. "Ein ernstes Thema: über deine Wurzeln, über dein Volk."

"Dann wird es eine Komödie", antwortete ich ihm. Er schien erstaunt. Mich interessierte aber etwas anderes: die Verbindung von Komik und Tragik. Ich fühlte instinktiv, ich sollte diesem Weg folgen.

Ion Mihaileanu: Ich erinnere mich daran sehr gut, denn du hast mich gleich danach gebeten, die historisch realen Möglichkeiten dieser Idee zu überprüfen.

Radu Mihaileanu: Du hast Briefe an die jüdische Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geschickt; und ich für meinen Teil habe mich an das jüdische Dokumentationszentrum in Paris gewandt. Ich habe Serge Klarsfeld angerufen und Untersuchungen in russischen Archiven veranlasst.

Alle Antworten, die wir aus unterschiedlichen Quellen erhielten, gingen in dieselbe Richtung: So eine Geschichte wäre zweifellos nicht möglich gewesen, unvorstellbar. Denn ein solcher Zug wäre in Europa während des Krieges sofort angehalten und aufgebracht worden.

Ion Mihaileanu: Dein Wunsch, dieses Projekt zu entwickeln, entsprang in der Tat tieferen, zwingenderen Beweggründen, als nur eine einfache Geschichte zu erzählen ...

Radu Mihaileanu: Es war die Rückkehr zu der Tradition des jüdischen Humors, einer Tradition, die zweifelsohne in unseren Tagen vernachlässigt wird, sieht man einmal von Woody Allen ab. Es war der Wunsch, über die Leiden der Shoah hinauszugehen, nicht um sie zu vergessen, sondern um sie auf andere Weise neu zu erschaffen, lebendiger: in einem Sinnbild, das sich aus unserem Blut, unserer Kultur, unserer Erinnerung speist.

In mir gab es ein tiefes Verlangen, von diesem Shtetl zu erzählen, das ich nicht gekannt habe, in dem aber meine Familie gelebt hat. Und wie sollte ich diese Onkel, diese Cousins vergessen, die in den Lagern und in dem Todeszug, dem berüchtigten Zug von Iassy ermordet wurden?

Ion Mihaileanu: Handelt es sich für dich um eine Komödie, um eine Tragikomödie oder um eine bittere Komödie?

Radu Mihaileanu: Es ist mir nicht möglich, diese Frage genau zu beantworten. Ich fühle einfach, dass der Tonfall des Films unserer jüdischen Kultur entnommen ist und der rumänischen - im Hinterkopf hatte ich auch immer das Genie des Absurden: Eugène Ionesco, aber auch all jene, die er inspiriert hat, wie Becket oder Dubillard. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf einen Mann hinweisen, der für mich der größte Philosoph ist, aber auch der komischste und der verzweifelste: Cioran.

Ion Mihaileanu: Das Thema des Films ist die jüdische Tragödie aus einem sagen wir mal komischen Blickwinkel. Glaubst du, dass man über jedes Thema lachen kann, selbst wenn es tragisch ist, ja sogar entsetzlich wie in diesem Fall?

Radu Mihaileanu: Man kann sich nicht über etwas lustig machen. Man darf sich nicht über etwas lustig machen. Es gibt einen Unterschied zwischen sich über etwas lustig machen und über etwas weinen auf eine andere Art. Oder man erzählt die Geschichten anders. Sich über eine Sache lustig zu machen bedeutet, sie mit Verachtung zu betrachten, ohne Gefühl, ohne davon betroffen zu sein. Wir haben überlebt, und die unsichtbare Kette, die uns Juden selbst durch Jahrhunderte miteinander verbindet, ist eine Mischung aus Religion, Humor und dieser permanenten Tragödie, die wir durchlebt, aber nicht gewählt haben. Die Tragödie und ihr Heilmittel: der Humor. Das ist unsere Kultur. Man lacht nicht über ein tragisches Ereignis. Man lacht, um zu überleben. Das ist wie eine Therapie und macht einen Teil unserer Natur aus. Das kann man uns niemals wegnehmen. Das eine entsteht aus dem anderen.

Ion Mihaileanu: Zug des Lebens ist ein Film über den Wahnsinn, nicht wahr?

Radu Mihaileanu: Ja, genau. Der Wahnsinn der Geschichte und des Lebens. Der Wahnsinn als Triebkraft aller Liebe, aller Tollkühnheiten und Herrlichkeiten der Welt. Und des Schreckens, der Barbarei, der Meuchelei ohne jedes Gewissen und Verständnis, wie in einem schwarzen Loch. Das ist ein Film über das Leben, über die Reise. Eine komische und zugleich schreckliche Reise.

Ion Mihaileanu: Wann hast du deine jüdische Identität entdeckt?

Radu Mihaileanu: Als ich nach Paris kam. Weil ich keine wirklich direkte jüdische Erziehung erhalten habe, brachte ich mir alles selbst durch Bücher bei. Ich habe das gesamte Werk von Elie Wiesel gelesen und jüdische Autoren wie Scholem Alejchem, Joseph Roth, Phillippe Roth, Saul Bellow und eine ganze Menge ostjüdische Literatur.

Ich musste ja meine Wurzeln wieder finden, weil ich nicht mehr Rumäne war. Damals habe ich nicht gedacht, dass das Ceaucescu-Regime eines Tages zusammenbrechen könnte. Ich war kein Franzose wie meine neuen Freunde. Ich war quasi ein Nichts. Ich musste schon herausfinden, wer ich war. Nun habe ich endlich begriffen, wer ich bin: ein menschliches Wesen, danach Jude, ursprünglich Rumäne und jetzt Franzose ... (DJFL)


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