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Interview mit Robert Stadlober und Kostja Ullmann zu Sommersturm

„Mama, ich bin schwul.“ Robert Stadlober und Kostja Ullmann sind die Hauptdarsteller des deutschen Kinofilms Sommersturm. Frage: Was hat Euch am Drehbuch gefallen? Robert Stadlober: Bei mir ...

Die typisch sympathische Physiognomie, ein wenig an den jungen Christopher Lambert gemahnend, besitzt dieser hanseatische Jungschauspieler, der im neuen deutsche Bubi-Filmwesen den Mädels haufenweise Teenyköpfe verdreht: „Sommersturm" wurde 2004 sein erster großer Erfolg in den Lichtspielhäusern. In ... [komplette Biografie]

Interview mit Kostja Ullmann


„Mama, ich bin schwul.“

Robert Stadlober und Kostja Ullmann sind die Hauptdarsteller des deutschen Kinofilms Sommersturm.

Frage: Was hat Euch am Drehbuch gefallen?

Robert Stadlober: Bei mir war es eindeutig die Thematik. Ich hatte das Gefühl, dass sich auf diese Weise in Deutschland noch niemand des Themas angenommen hatte – mit einem Film, der ein Massenpublikum anspricht und Menschen dazu veranlasst, sich mit dem Thema Homosexualität auf eine Weise auseinander zu setzen, wie sie es sonst vielleicht nicht tun würden. Quasi als Verlagerung des Themas aus der Queer-Film-Nische zum Mainstream. Abgesehen davon gefiel mir, dass die Emotionen und Interaktionen zwischen den Figuren im Drehbuch schon so stark herausgearbeitet waren.

Kostja Ullmann: Bei den Dialogen merkte man sofort, dass sich da jemand auskannte. Ich hatte überhaupt keine Schwierigkeiten damit, einen Zugang zu Achim zu finden, sondern habe mich sogar selber ein wenig in der Rolle gesehen.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit einem so jungen Regisseur wie Marco Kreuzpaintner?

Robert Stadlober: Ich kenne Marco schon sehr lange. Dadurch, dass er gut mit Thomas Wöbke befreundet ist, der wiederum ein guter Freund von mir ist. Ich habe das Drehbuch gelesen, und fand es so toll, das ich Thomas ständig auf den Ohren damit lag, dass ich gerne eine Rolle übernehmen würde. Als es endlich beschlossene Sache war, dass ich Tobi spielen würde, traf ich mich mit Marco, und wir sind sehr schnell enge Freunde geworden. Weil er so jung ist, hat er natürlich eine große Nähe zum Coming-Of-Age-Thema.

Er ist nur knapp älter als ich, und dadurch kann man sich natürlich ganz anders mit ihm auseinandersetzen, als mit einem älteren Regisseur. Marco ist außerdem ein sehr emotionaler Mensch, er kann dich auffangen, nimmt dich in den Arm, lässt dich an seiner Schulter ausheulen und gibt dir immer das Gefühl, dass er 24 Stunden, rund um die Uhr für dich da ist. Er ist natürlich auch eine Autorität als Regisseur, aber keine, vor der man Angst haben muss. Eher jemand, bei dem man sich sicher und geborgen fühlt.

Kostja Ullmann: Ich habe Marco erst beim Casting kennen gelernt. Da kam dieser junge Mann auf mich zu – und ich hätte nie gedacht, dass er der Regisseur sein könnte! Aber dann merkte ich schon beim Casting sehr schnell: Der Mann hat´s drauf, der weiß, was er tut. Das war sehr wichtig für mich, denn da ich früher nur fürs Fernsehen und ein wenig Theater gespielt hatte, war für mich am Set alles Neuland. Es war toll, dass das ganze Team so jung war und man leicht mit allen auskommen konnte.

Frage: Wie war die Stimmung unter den Schauspielern?

Robert Stadlober: Wir haben ja die meiste Zeit alle in einem sehr netten Hotel in Wipperfürth an der Bevertalsperre gewohnt, das für uns mehr oder weniger Jugendherbergscharakter bekam, weil nur wir „Jugendlichen“ dort hausten. Teilweise war das sehr anstrengend, vor allem weil diejenigen, die nicht so viele Drehtage hatten, trotzdem vor Ort blieben: An manchen Tagen hatte dann ein Drittel der Leute nichts anderes zu tun, als anständig auf den Putz zu hauen!

Kostja Ullmann: Das Hotel befand sich in einem zwar wunderschönen, aber sehr kleinen Dorf, in dem man als Jugendlicher nicht allzu viel unternehmen kann. Deswegen hielten sich eben alle hauptsächlich im Hotel auf.

