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Interview mit Rolf Silber: Echte Kerle

Rolf Silber führt Regie in dem Film Echte Kerle Frage: Ihr Film trägt den Titel Echte Kerle? Gibt es das überhaupt noch: "Echte Kerle"? Rolf Silber: Eine Frage, die viele Gemüter zu bewegen ...

Interview mit Rolf Silber


Rolf Silber führt Regie in dem Film Echte Kerle

Frage: Ihr Film trägt den Titel Echte Kerle? Gibt es das überhaupt noch: "Echte Kerle"?

Rolf Silber: Eine Frage, die viele Gemüter zu bewegen scheint: schon während der Dreharbeiten wurden wir dauernd darauf angesprochen - sowohl von Frauen als auch von Männern. Es scheint in Deutschland eine echte Unterversorgung zu bestehen, was "Echte Kerle" angeht. Wenn wir unseren ersten Eindrücken glauben schenken dürfen, dann besteht ein Riesenbedarf nach EK's, da ist ein Markt, der in die Millionen geht, ein enormes, ungestilltes Bedürfnis. Bleibt leider nur die Frage: was ist ein "Echter Kerl"?

Frage: Wird die in Ihrem Film hinlänglich beantwortet?

Rolf Silber: Da antworte ich mal mit einem ganz entschiedenen "JEIN". Offengestanden haben wir uns schon im Casting für die Hauptrollen soviele Kerle angeschaut, dass wir bald nicht mehr wußten, welcher davon echt ist. Oder ob wir's noch sind. Schöne, häßliche, lange, kurze, dünne, dicke Kerle, alles war da. Was aber macht einen Kerl mehr oder weniger echt? Unsere Ratlosigkeit wuchs von Tag zu Tag. Wir haben uns daraufhin drei ganz besondere Exemplare der Gattung "Mann" rausgesucht und sie mit den Hauptrollen betraut. Das war so eine Art Versuchsanordnung. In diese Konstellation haben wir dann eine sehr attraktive und sehr selbstbewußte Frau dazu gegeben und das ganze mit der Kamera beobachtet.

Frage: Ach? Ein Naturfilm? Wir dachten, Echte Kerle sei eine Komödie?

Rolf Silber: Wir wollen nicht vergessen, dass es sich immerhin um eine deutsche Komödie handelt und die sollen ja immer auch einem tieferen naturwissenschaftlichen Zweck dienen ... Nein, jetzt mal ganz im Ernst: wir hatten schon ein Drehbuch, bevor wir angefangen haben. Trotzdem wollten wir uns und die Zuschauer wirklich fragen: Wann ist der Kerl ein Kerl? Und dazu mussten wir einen solchen Kerl mal exemplarisch auseinandernehmen ...

Frage: Aber hoffentlich nicht wie eine Labormaus?

Rolf Silber: Naja ... in gewisser Weise haben wir ihn schon am Schwanz gepackt und in eine für ihn ungewohnte Umgebung gesetzt: Also, unser Held Chris ist ein ziemlicher Macho. Ein Bulle - Typus: Don Johnson für's Frankfurter Bahnhofsviertel. Pech, dass er sich nach einem Streit mit seiner Freundin besäuft und - was nicht so neu für ihn ist - in einem fremden Bett aufwacht. Neu ist diesmal nur, dass er im Bett eines sehr netten, sehr gutaussehnden und eindeutig schwulen Mannes namens Edgar liegt.

Frage: Dürfen wir raten, auch der ist ein "Echter Kerl"?

Rolf Silber: Vielleicht oder vielleicht auch nicht. Das weiß der auch nicht so ganz, vor allem weil er sich gegen alle Spielregeln in seinen Überraschungsgast verliebt. Was schon deshalb nicht unpikant ist, weil dieser ja nun Polizist ist. Und Edgar ist Hobby-Autodieb und hat gerade einen in mehrfacher Hinsicht ziemlich heißen Alfa auf dem Hof stehen ... Da gerät auch Edgars Welt ziemlich aus den Fugen. Vor allem, weil dann noch diese Polizistin auftaucht, die ihm alles andere als unsympathisch ist und die plötzlich an ihm sägt ...

Frage: Ein schwuler Autodieb? In den meisten Filmen sind schwule Männer eher Damenfriseure oder Herrenaustatter ...

Rolf Silber: Ja, das gibt es sowohl als positives wie als negatives Vorurteil: Alle schwulen Männer tucken wie die Teufel, gackern wie die Hühner, machen läppische Handbewegungen und schmeißen sich bei jeder Gelegenheit in Frauenklamotten ... Man hat das bei den Schwarzen auch gehabt - der Onkel-Tom-Neger: er spielt gut Trommel und rennt die hundert Meter unter Neunkommafünf, aber ist eigentlich ein ganz ein lieber Kerl, so als Mensch. Für mich hat das so den Effekt, wie bei den alten Winnetou-Filmen: kein Indianer darf was dagegen sagen, weil die Apachen im Film endlich mal die halbwegs Guten sind. Dafür rennen sie immer in Klamotten rum, die sich der echte Apache nie oder höchstens an hohen Feiertagen anziehen würde.

