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Interview mit Silvio Soldini: Brennen im Wind

Silvio Soldini ist der Regisseur des Films Brennen im Wind Frage: Was hat Sie bewogen, nach dem überraschend großen Erfolg der Kinokomödie Brot & Tulpen einen so dramatischen, ernsthaften Film zu ...

Seinen bislang größten Triumph feiert Silvio Soldini 2000 mit seinem vierten Spielfilm Brot und Tulpen (Pane e Tulipane). Sowohl das Publikum als auch die Filmkritiker sind begeistert. Der Film gewinnt 9 "David di Donatello und 5 "Nastri d´Argento" der italienischen Filmkritik. In Deutschland ... [komplette Biografie]

Interview mit Silvio Soldini


Silvio Soldini ist der Regisseur des Films Brennen im Wind

Frage: Was hat Sie bewogen, nach dem überraschend großen Erfolg der Kinokomödie Brot & Tulpen einen so dramatischen, ernsthaften Film zu machen?

Silvio Soldini: In Wirklichkeit war die Reihenfolge umgekehrt. Dieses Projekt ist schon vor Brot & Tulpen geboren worden. Kurz nachdem mein Film Le Acrobate im Kino angelaufen war, hatte ich auf Anregung von Doriana Leondeff Agota Kristofs Roman gelesen, und gemeinsam haben wir beschlossen, dass wir aus dieser literarischen Vorlage unseren nächsten Film entwickeln würden.

Aber je näher der Zeitpunkt rückte, sich intensiver damit zu beschäftigen, umso mehr wuchs der Widerstand in mir das Gewicht einer internationalen Koproduktion, die Arbeit mit ausländischen Schauspielern, schwierige Dreharbeiten außerhalb Italiens. Vor allem aber fühlte ich damals das starke Bedürfnis, mich in einen leichteren Stoff zu stürzen, etwas spielerischer mit dem Kino umzugehen, noch unerforschte Seiten von mir zu entdecken, eine neue Herausforderung zu wagen auf dem für mich noch unbekannten Gelände der Komödie. Und so haben wir also zunächst Brot & Tulpen gemacht. Ausgerechnet dieser Film ist dann letztendlich aufwendiger geworden als alle anderen Filme, die ich davor gedreht hatte, und bei weitem der erfolgreichste.

Als dann Brot & Tulpen im März 2000 in die Kinos kam, war meine Lust auf Komödien vorerst gestillt. Natürlich hätte ich gleich eine weitere Komödie drehen können. Aber bitte schön: warum? Ein Autor muss dorthin gehen, wohin ihn seine Wahl führt, in der Hoffnung, dass diejenigen, die ihn lieben, ihm folgen werden. Und da waren wir eben in der glücklichen Lage, auf einen ganz anderen Stoff zurückgreifen zu können, an dem die Arbeit bereits in die Gänge gekommen war. Vier Monate später hatten wir schon das fertige Drehbuch von Brennen im Wind. Das war vorher noch nie passiert. Sonst habe ich gewöhnlich zwischen meinen Spielfilmen Dokumentarfilme gedreht.

Frage: Bislang haben Sie immer Filme gemacht, die auf Ihren eigenen, originalen Drehbüchern beruhten.

Silvio Soldini: In der Tat war es das erste Mal, dass mich die Lektüre eines Buches so gefesselt hat, dass ich es unmittelbar in Bilder übersetzen wollte. Natürlich bin ich im Lauf der Zeit vielen spannenden Büchern begegnet, die mich beeinflusst, meine Arbeit geprägt haben. Aber als ich den Roman von Agota Kristof las, spürte ich unmittelbar den Wunsch, ihn mit den Möglichkeiten des Kinos zu erzählen. Das lag zum einen an der bestechend einfachen und zugleich unglaublich intensiven Sprache, mit der Agota Kristof erzählt, zum anderen an der Kraft und Faszination, die von Tobias, dem Protagonisten der Erzählung, ausgehen.

Ich wollte in Bildern jene alles versengende Leidenschaft wiedergeben, das ganze Feuer, das Tobias in sich trägt, die Verrücktheit dieses Menschen, die aus Erlebnissen in der Vergangenheit resultiert und ihn ständig versengt, wie ein heißer Wind. Ich war mir sicher, dass es eine unglaubliche Liebesgeschichte werden würde.