Frage: Welche Schwierigkeiten gab es bei den Dreharbeiten?

Robert Stadlober: Es war teilweise sehr schwierig, die „Anfänger“ unter den Schauspielern zur Improvisation zu bewegen. Gleichzeitig fehlte es manchmal einfach an Konzentration, wovon ich mich persönlich auch sehr leicht ablenken lasse und gerne mal mit herumalbere.

Kostja Ullmann: Ich hatte anfänglich ein Problem damit, vor der Kamera locker und natürlich zu agieren, aber dabei hat mir Robert sehr geholfen. Dadurch, dass ich früher viele Synchronarbeiten gemacht habe, rutsche ich heute noch sehr leicht in meine Synchronstimme, was nicht wirklich natürlich klingt. Von Robert habe ich gelernt, vor der Kamera einfach so zu sein, wie man ist, und dabei trotzdem in der Rolle zu bleiben.

Robert Stadlober: Kostja hat auf jeden Fall mehr Ruhe als ich und ist viel entspannter am Set. Ich will manchmal einfach nur meine Ruhe haben, in einer Ecke sitzen und lesen und vernachlässige schon mal den Teamgedanken. Deshalb fühle ich mich vielleicht auch in den Szenen, die ich alleine spiele und in den traurigen Momenten vor der Kamera am wohlsten, die sind kein Problem für mich. Schwieriger wird es in den Bereichen, in denen ich mich nicht auskenne – wie zum Beispiel beim Rudern.

Frage: Hattet Ihr ein spezielles Rudertraining vor den Dreharbeiten?

Robert Stadlober: Ich hatte eineinhalb Monate vor Drehbeginn bei einer Trainerin Unterricht auf der Regattastrecke in München Oberschleißheim. Das bedeutete in dieser Zeit: Im Wechsel ein Tag Rudern, ein Tag Krafttraining. Dazu gab es Eiweißaufbaupräparate. Ich habe mich sehr gesund gefühlt zu der Zeit. Rudern ist sicher kein Sport nach meinem Geschmack.

Kostja Ullmann: Vor allem sieht man ja nicht einmal, wo man hinrudert, weil man ja in die andere Richtung blickt! Mein Training in Hamburg fand auf der Alster statt und war total anstrengend. Vor allem, weil ich in einer Senioren-Gruppe trainieren musste, und die älteren Ruderer ständig Pausen einlegt haben! Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder in ein Ruderboot steigen werde. Vor allem nicht bei so schlechtem Wetter, wie wir es bei den Dreharbeiten hatten ...

Robert Stadlober: Im Rudertrikot bei zehn Grad auf einem See auszuharren, ist tatsächlich eher unangenehm. Schlimmer war aber noch die Schwimmszene: Da hatte das Wasser angeblich 19 Grad, aber ich tippe eher auf 13. Die Lufttemperatur lag morgens bei zehn Grad, es lag noch Nebel über dem See, aber wir mussten so tun, als sei es heiß. Und im Übrigen bin ich ein ganz schlechter Schwimmer und musste zusammen mit Hanno Koffler ein Wettschwimmen veranstalten. Leider können wir beide überhaupt nicht kraulen, muss man dazu wissen, erst recht nicht, wenn es so kalt ist.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Euren jeweiligen Partnern vor der Kamera?

Kostja Ullmann: Mit Miriam Morgenstern, die die Sandra spielt, hatte ich schon für einen Fernsehkrimi („Das Duo – Tod am Strand“) zusammengearbeitet. Für mich war es die erste Sexszene, und ich war froh, dass mir meine Partnerin vertraut und sympathisch war. Wir haben uns auch gar nicht großartig vorbereiten müssen, sondern einfach losgelegt. Marco hatte uns zwar vorher erklärt, was er in der Szene sehen wollte, aber eigentlich wollte er, dass wir uns einfach ganz natürlich verhalten. Und das haben wir dann getan.

Robert Stadlober: Alicja Bachleda-Curus (Anke) ist wahnsinnig professionell, man merkt, dass sie in Amerika gelernt hat. Das Problem war natürlich, dass sie keine Muttersprachlerin ist und es ihr insofern kaum möglich war, zu improvisieren. Aber es spielt sich so viel in ihrem Gesicht ab, dass man dadurch trotzdem sehr gut mit ihr arbeiten kann.

Marlon Kittel (Leo) kenne ich schon seit ich vierzehn bin. Deshalb war die Sexszene kein Problem, denn wir haben überhaupt keine Hemmungen voreinander. Marlon ist sehr impulsiv, ein unglaublich lieber, herzensguter Mensch. Ich war froh, die Sexszene nicht mit jemand völlig Fremden zu drehen. Nicht, dass ich mich geschämt hätte, sondern ich hätte eher Angst gehabt, etwas zu tun, was dem Partner unangenehm werden könnte, wenn dieser gar keine Erfahrung mit „Männerliebe“ hat.