Verhaftung im Vorurteil unter positiven Vorzeichen. Wir wollten eher die komischen und weniger komischen Momente beschreiben die sich ergeben, wenn ein Linkshänder und ein Rechtshänder aufeinanderprallen. Und wenn dann eine Frau dazustößt, die ihren eigenen Kopf hat und beide Männer nicht unattraktiv findet ... dann kracht's halt richtig.

Frage: Im Forum wurde schon mal die kritische Frage gestellt, ob nun in jeder deutschen Komödie ein schwules Pärchen vorkommen muss?

Rolf Silber: Naja, im richtigen Leben kommen die doch auch jeden Tag vor - nur manchmal merkt man's halt nicht. Was aber gerade passiert, warum - weit über Deutschland hinaus - das Thema angesagt ist, hat mit einer allgemeinen Verunsicherung zu tun: die Rollenmodelle, auch die sexuellen, sind nicht mehr so eindeutig, wie sie früher mal waren. Und die "Negativ"-Modelle ebenfalls. Bis vor ein paar Jahren war es zwar nicht gerade einfacher, sich gegen die festgefahrenen Rollen abzugrenzen - aber man konnte sozusagen in das Gegenteil, in den Gegenentwurf reinschlüpfen um sich gegen die Erstarrung zu wehren. Heute sind die Gegenkulturen ja teilweise auch schon wieder "Mainstream". Will heißen: alles geht unglaublich durcheinander ...

Frage: Das scheint Sie ja direkt zu freuen?

Rolf Silber: Aber klar - das Durcheinander, das ist doch die Ressource jedes Erzählers: morgens wacht einer auf und plötzlich passiert etwas, was sein ganzes Leben umschmeißt: ein UFO landet, eine Fee kommt und verzaubert ihn, ein Vampir beißt ihn oder er begegnet der Frau seines Lebens ... oder er kriegt Geld vom Finanzamt zurück. Ein ganz außerordentliches Ereignis tritt also ein und schon geht die Post ab ...

Frage: Sind Ihre "echten Kerle" eigentlich sehr "bewegte Männer"?

Rolf Silber: Nachtigall, ick hör' dir trappsen ... Nein: wir, also mein Co-Autor Rudi Bergmann und ich, sind mit dieser Stoffidee seit 1990 rumgerannt, und uns wurde mit Trauermiene in verschiedenen Sendern und Produktionsbüros gesagt, dass man - nachgerade in den Zeiten von AIDS - keine Komödie machen könnte, die sich zur Hälfte in einer schwulen Lebenswelt bewegt. Naja, das waren wahrscheinlich dieselben Leute, die fünf Jahre vorher unsere Idee für eine Serie mit einem Lehrer abgelehnt hatten, weil sich angeblich kein Zuschauer für sowas interessiert. Unser Lehrer hatte allerdings, wenn ich mich recht erinnere, auch keinen Vogelnamen gehabt ... daran muss es gelegen haben. Also, die "echten Kerle" haben mit einer ganz konkreten Lebenserfahrung von mir Ende der 70er zu tun, wo ich als junger Student als einziger 96-prozentiger Hetero mehrere Jahre in einer überwiegend schwulen WG gelebt habe. Was da an kleinen, aber um so komischeren alltäglichen Sachen passierte - etwa wenn die Mutter eines schwulen Mitbewohners sich zu Besuch ankündigt, während man gerade alleine zu Hause ist und man, im Irrglauben, der habe ihr gegenüber sein "Coming out" noch nicht gehabt, in Windeseile die Wohnung auf "Hetero" umzubauen versucht - das hat uns interessiert. Und was passiert, wenn wirkliche Gefühle ins Spiel kommen - wenn es plötzlich um Liebe, Freundschaft, Vertrauen geht.

Frage: Nun gibt es aber auch Leute, die sagen, dass es langsam zu viele Komödien, vor allem deutsche, gäbe?

Rolf Silber: Ach?! Na das hätten wir aber mal dem alten Aristophanes sagen müssen, als der vor zweieinhalbtausend Jahren mit dem Komödienschreiben anfing, dass er das lieber lassen soll. Shakespeare und Moliere ebenfalls, die alten Kulturbanausen.

In keinem anderen Land der Welt hat man dieses Problem. Hollywood ist auf Slapstick-Komödien aufgebaut worden. Nein, mir ist das ganz lieb, dass es mehr deutsche Komödien gibt - dann passiert mir vielleicht nicht mehr, was sich vor Jahren in einem feinen Londoner Club ereignete, als mich jemand fragte, was ich so beruflich mache. "Filmdirector" fand er für einen deutschen Gast schwer in Ordnung, aber als ich auf die Frage nach dem Genre mit "Comedy" antwortete, explodierte der ganz Saal vor Lachen. Die haben gejohlt und sich auf die Schenkel geklatscht und mich zum "last unicorn" zum "Letzten Einhorn" ernannt. Soviel zum Thema deutscher Humor.