In der Geschichte dieses Buchs ist alles vorhanden: die prostituierte Mutter, der Vater, der sich weigert, seinen Sohn anzuerkennen, der versuchte Mord am Vater, eine Liebe mit den Zügen des Inzests, eine ungerechtfertigte Abtreibung, der versuchte Mord am Ehegatten. Und dann die Armut, die Emigration, die Entfremdung, der Ehrgeiz des Schriftstellers. Wenn ich mich ganz der Erzählung von Agota Kristof überlassen hätte, wäre ein melodramatischer Film daraus geworden.

Frage: Und was ist es Ihrer Meinung nach für ein Film?

Silvio Soldini: Ich habe versucht, die Menschen bei aller Kälte zu erwärmen und die poetische Sprache der Dialoge etwas nüchterner zu gestalten. Als ich gerade dabei war, habe ich kurz entschlossen auch das Ende des Films umgeschrieben.

Frage: Wie kann man sich Ihre und Doriana Leondeffs gemeinsame Arbeit am Drehbuch vorstellen?

Silvio Soldini: In einer ersten Arbeitsphase haben wir sozusagen eine "Null-Version" des Drehbuchs erstellt, die sich noch deutlich am Roman orientierte. Danach konzentrierten wir uns auf die Dialoge. Wir wollten den Charakter von Kristofs Dialogen erhalten, ihre literarische Qualität. Die wollten wir nicht verraten, nicht banalisieren. Danach sind wir in eine letzte Fassung gegangen, dabei haben wir versucht, den Roman einfach zu vergessen. In dieser Phase sind neue ergänzende Szenen dazu gekommen, kleine Verbesserungen entstanden, zum Beispiel die visionären Szenen. Im Buch ist ja auch das traumhafte, imaginäre Element sehr stark vorhanden.

Frage: Es ist das erste Mal, dass ein Mann und nicht eine Frau im Mittelpunkt ihrer Filme steht. Wie würden Sie Tobias, die Hauptfigur, charakterisieren? Er hat ja eine sehr komplexe Persönlichkeit.

Silvio Soldini: Alle Protagonisten meiner Filme müssen etwas haben, das ich fühlen kann. Sie müssen in der Lage sein, zu verstehen, sich mitzuteilen. Das gilt auch für Tobias. In ihm sind viele Anteile meiner anderen Figuren präsent. Da spielt es keine Rolle, ob sie weiblich oder männlich sind. Nehmen wir zum Beispiel Veronica im Film L'aria serena dell'Ovest - eine Person, die auf ihre Weise brennt, die nur ihrem Brennen noch keine rechte Richtung zu geben vermag. Dieses Brennen im Wind hat sehr viel mit Begehren zu tun, mit Leidenschaft, mit Liebe. Aber es hat auch etwas damit zu tun, wie man sich dem Leben stellt. Gelegentlich sind die Hauptfiguren etwas verloren, verwirrt, wissen nicht genau, was sie wollen - wie etwa Elena und Maria in Le Acrobate - aber sie sind sich wenigstens darüber im Klaren, was sie nicht wollen, was sie verachten. Und das ist ein Leben, das leer ist, ohne Sinn.

Tobias habe ich als Figur nicht selbst erfunden, aber es war ein spannender Prozess, ihn Tag für Tag gemeinsam mit seinem Darsteller Ivan Franek genauer zu ergründen, neu zu definieren, mit jedem Dialog, jedem Einsatz, jeder Geste, jedem Blick. So stelle ich mir auch die Arbeit im Theater vor, die auf einer theatralischen Vorlage basiert, mit der man sich auseinandersetzen muss. In diesem Sinne war Brennen im Wind für mich eine wunderschöne Übung, Dialoge, die mich faszinierten, die ich niemals so schreiben könnte, umzusetzen, ihnen Leben zu verleihen. Es war eine Herausforderung, die mich sehr bereichert hat.

Frage: Wie haben Sie die Schauspieler gefunden?

Silvio Soldini: Nun, zunächst einmal war die Besetzung von Tobias extrem wichtig. Der Hauptdarsteller eines solchen Films muss perfekt passen, er muss wirklich Tobias sein - das war schon alles ziemlich aufregend, denn wenn man hier die falsche Auswahl trifft, hat man nicht die geringste Chance, die Stärken der literarischen Vorlage in den Film hinüber zu retten. Tobias musste aus Osteuropa stammen und im Westen leben, in der französischen Schweiz. Ich konnte mir keine andere Umgebung für diese Geschichte vorstellen. Wir haben uns dafür entschieden, unsere Suche nicht auf ein einziges osteuropäisches Land zu beschränken. Aus der Nationalität des Darstellers ergab sich dann zwangsläufig auch die von Tobias. Sein Alter sollte zwischen dreißig und vierzig Jahren liegen.