Frage: Welche Rolle spielte das Thema Homosexualität bei den Dreharbeiten?

Kostja Ullmann: Ich glaube nicht, dass irgendeiner von den Schauspielern ein Problem damit hatte, einen Schwulen zu spielen. Der „kleine Niels“ zum Beispiel, der von Michael Wiesner als die „Vorzeigetucke“ schlechthin gespielt wird, ist in Wahrheit der totale Macho! Er fährt einen weißen Mercedes und sprüht sein Armaturenbrett mit Moschus ein. Trotzdem hat er so überzeugend den Schwulen gespielt, dass man ihn dabei fast bremsen musste.

Robert Stadlober: Aber diese Klischees, die in dieser Hinsicht im Film gezeigt werden, sind ja nicht einmal überzogen, ich denke, da hat Marco einfach auf Erfahrungen zurückgegriffen. Ich glaube auch, dass viele Homosexuelle diese Klischees sehr gerne leben. „Proud to be queer“ – sie mögen es natürlich, Heteros damit zu schocken, wie im Film ja zum Beispiel unseren Georg. Das ist dann in diesen Momenten natürlich überzeichnet – aber absichtlich. Ich finde das sehr realistisch. Und wer dies mit sich selbst nicht hätte vereinbaren können, hätte auch keine solche Rolle angenommen.

Frage: Habt Ihr selbst persönliche Erfahrungen in dieser Hinsicht?

Robert Stadlober: Ich persönlich kann das alles sehr gut nachvollziehen, was mit Tobi passiert – auch wenn ich in einer Heterobeziehung lebe, finde ich Männer trotzdem anregend und interessant. Natürlich habe ich es insofern einfacher als meine Figur, denn ich stand nie vor dem Problem zu sagen: „Mama, ich bin schwul.“

Aber ich verstehe, wie Tobi sich fühlen muss, als er am Ende aus dem Bus steigt und eben genau vor dieser Aufgabe steht. Auf der einen Seite ist das natürlich ein wahnsinnig angespannter Moment, auf der anderen Seite auch ein sehr erleichternder, denn für ihn hat sich ja alles geklärt. Seine Freunde wissen Bescheid, und die, die es noch nicht wissen, sind die Eltern. Aber wenn er auch noch diesen Schritt gemacht hat, wird das ein befreiendes Gefühl sein. Er weiß, dass das große Martyrium schon hinter ihm liegt.

Ich selbst habe eher Erfahrungen damit, mich in den oder die Falsche zu verlieben. Ich war in der Schule unglaublich klein, hatte eine hohe Stimme und sah aus wie ein Mädchen, und das ist vielleicht nicht gerade das, was 15-jährige Mädchen wollen – ein weiteres 15-jähriges Mädchen. Ich saß also damals zwischen den Stühlen, was sich jedoch ein wenig änderte, als meine Stimme tiefer wurde.

Kostja Ullmann: Bei mir war es eher andersherum, dass sich Mädchen in mich verliebt haben, die ich nicht mochte. Insofern habe ich in Beziehungen selbst natürlich die ein oder andere schmerzhafte Erfahrung gemacht, aber eine unerwiderte Liebe noch nicht erlebt. Wäre ich an Achims Stelle, wäre ich vermutlich ebenfalls sehr geschockt, wenn mein bester Kumpel mir plötzlich seine Zuneigung gestehen würde. Aber ich denke, ich würde letztlich damit klar kommen, auch Achim braucht einfach seine Zeit, bis er versteht, dass sie trotzdem die besten Freunde bleiben können.

Robert Stadlober: Das Schöne an Sommersturm ist ja, dass es sicherlich viele Menschen geben wird, die ihre Vorbehalte gegenüber Homosexuellen haben, aber während des Films feststellen werden, dass es in der Liebe gar keinen Unterschied macht, ob man mit einem Mann oder einer Frau zusammen ist.

Ich denke, dass Jugendliche heutzutage mehr noch als von den Schwulen-Klischees aus Filmen von der Popmusik beeinflusst werden. Diese Homophobie, die zum Beispiel im deutschen Hip Hop vermittelt wird, finde ich viel schlimmer. Da wird „schwul“ als Schimpfwort benutzt – und das finde ich nicht sehr witzig. Klar, dass es für Jungs schwierig wird, zu ihrem Schwulsein zu stehen, wenn die ganze Klasse diese Musik hört und sich auch dementsprechend verhält. Und ich hoffe, dass sich gerade diese Menschen den Film ansehen werden. (DJFL)


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