Außerdem: Was sollen wir denn machen? Sollen wir wieder diese trübe Betroffenheitssuppe mit originalverkrampften Künstlerkaldaunen anrühren, mit der in den 70er und 80er Jahren das Publikum vergrault wurde? Wohlgemerkt: nicht aus dem Kino - nur aus Filmen die das "Markenzeichen" deutsch trugen?

Frage: Also - weiter eine Komödie nach der anderen? Geht das dann wie mit dem Heimatfilm in den 50ern - erst der Erfolg, dann ein plötzlicher Exitus?

Rolf Silber: Nein - weil aus diesen Komödien ja eventuell etwas hervorgeht: Ist "Keiner liebt mich" nun primär eine Komödie gewesen oder etwas anderes? Das war immerhin 1,2 Millionen Zuschauern egal. Ich sehe das ganz trocken industriepolitisch, auch wenn da der eine oder andere nun aufjault: Die Japaner haben sich auch erstmal mit einfachen, kleinen Transistorradios und murkeligen Spiegelreflexkameras etabliert und ihrem "Publikum" Schritt für Schritt klargemacht, dass japanische Waren nicht immer billige, bunte Plastikdinger sind, die sich beim zweiten Ausschalten in ihre Einzelteile zerlegen. Und wir müssen das ebenfalls Schritt für Schritt machen.

Es war ja in der Vergangenheit Mode, sich jedes Jahr eine Berufssparte in der Branche rauszusuchen und die dann für die Misere des deutschen Films abzuwatschen - mal waren die Autoren schuld, dann die Regisseure, dann die Verleiher, dann die Schauspieler ... Tatsache ist, dass wir überall, gleichmäßig verteilt, Mängel hatten, die nun Stück für Stück beseitigt werden. Außerdem gibt es in jeder kulturellen Entwicklung "Hoch"-zeiten und Abstürze ... wir krabbeln nun aus dem Loch des "Beinahe-Null-Marktanteils" und Komödien sind momentan eben die richtigen Steigeisen dafür. Was mich persönlich angeht, sowieso - ich habe bisher eigentlich fast nur Komödien gemacht.

Frage: Gibt es da eigentlich ein Rezept? Es werden nun allenthalben Kurse und Seminare zum Schreiben von Comedies und Sitcoms angeboten ...?

Rolf Silber: "Skepsis" ist mein zweiter Vorname, auch hier - man kann dort bestimmte Grundstrukturen des Schreibens, der handwerklichen Seite lernen, sicher. Aber wer nicht gerne andere Menschen beobachtet, wer sich nicht an ihrer Eitelkeit, Blödheit, ihrem Aufgeblasensein aber auch an ihrer Schönheit freuen kann - der soll es lassen. Ich lese zu oft Drehbücher, die einfach nur ein kaltes Konstrukt sind, bei denen man sofort spürt, dass der Autor keine zwei Minuten in seine Figuren verliebt ist - so kann keine Komödie funktionieren. Selbst die negativen Figuren müssen mich irgendwie anmachen. Wir haben in "Echte Kerle" auch zwei klassische "Sidekicks" die etwas gröber gezeichnet sind, zwei Kollegen von Chris, die seiner neuen Freundschaft zu einem schwulen Autodieb auf die Schliche kommen. Aber ich mag die beiden trotzdem gerne - sie sind Opfer ihrer eigenen Blödheit. Und weil wir das alle wissen, kann man ihnen ja am Ende trotzdem eine Chance geben ...

Frage: Aber in Deutschland wird doch immer der sogenannte "englische" Humor eingeklagt. Der ist doch gemeiner?

Rolf Silber: Entschiedener Protest! Nehmen wir mal den Vollidioten, den Kevin Kline im "Fisch namens Wanda" spielt, als bekanntestes Beispiel: Man mag dieses Arschloch ja irgendwann wirklich gerne. Gerade dieser bitterböse Film geht eigentlich mit seinen Figuren ziemlich schonend um. Die haben zwar alle eine Vollmeise, eine Macke, einen Tick - aber ich freue mich auf sie, selbst auf die alte Dame mit den drei Hunden. Und ich mag einfach, dass es sie gibt und ich spüre, dass es sie auf die eine oder andere Art auch wirklich gibt. Mindestens in London. Das ist eine Haltung, die schon aus dem Schreiben, aus dem Drehbuch kommt - und das ist das, was uns der sogenannte englische Humor voraus hat, der im Grunde sagt: Du kannst so bescheuert sein wie Du willst, aus irgendeinem Grund, den keiner so genau kennt, aber auch Du hast eine Lebensberechtigung. Und sei es nur die, dass wir uns in aller Freundschaft mal über dich beömmeln dürfen. Wenn "englischer Humor" so verstanden wird - dann möchte ich mehr davon in deutschen Filmen sehen. Arbeiten wir halt dran ...

Frage: Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch, Rolf Silber! (DJFL)


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