Das Casting war Ergebnis einer sehr gründlichen Suche. Jorgelina Depetris, die dafür zuständig war und mit mir seit den Zeiten von Un'Anima divisa in due zusammen arbeitet, ist durch alle Hauptstädte des Ostens gereist, von Bukarest nach Warschau, Sofia, Budapest, Prag, aber auch nach Paris, weil wir meinten, dass der Protagonist ja auch gut französisch sprechen sollte, wenn er schon fünfzehn Jahre in der Schweiz lebt. Und in Paris haben wir schließlich Ivan Franek gefunden. Er hatte genau das, wonach ich suchte. Kein anderer hatte diesen intensiven Blick, diese Fragilität. Weil er Tscheche ist, sind wir also nach Prag umgezogen; dort haben wir dann die anderen Interpreten gesucht, damit sie in der gleichen Sprache miteinander sprechen konnten. Ich wollte unter keinen Umständen einen dieser konfektionierten europäischen Filme herstellen, in denen die Schauspieler auf dem Set jeweils in ihrer Muttersprache miteinander kommunizieren und nur so tun, als würden sie sich gegenseitig verstehen.

Frage: Was hat Sie dazu gebracht, zum ersten Mal im breiten Format zu arbeiten?

Silvio Soldini: Schon bei Brot & Tulpen hat mir mein Kameramann Luca Bigazzi vorgeschlagen, auf Super 35 mm zu drehen. Aber je genauer ich die Schauplätze in Venedig unter die Lupe nahm, desto mehr war ich überzeugt, dass es in diesem Fall das falsche Format gewesen wäre. Es bietet zwar wunderschöne Möglichkeiten, aber es hindert dich auch daran, Bilder in der Vertikalen zu entwickeln. Brennen im Wind ist ein ganz anderer Film, er hat mit ganz anderen Räumen zu tun. Er spielt nicht in der Großstadt; die Stadt selbst hat keine Bedeutung. Es war wichtiger, die zeit- und raumlose Atmosphäre des Romans lebendig werden zu lassen, weit entfernt vom Naturalismus meiner bisherigen Filme. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Bilder weiten müssten, die Wälder, die Himmel, die vielen Szenen im Autobus, im Wechsel der Jahreszeiten, im Schnee oder Regen, im Frost oder in der Sonne.

Frage: Warum haben Sie ausgerechnet die Schweizer Kleinstadt La Chaux-de-Fonds als zentralen Schauplatz ausgesucht?

Silvio Soldini: Ich kannte diese Gegend schon, weil ich ein paar Jahren zuvor dort war. Als ich dann das Buch von Kristof las, habe ich sie sofort wieder erkannt. Agota Kristof lebt ganz in der Nähe, in Neuenburg. Das Gebiet von La Chaux-de-Fonds ist traditionell ein Zentrum für die Herstellung von Schweizer Uhren. Für mich besitzt diese Landschaft eine große Intensität. Es ist jedenfalls nicht die Postkarten-Schweiz, eher das Gegenteil davon. Die Stadt liegt etwa 1000 Meter hoch; im 18. Jahrhundert wurde sie durch einen Großbrand sozusagen dem Erdboden gleich gemacht. Dann hat man sie wieder aufgebaut, nach städtebaulichen Vorstellungen, die in jener Zeit avantgardistisch waren. Wenn man heute dort ankommt, merkt man zunächst überhaupt nicht, dass man sich in der Schweiz befindet. Da weht eine ganz andere, eine zeitlose Luft, und genau das habe ich gesucht. Wie der Roman wollte auch ich ein Gefühl der Orts- und der Zeitlosigkeit erzeugen.

Frage: Im Roman spielen die Emigranten, ihre eigene Welt im Exil, eine wesentliche Rolle.

Silvio Soldini: Auch wenn sie im Film beiläufiger als im Roman erscheinen, so habe ich doch ganz bewusst jene Elemente erhalten, die den Gefühlshorizont von Menschen ausmachen, die ihr Land verlassen mussten, um irgendwo anders zu überleben. Die Entwurzelung, Fremdheit und Einsamkeit auf einem Boden, der einem nicht vertraut ist, das sind Themen von großer Aktualität. An einem gewissen Punkt gewinnt die Liebesgeschichte in meinem Film eindeutig die Oberhand, aber sie bleibt beeinflusst durch die besondere Umgebung, in der sie sich abspielt. Insofern sind auch die anderen Immigranten - Janek, Pavel, Kati, Vera - extrem wichtig. Es lag mir sehr am Herzen, dass dieses soziale, gefühlsmäßige Umfeld nicht verloren ging. (DJFL)


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